Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier.
Perefim ist ein bisschen müde. Er hat die ganze Nacht damit verbracht, einen Gedenkstein für die Opfer des Massakers an der Virginia Tech University zu konstruieren. Jetzt steht er da, auf einer Insel, die Perefim gerade für einen Kunden gestaltet. "Im Gedenken an jene, die am 16. April in der Virginia Tech verlorengingen", steht auf dem Stein. Ein paar Besucher haben inzwischen auch Kerzen und Blumen abgelegt – alles virtuell, aber die Trauer ist echt.
Während Perefim mir erzählt, dass einige ihm vorgeworfen hätten, er wolle mit dem Gedenkstein ja nur Werbung für seine Arbeit machen, taucht Kaydeekay auf. Sie hat über die Suchfunktion von "Second Life" entdeckt, dass Perefim frei kopierbare Gedenksteine verschenkt, und sie ist gekommen, um sich einen abzuholen, um ihn auf dem virtuellen Campus ihrer Universität aufzustellen. Sie studiert an der University of Chapel Hill in North Carolina – ein paar Hundert Kilometer weit entfernt von Blacksburg, wo ein Amokläufer gestern 33 Menschen getötet und viele weitere verletzt hat. Sie habe gerade herausgefunden, dass sie den Lehrer des Deutschkurses dort gekannt habe, sagt Kaydeekay, und dass sie sehr traurig sei.
Am gestrigen Abend, kurz nach der Bluttat von Blacksburg, hat es schon eine Totenwache mit virtuellen Kerzen gegeben in SL. Viele hier sind US-Studenten oder Universitätsangestellte – das Mitgefühl, dass die virtuelle Welt ergriffen hat, ist vollkommen echt. Schon gibt es eine eigens eingerichtete Gruppe, die Spenden für die Angehörigen der Opfer sammelt – in Lindendollar.
Anderswo steht ein weiters "Virginia Tech" Memorial. Ein kleiner Zen-Garten mit sorgfältig gerechten Steinchen an einer idyllischen Stelle am Strand. Einige Tafeln mit dem Logo der Universität stehen dort, auf anderen stehen Gedichte über die Unbegreiflichkeit des Todes. Im Sand liegen Blumen und Kerzen. Die Erbauerin hat eine kleine Textbotschaft zurückgelassen: Ihre Gedanken seien bei denen, die durch diese entsetzliche Tragödie Verluste erlitten hätten.
Neben der improvisierten Gedenkstätte steht Dolores, die genauso sexy zurechtgemacht ist, wie man das von SL-Bewohnrinnen gewohnt ist - heute aber sehr ernst. Sie habe das Monument nicht selbst gebaut, sagt Dolores, aber "ich habe mein Haus abgerissen, um dafür Platz zu schaffen". Sie hat nicht an der Virginia Tech studiert, aber im dortigen Football-Stadion gearbeitet, erzählt Dolores. Während wir uns unterhalten, kommen weitere Besucher, ein Avatar nach dem anderen bleibt schweigend vor der Gedenkstätte stehen, einer legt weitere Blumen nieder.
Auch ein "Furry"-Avatar ist dabei, einer der relativ großen Gruppe, die hier am liebsten als comic-hafte Pelztiere herumlaufen. Niemand käme auf die Idee, dass seine Erscheinung eine Verhöhnung der Opfer sein könnte. Ein anderer, ein Avatar namens Maxx, sagt zuerst: "Gott segne ihre Seelen." Als ich mein Erstaunen darüber formuliere, wie schnell die SL-Gemeinschaft auf die Tragödie von Blacksburg reagiert hat, sagt Maxx: "Wir mögen hier Rollen spielen und ein erfundenes zweites Leben führen. Aber wir sind alle Menschen mit Mitgefühl."
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Ich sehe das zwar ähnlich kritisch wie Sie, aber nicht so extrem. Neue Medien sind immer erst einmal etwas spannendes, was neugierig macht und auch machen darf. Sie verändern aber auch unser soziales Miteinander, schränken die [...] mehr...
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