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15.05.2007
 

"Second Life"-Tagebuch

Sponto gerät in den Picassogenerator

Von Christian Stöcker

"Second Life" kann eine ganz schön brutale Welt sein. Beim Besuch einer Ausstellung wurde Sponto selbst zum Opfer: Warhols berühmte Tomatensuppe attackierte die Dame, es war als habe jemand Drogen in den virtuellen Prosecco gerührt.

Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier

Mit Beuys könnte man sagen: In "Second Life" ist jeder ein Künstler. Den eigenen Avatar gestalten, mit anderen in Kontakt treten, sich selbst oder genauer die selbstgewählte Repräsentation des Selbst in bizarre Kontexte stellen – das alles heißt Teilnehmen am merkwürdigen Gesamtkunstwerk SL.

Jeder ein Künstler, jeder ein Kunstwerk. Dabei wäre es in Zeiten, in denen das Warhol-Diktum mit den 15 Minuten Ruhm selbst Kindergartenkindern flüssig über die Lippen geht, doch eigentlich ganz schön, wenn mal wieder Künstler Künstler wären und nicht ständig irgendwelche Amateure.

Auch das gibt es hier: Viele, die im realen Leben echte Kunstwerke schaffen, nutzen SL als Ausstellungsraum mit globalem Publikum – oder als Testgelände für ganz neue Formen. Viele Ausstellungen sind allerdings ziemlich langweilig: Virtuelle Versionen echter Galerieverkäufe, mit digitalisierten Versionen herkömmlicher Malerei oder Fotografie an der Wand.

Echte SL-Kunst dagegen setzt sich oft mit der Frage auseinander, was eine virtualisierte Gesellschaft ausmacht - und was einen Lebensraum mit digitalen Körpern vom "Meatspace" da draußen vor den Rechnern unterscheidet.

Auf der Künstler-Insel "Odyssey" gibt es bis Ende Mai eine Ausstellung zu sehen, die das Avatar-Sein selbst thematisiert. Odyssey ist Künstlerkollektiv, Ausstellungsraum und Atelier zugleich. Betrieben wird die Insel von zwei Mäzenen, die die Grundsteuer bezahlen und schöpferischen Bewohnern so Raum für Kreativität zur Verfügung stellen.

Gazira Babeli hat dort ein paar verblüffende Werke geschaffen, die einerseits Verbindungen zu einigen der großen Strömungen des 20. Jahrhunderts herstellen – Pop, Dada, Abstraktion, Performance – und andererseits darüber hinausweisen. Denn Avatar-Kunst kann etwas, das reale Werke nicht können: Den Betrachter nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich verändern, ihn vom Subjekt zum Objekt zu machen. Für mich war diese Erkenntnis mit einem ziemlich demütigenden Gefühl von Kontrollverlust verbunden – ich war am Ende sehr froh, ganz alleine im Austellungsraum zu sein.

An den Wänden des "Odyssey"-Austellungsraumes hingen zum Zeitpunkt meines Besuchs ein paar Leinwände mit virtuellen Ölgemälden. An den großformatigen Bildern waren digitale Versionen billiger Wartezimmerstühle angebracht. Auf einer kleinen Tafel an der Wand stand "Avatar on canvas" – Avatar auf Leinwand. Nun würde man sich in einem realen Museum hüten, sich in ein Kunstwerk hineinzusetzen (Erinnerungen an die Beuys'sche Fettecke und ihr abruptes Ende durch den Lappen einer übereifrigen Reinigungskraft werden da wach).

In SL jedoch ist jeder Stuhl mit einem "setz' dich"-Skript versehen, und wenn sich die Möglichkeit nun mal bietet, dann setzt man sich eben ins Bild – was kann schon passieren?

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