Also nahm ich Platz, um ein Foto zu schießen und kein Spielverderber zu sein. Während ich noch mit der Kamera hantierte, um mich selbst möglichst gut zu treffen auf meinem Leinwand-Hochsitz, geschah etwas sehr Beunruhigendes: Plötzlich war Spontos Kopf verschwunden. Präzise gesagt, stellte ich dann fest, er war nicht weg, sondern steckte in Spontos Bauch, mit dem Gesicht nach hinten. Zwischen den Schultern ragte stattdessen ein Arm senkrecht nach oben.
Während ich mich noch über die Deformation wunderte, verschwand plötzlich mein anderer Arm und tauchte dann seitlich an einem Kniegelenk wieder auf, allerdings etwa dreimal so lang wie vorher. Inzwischen saß mein Kopf wieder auf meinem Hals, nur dass der nun geschätzte 1,5 Meter lang war und der blaue Irokesenschnitt nach unten statt nach oben zeigte, während meine Füße samt Schuhen sich irgendwie an meinen Schultern festgesetzt hatten.
Der durchgedrehte Picassogenerator
Es war, als sei Sponto in einen durchgedrehten Picassogenerator geraten: Einmal von den "Demoiselles d’Avignon" über die "Weinende Frau" bis "Guernica" und wieder zurück im Schnelldurchlauf. Zyklisch erlitt mein digitaler Damenkörper eine groteske Deformation nach der anderen.
In SL kann ein Künstler eben nicht nur mittelbar, sondern unmittelbar den Betrachter verändern. Zuerst war ich von der Idee begeistert. Alles sehr amüsant. Dann stellte ich fest, dass die Körper-dekonstruktivistische Wirkung des Bildes nicht nachließ, als ich wieder von dem Leinwandsitz aufgestanden war. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Rest der Ausstellung als belebte Skulptur von Babelis Gnaden zu durchwandern. Gern wäre ich bei der Eröffnung dabei gewesen und hätte mir all die kunstbeflissenen, vom sektschlürfenden Subjekt zum willenlosen Kunstobjekt mutierten Avatare angesehen.
Ein paar Schritte weiter wurde die in diesem Moment mit einem Teleskoparm am Ohr ausgestattete Sponto von einer überdimensionalen Dose Campell’s Tomato Soup attackiert. Eine ganze Batterie von Warhols berühmten Schnellfraß-Porträts stand herum, annonciert mit einer Tafel mit der Aufschrift "Sie lieben Pop Art, aber Pop Art hasst Sie". Die fiese Dose packte meine ja ohnehin schon ziemlich mitgenommene Avatarin und sprang mit ihr wild im Raum herum.
"Du sollst doch nicht 'neue Medien' sagen!"
Nach ein paar Augenblicken gab sie mich glücklicherweise wieder frei. Der erlebte Kontrollverlust war zwar virtuell, aber emotional ganz echt: Als hätte einem jemand Halluzinogene in den Vernissage-Prosecco gerührt. Gut, dass man in SL mit einem Menübefehl aus dem Trip aussteigen kann. Ein anderes Werk transportierte die deformierte Sponto dann mit einem Klick in eine weite, leere Wüstenei mit ein paar schiefen Säulen – plötzlich war ich das einzige Wesen in einer surrealistischen Landschaft, die bis zum Horizont reichte, ein fühlendes Objekt in einer Landschaft von Ives Tanguy. Zum Glück brachte mich ein Klick auf einen Regenschirm (aus dem es ununterbrochen regnete) am Kapitell einer Säule wieder zurück in den Ausstellungsraum.
Da stellte ich dann fest, dass sich unter meinen Fußsohlen am Boden eine der kleinen Erklär-Tafeln befand. "Don’t say new media", stand darauf drohend, und eine per Klick eingesammelte Texttafel erklärte, dass die Künstlerin es gar nicht möge, wenn man ihre Werke als Kunst mit neuen Medien bezeichne. Spaßeshalber tippte ich "new media" ins Chatfenster – ein Fehler. Ich wurde von einem gewaltigen Wirbelsturm gepackt und in dem kleinen Austellungsraum im Kreis herumgeschleudert.
"Du solltest doch nicht ‚neue Medien’ sagen, Sponto Apparatchik!" schalt ein Textfenster in der linken unteren Bildschirmecke. Nach einer Weile des wehrlosen Herumgeschleudertwerdens – ich dachte schon darüber nach, mich auszuloggen, um dem Zorn des Kunstwerks (oder des Künstlers?) zu entkommen – forderte das Textfenster eine Entschuldigung von mir: "Sag ‚sorry’, Sponto Apparatchik." Also tippte ich ‚sorry’ – und wurde wieder sanft am Boden abgesetzt.
Kuratoren und Künstler auf der guten alten Erde, da habe ich keinen Zweifel, träumen heimlich davon, Ausstellungs-Schwadroneuren mit genau solchen Methoden beizukommen. In SL ist alles ein bisschen brutaler – auch die Kunst.
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