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Hippe Handarbeit Hacker zu Stricklieseln

2. Teil: "Das Internet ist ein subversives Medium" - wie die Techno-Humanisten der Gegenwart ultrahippes Webdesign für ein uraltes Gewerbe nutzen ...

Kalin wirkt wie ein Elfenmann aus einem Fantasyfilm, ein zierlicher Mittzwanziger mit rotblondem Wirrschopf und blitzenden Augen. Wenn er über seine Vision spricht, glaubt man, einem religiös Beseelten zuzuhören: "Diese Bewegung ist größer als alle Walmarts dieser Welt", sagt er. "Das hier ist viel mehr als ein kleiner Trend und auch keine vorübergehende Mode."

Die Menschen, ist der passionierte Bastler überzeugt, haben die Nase voll von Massenproduktion und der zwangsläufigen Entfremdung von Produzent und Konsument: "Das Internet ist für mich ein sehr subversives Medium, und es hat bereits begonnen - nach nur 10 Jahren - die Weltwirtschaft und Unternehmen fundamental zu verändern, dem Einzelnen Macht zurückzugeben."

Stöbern in animierten Farbklecksen und Zeitspiralen

Die Techno-Humanisten, die Wikipedia, Open-Source-Software und Craigslist als Vorboten einer besseren Zukunft betrachten, entdecken in Etsy, "Make" und Geekdad.com die Hardware-Entsprechung der Software-Revolution des vergangenen Jahrzehnts. "Das Internet ist zu einem Nischenmarkt geworden", sagt Malte Gösche, einer der Gründer der Produktempfehlungsseite iliketotallyloveit.com, "in dem jedes Produkt, sei es noch so skurril, gefunden und bestellt werden kann."

Etsy ist auch als Plattform die Verkörperung der unerwarteten Allianz aus Technikfreak und Strickliesel, die sich da gerade formiert: Auf der Seite gibt es Häkeldeckchen, Kristallschmuck, Holzschüsseln und Tonskulpturen - präsentiert in fast schmerzhaft hippem Webdesign, mit einer Funktionalität, die "Web 2.0" schreit und es gleichzeitig mit technolgischen Tricks schafft, eine Art Schaufenster-Shoppen im Browser zu ermöglichen. Man kann auf der Etsy-Seite in animierten Farbklecksen herumstöbern und sich farblich passende Produkte vorführen lassen oder in eine Zeitspirale aus Produktfotos eintauchen, die Angebote nach Einstell- oder Verkaufsdatum sortiert aus dem Bildschirm sprudeln lässt.

Neue Sockenstrickmenschen für Kunden ohne Oma

Gleichzeitig betont das Webdesign die soziale Komponente dieser Art von Handel - sogar hübsch animierte Netzwerke aus Verkäufern kann man sich anzeigen lassen, verknüpft mit kleinen Fotos von deren Produkten. "Wir nutzen das Web", sagt Kalin, "um den Produzenten und den Konsumenten wieder zusammenzubringen."

Die Propheten der Bewegung haben für dieses uralte Prinzip den Begriff "social commerce" geprägt - darunter fällt Etsy ebenso wie Produkt-Empfehlungsseiten wie das deutsche Projekt iliketotallyloveit.com oder die nutzergetriebene Preissuche von dealjaeger. Gemeinschaftlich shoppen wider die Entfremdung. Am stärksten aber ist social commerce, wenn Produkt, Käufer und Verkäufer die wohlige Wärme selbstgehäkelter Hüttenschuhe eint.

Kathrin Pöhlmann formuliert es so: "Es hat nicht mehr jeder eine Oma, die Socken stricken kann. Deshalb sucht man sich jetzt eben neue Sockenstrickmenschen." Johanna Cenit, die über Dawanda handgemachtes Porzellan verkauft, sagt: "Ein persönliches Feedback, das Achtung und Freude an dem Objekt vermittelt, ist unglaublich wichtig." Man mache eben "keine Joghurtbecher", so die 38-Jährige, "sondern gibt ein Stück von sich, das man geliebt wissen möchte und dessen Anerkennung oder Kritik einen direkt betrifft."

Dawanda hat das Etsy-Prinzip recht erfolgreich in die bislang eher von Kunsthandwerkermärkten geprägte deutsche Szene übertragen, wenn auch mit weniger aufwendigem Webdesign als das US-Vorbild. Der Trend zum Selbermachen sei ein langfristiger, glaubt Claudia Helming, die Dawanda gemeinsam mit Michael Pütz gegründet hat: "Es passiert schon seit mindestens 15 Jahren etwas in diese Richtung, wie bei allen Trends wird dieser aber erst zum Massenphänomen oder massentauglich, wenn dafür die notwendigen Strukturen geschaffen werden."

Bei Dawanda böten mittlerweile über 1.700 Verkäufer etwa 10.000 Produkte an. Der soziale Aspekt sei nur die eine Hälfte: "Während zwar auf der einen Seite bei Massenprodukten der Preiskampf regiert, entwickelt sich parallel zunehmend die Lust an Dingen, die sonst keiner hat. Die genauso einzigartig sind, wie der Mensch, der sie kauft."

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insgesamt 7 Beiträge
DJ Doena 25.05.2007
"Handarbeit" und "Internet"? Da fällt mir spontan aber was ganz anderes ein. ;-)
"Handarbeit" und "Internet"? Da fällt mir spontan aber was ganz anderes ein. ;-)
tempel 26.05.2007
Ich kenne eine Gruppe von jungen Leuten (Ende 20er, Anf. 30er) in London, die Ähnliches tun: z.B. Häkeln von Mützen, die individuell sind und Freunden geschenkt werden. Aber auch Spaßaktionen, wie z.B. das Umhäkeln von Griffen [...]
Ich kenne eine Gruppe von jungen Leuten (Ende 20er, Anf. 30er) in London, die Ähnliches tun: z.B. Häkeln von Mützen, die individuell sind und Freunden geschenkt werden. Aber auch Spaßaktionen, wie z.B. das Umhäkeln von Griffen und anderen Dingen, bei denen sich andere dann wundern, wie die denn da hinkommen. Man stelle sich z.B. eine Auto-Türgriff vor, der keine offenes Ende hat - dennoch ist der dann von einem bunt gestrickten Ring aus Wolle umgeben. Wunderbar! Und sowas kann man auch an Parkuhren und anderen Pfählen machen, wo man ohne Häkelkünste sonst keine Strickrolle anbringen könnte. Sowas führt zu Allgemeinem Erstaunen und Belustigung. Einfach toll.
JanBreier 26.05.2007
Finde diese Magazine make und craft ja echt großartig! Aber gibt es sowas auch auf deutsch? Gerade bei den komplizierteren Projekten die dort beschrieben werden ist es doch etwas schwierig die Anleitungen nachzuvollziehen...
Finde diese Magazine make und craft ja echt großartig! Aber gibt es sowas auch auf deutsch? Gerade bei den komplizierteren Projekten die dort beschrieben werden ist es doch etwas schwierig die Anleitungen nachzuvollziehen...
Spiritogre 26.05.2007
Das die Engländer auf ihrer Insel schon immer einen eigenwilligen Geschmack hatten ist doch wohl weitläufig bekannt. Nur weil es Skurril ist, muss es sich noch lange nicht als Trend durchsetzen.
Zitat von tempelIch kenne eine Gruppe von jungen Leuten (Ende 20er, Anf. 30er) in London...
Das die Engländer auf ihrer Insel schon immer einen eigenwilligen Geschmack hatten ist doch wohl weitläufig bekannt. Nur weil es Skurril ist, muss es sich noch lange nicht als Trend durchsetzen.
Julchen 30.05.2007
Stitch and Bitch (stricken und laestern) ist schon seit einigen Jahren in England, und auch auf den Falklands, total im Trend. Das online Magazine Knitty.Com ist eine typische Plattform mit witzigen, modernen Mustern - Stricken [...]
Stitch and Bitch (stricken und laestern) ist schon seit einigen Jahren in England, und auch auf den Falklands, total im Trend. Das online Magazine Knitty.Com ist eine typische Plattform mit witzigen, modernen Mustern - Stricken ist reine Therapie, besonders bei so schoenen Gelegenheiten, wie Universitaets-Fokusgruppen. Immer noch besser als Kaffeekonsum und Magengeschwuer.
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