Wenn man sich mit denen unterhält, die in Deutschland federführend an Fragen des Jugendschutzes arbeiten, bekommt man - angesichts der oft so hitzigen Debatte - einen überraschenden Eindruck: Eigentlich ist alles in Butter. Selbst verantwortliche Politiker loben das hiesige Verfahren als ziemlich effektiv - auch wenn ein Vollzugsdefizit ausgemacht wird. Zu viele Eltern kaufen ihren Kindern Spiele, die nicht für sie geeignet sind, zu einfach lassen sich gewalthaltige PC-Spiele aus illegalen Internet-Tauschbörsen herunterladen, zu wenig lassen sich Schulhof-Tauschringe kontrollieren.
USK-Archiv: Heftige Angriffe aus Niedersachsen
Nun hat man eine von den meisten Beteiligten als verträglich betrachtete Lösung gefunden - die faktisch zunächst gar nichts am derzeitigen Vorgehen ändern wird. Die USK, die von verschiedenen Seiten in den vergangenen Monaten teils heftig angegriffen wurde, soll einen neuen Träger bekommen.
Der niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer etwa hatte ihr immer wieder zu große Industrienähe vorgeworfen. Sein Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) hatte sogar eine eigene Evaluation der USK-Bewertungen unternommen, und war zu dem Schluss gekommen, dass die Urteile der Selbstkontrolleure nicht hart genug ausfielen. Die Tester seien zu nah dran an der Industrie, findet Pfeiffer. Nach der Reform werden sie noch näher dran sein.
"Mangelnde Transparenz"
Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU), der Branchenverband der größten Unternehmen, kommt mit dem Schritt den Regierenden zuvor. Ende dieser Woche nämlich wird eine langerwartete Studie des Hans-Bredow-Instituts für Medienforschung zum Thema Jugendschutz in Deutschland veröffentlicht, die Bund und Länder in Auftrag gegeben haben. In dem 170 Seiten langen Dokument, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, wird dem Bewertungssystem der USK unter anderem "mangelnde Transparenz" attestiert. Außerdem gebe es - bei solchen Worten horchen PR-Strategen auf - "Defizite in der Außendarstellung der USK". Schließlich stellen die Gutachter des Bredow-Institutes fest, eine "transparentere Darstellung der Geldmittel und -flüsse" könne womöglich "die Kritik der Industrienähe relativieren".
Das Bauernopfer, dass der von allen Seiten geforderten "größeren Transparenz" der Bewertungen von Spielen gebracht wird, ist der Förderverein für Jugend und Sozialarbeit (fjs) in Berlin. Dieser Verein hatte die USK bislang beherbergt - eine Konstruktion aus der Frühzeit der Spielebranche. Dass der Verein auch eine Spieledatenbank betreibt, Erziehern in Kursen Medienkompetenz vermittelt und das international höchst renommierte deutsche Computerspielemuseum beherbergt, erschien Game-Skeptikern suspekt. Die Tester könnten doch nicht aus einem Verein stammen, der Videospiele als fördernswertes Kulturgut betrachte, so der implizite Vorwurf.
Nun also muss der fjs den Jugendschutz hergeben. "In Zukunft wird die USK als gemeinnützige Gesellschaft außerhalb des fjs zwischen Industrieverband und den Ländern positioniert", heißt es in der offiziellen Mitteilung des Bundesverbandes Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU). Die USK rückt näher an die Industrie heran, nicht weiter von ihr weg.
"Kulturelle und medienpädagogische Projekte"
Klaus Spieler vom fjs, derzeit noch Geschäftsführer der USK, fügt sich in sein Schicksal. Der Verein akzeptiere, dass ein Träger der freien Jugendhilfe "in der derzeitigen komplizierten politischen Situation", nicht gut weiter als USK-Träger fungieren könne. Man habe sich aber "mit dem BIU darüber geeinigt, dass die medienpädagogischen und kulturellen Projekte mit Unterstützung des Verbandes erweitert und fortgeführt werden", so Spieler zu SPIEGEL ONLINE.
Durch den Schritt werde "gewährleistet, dass die USK, als Freiwillige Selbstkontrolle der Industrie, die Alterskennzeichnung im Zusammenwirken mit dem Staat organisiert", so der BIU. Man werde nun mit den Obersten Landesjugendbehörden der Länder ausloten, "wie man die Arbeit der USK in der neuen Struktur optimieren und effizienter gestalten kann", sagt der Verbandsvorsitzende Olaf Wolters.
Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE formulierte er den Reformbedarf so: "Die USK ist 12 Jahre alt - wenn Sie mit einem 12 Jahre alten Auto zum TÜV fahren, wird der da auch einiges finden." Handlungsbedarf sehen an einigen Stellen auch die Gutachter aus Hamburg: Die Gutachten der Tester über verschiedene Spiele beispielsweise seien nicht ausreichend standardisiert, so die Studie, das sei "suboptimal". Bei der Masse und Länge der Spiele, die zu beurteilen ist, seien zusätzliche Tester sinnvoll, ebenso wie eine "systematisch festgeschriebene Weiterentwicklung der Kriterien der USK".
Ein Coup für die Größen der Spielebranche
Für den Branchenverband, in dem die großen Spiele-Publisher wie Electronic Arts und Ubisoft und auch die Branchengiganten Nintendo, Microsoft und Sony organisiert sind, ist die Reform ein Coup. Man sorgt augenscheinlich für eine transparentere Organisation - und drückt gleichzeitig die Selbstkontroll-Organisation fest an die eigene Brust. Im Studienbericht des Bredow-Institutes heißt es, im Prinzip seien "zwei Entwicklungspfade denkbar, nämlich entweder eine stärkere Zuordnung zum Staat, oder aber eine industrienähere Konstruktion, die dann wiederum von staatlichen oder staatlich eingesetzten Stellen kontrolliert wird". Dass die Industrie an einer staatlich geführten Variante keinerlei Interesse hat, versteht sich.
Von den zuständigen politischen Stellen - den Landesjugendbehörden nämlich - wird der nun vorauseilend gemachte Reformschritt wohl mit Wohlwollen aufgenommen werden. Denn Informationen von SPIEGEL ONLINE zufolge ist die Trennung von USK von fjs schon vor Monaten in Gesprächen hinter den Kulissen verabredet und vorbereitet worden. Federführend ist im Jugendschutz Nordrhein-Westfalen - und das wird von einer schwarz-gelben Koalition regiert.
Die Gutachter vom Hans-Bredow-Institut mahnen übrigens zur Gelassenheit in der Debatte - und können sich einen kleinen Seitenhieb auf die Kollegen aus Niedersachsen, die lautstark und auf eigene Faust die USK kritisiert hatten, nicht verkneifen: "In den Kontext der Akzeptanz gehört auch, dass gut gemeinte alarmistische Kommunikation über den Jugendmedienschutz kontraproduktiv sein kann; daher erscheint es oft vorzugswürdig, mit Kritik am Jugendschutzsystem zunächst den Expertendiskurs und erst dann die breite Öffentlichkeit zu suchen."
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