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09.07.2007
 

"Second Life"-Tagebuch

Sponto geht in die Knie

Von Christian Stöcker

Es gibt fast alles in "Second Life" (SL) – sogar Religion. Mit einer Gruppe von Forscherinnen hat Sponto sich auf den Weg gemacht, um die Spiritualität im zweiten Leben zu entdecken – und traf Buddhisten und Hochzeitsplaner, amerikanische Moscheebesucher und deutsche Juden.

Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die bisher erschienenen Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier

Heiraten ist eine kostspielige Angelegenheit. Das gilt im realen Leben, wo ja regelrechte innerfamiliäre Wettbewerbe ausgetragen werden um das beste Hochzeitsessen, die originellste Örtlichkeit, den am wenigsten inkompetenten DJ für die Party danach. Und das gilt, für manchen vielleicht überraschend, auch in "Second Life". Die Religionswissenschaftlerin Kerstin Radde-Antweiler von der Universität Heidelberg hat sich mit Hochzeitsritualen im Virtuellen beschäftigt und berichtet, dass eine ordentliche "Wedding Ceremony" in SL bis zu 50.000 Lindendollar kosten kann. Das sind immerhin in etwa 185 US-Dollar.

Klar, eine echte Hochzeit bekommt man für diesen Preis höchstens in Las Vegas. Aber für SL-Maßstäbe ist das eine stolze Summe – dafür bekäme man auch ein Grundstück mit Meerblick.

Radde-Antweiler, die in SL mit einem Avatar unterwegs ist und gemeinsam mit zwei Kolleginnen Rituale und Religion in digitalen Welten erforscht, ist der Meinung: Eine SL-Hochzeit ist für die Beteiligten oft genauso ernst wie eine echte. Was ich persönlich nachgerade bizarr finde, angesichts der Tatsache, dass in SL zweifellos so mancher heiratet, der auch im ersten Leben schon Gatten oder Gattin hat – virtuelle Polygamie ist kein Problem.

Nach allem, was ich bisher gesehen habe, bin ich ziemlich sicher, dass sich auch mancher Herr in SL im Brautgewand in Weiß vor den Altar führen lässt und gewissermaßen endlich mal die innere Doris Day nach draußen lässt, mit mühsam unterdrücktem Schluchzen, Hochzeitsstrauß und allem drum und dran. Ein Versprechen für von der eigenen Männlichkeitsverantwortung gebeugte Gegenwarts-Machos: einmal die zarte Braut sein und mit den Mädels vorher kichernd zusammensitzen, vor dem Altar fast ohnmächtig werden und so weiter.

Jedenfalls ist das Hochzeitsgeschäft ein boomendes in SL. Es gibt diverse Heirats-Inseln (zum Beispiel Tavarua, 195, 53, 21), auf denen man vom schlichten Barfußritual am Strand bis hin zur Aschenputtel-Hochzeit samt Märchenschloss und Kürbiskutsche alles geboten bekommt – wenn man zu zahlen bereit ist. Die Ritual-Organisatoren sind dabei erfrischend undogmatisch, was den religiösen Hintergrund angeht: Kerstin Radde-Antweiler zitiert beispielsweise einen "Wedding Planner" der sich selbst als "eher heidnisch" bezeichnet, seine erste Hochzeit aber als virtueller Rabbi durchgeführt habe, was ihm leicht gefallen sei, da er gebürtiger Jude sei. In der Zukunft seien aber "druidische Rituale" geplant, da gebe es ja zum Glück jede Menge Literatur, aus der man eine schöne Zeremonie stricken könne.

Andere in SL haben kein ganz so libertäres Verhältnis zum Glauben. Es gibt Kirchen, Synagogen und Moscheen, dazu taoistische Schreine, buddhistische Tempel und wer weiß was noch alles. Die digitalen Christen sind besonders aktiv.

Die "Christian Cyber Church" sah ein bisschen aus, wie eine Mischung aus "All American Church" - weiße Holzfassade, Werbeschild mit Bibelspruch und so weiter - und Hippie-Tempel (regenbogenfarbene Bleiverglasung). Drinnen gab es nützliche Dinge umsonst, zum Beispiel eine worship animation package, also Demuts-Animationen fürs virtuelle Zwiegespräch mit Gott, und eine Gebets-Anleitung.

Im Hauptraum der Kirche, wo am Sonntagabend öffentliche Avatar-Gottesdienste stattfinden, gab es eine Tafel mit einem Link zur Webseite dieser irgendwie freikirchlich-evangelikal angehauchten Gruppe. Dort kann man sich Podcasts der letzten Predigten herunterladen. In einem Hinterzimmer konnte man sich per Animationsball zum Gebet hinknien. Wir taten das und machten ein Foto - ich kam mir ziemlich dämlich vor. In einer echten Kirche würde man sich für einen Erinnerungsschnappschuss wohl kaum spaßeshalber vor den Altar knien, wenn man es nicht ernst meint. Eine Art spirituelle Lostrommel in der Mitte des Raums verteilte Gebetsthemen, die andere Besucher dort hinterlassen hatten – jemand bat da zum Beispiel um Fürbitte für seine kranke Mutter.

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