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"Second Life"-Tagebuch Sponto geht in die Knie

2. Teil: Kommerz in der Kirche und eine Moschee, die alles bisher Gesehene in den Schatten stellt ...

Ganz ohne Kommerz geht es aber in SL selten, und das gilt auch im "Prayer & Counseling Center" der Christlichen Cyberkirche: Von einem Bücherregal aus gab es Direktlinks zu den ausgestellten Werken (ein Erbauungswerk namens "Schlachtfeld des Geistes" etwa und Mel Gibsons Oster-Schlachtfest "Die Passion Christi" auf DVD) zum Internetbuchhändler "Christianbookshop.com".

Als nächstes besuchten wir einen buddhistischen Tempel namens Drolma Lhakhang, einen Nachbau eines tibetanischen Tempels aus dem elften Jahrhundert: ein auf einem Felsbuckel kauernder Brocken aus weiß gekalktem Stein, mit einer Serpentinenrampe als Aufgang und Gebetsmühlen, Buddha-Bildnissen und allerlei tibetanischem Zierrat in Braun und Rot im Inneren. Zu bestimmten Terminen gibt es hier Meditationsgruppen – eine bizarre Vorstellung, gemeinsam meditierende Avatare, hinter denen zu Hause vor dem Bildschirm meditierende Menschen stecken.

Meditationsgruppen vor dem Bildschirm

Während wir noch vor der Eingangstür standen und ich fragte, ob denn hier manchmal auch echte Meditationswillige anzutreffen seien, materialisierte sich Sharon. Sie trug ein violett-schwarzes Shehezarade-Kostüm, das hauptsächlich aus Schleiern und Riemen bestand (recht luftig für so einen Himalayatempelbesuch also) und freute sich, hier so viele Menschen anzutreffen. Es sei sonst "sehr ruhig hier". Warum sie hier sei, fragte ich, und Sharon antwortete, sie sei eine tibetanische Buddhistin. Ob sie wirklich aus Tibet komme, fragte ich erstaunt nach, und sie tippte "lol" (was überall, wo Menschen sich tippenderweise verständigen müssen, "laughing out loud" heißt, also so viel wie HAHAHAHA).

Als nächstes besuchten wir eine Synagoge. Dort stand eine sehr kleine Frau mit Berthold-Brecht-Brille, einer Davidsstern-Kette um den Hals und züchtiger türkiser Gewandung. Über ihrem Namen schwebte die Berufsbezeichnung "Synagoge Greeter". In der Tat wurden wir freundlich begrüßt und stellten erstaunt fest, dass es in dem ziemlich bunt dekorierten Raum (überall Mosaike an den Wänden, dazu ein paar abstrakte Airbrush-Gemälde, psychedelisch schillernde Möbel und regenbogenfarbige Kerzenleuchter) von Avataren nur so wimmelte. Es sollte ein Konzert stattfinden.

Eine der Anwesenden hieß Melanie und sprach uns an, ob wir denn wohl aus Deutschland seien. Über ihrem Namen stand "Nice Jewish Girl" und sie entpuppte sich als Münchnerin und Mitglied der jüdischen Gruppe in SL. Hier sei oft etwas los, erzählte Melanie, freitags würden die Shabbat-Kerzen angezündet, jüdische Feiertage würden begangen oder man treffe sich einfach, um zu reden. Wir sollten ruhig mal vorbeikommen.

"Nicht-extremistischer Vibe" in der Moschee

Als letztes besuchten wir eine Moschee. Ich hatte ehrlich gesagt nicht erwartet, dass es in SL eine gäbe, aber da wurde ich, wie eigentlich immer, wenn ich mir irgendwas hier nicht vorstellen kann, eines besseren belehrt. Die Moschee ist eines der eindrucksvollsten Gebäude, die ich hier bislang gesehen habe. Ein Nachbau des berühmten Originals im spanischen Cordoba, mit einer Säulenhalle samt orientalischen Rundbögen, Maßwerk-Fenstern, durch die schräges Licht Muster auf den Fußboden zeichnet und gemusterten Gebetsteppichen samt passender Animation.

An der Tür bat ein Schild, die Schuhe vor Betreten der Moschee abzulegen, woran ich mich hielt. Drinnen kniete ich versuchsweise nieder, stand aber dann, wieder ein bisschen peinlich berührt, gleich wieder auf, als ich sah, dass außer uns noch jemand anwesend war: eine Dame mit circa 1,5 Meter langen Beinen, blonder Kurzhaarfrisur und einem Kellner- oder Conferencierkostüm aus den zwanziger Jahren, die ganz vorne, ich vermute, am Platz des Vorbeters, gerade mit der Avatarstirn den Gebetsteppich berührte.

Edie erklärte uns dann aber fröhlich, dass sie keine Muslimin sei, nur gelegentlich mal hier herkomme, weil sie das Gebäude so schön finde. Besonders, wenn gerade die Gebetsgesänge eingeschaltet seien, sei es hier fast ein bisschen gruselig. In der Tat schallten kurz darauf die klagenden Worte eines Muezzins durch die virtuelle Gebetshalle. Selbst die an bizarre digitale Spiritualität gewöhnten Forscherinnen aus Heidelberg waren beeindruckt von der Atmosphäre.

Edie sagte, sie habe hier schon diverse Muslime getroffen, und die seien sehr höflich zu ihr gewesen. Und das, obwohl sie Amerikanerin sei. Sie habe generell einen "nicht-extremistischen Vibe" gespürt. Als ich einwarf, dass muslimische Extremisten vielleicht noch nicht nach SL kämen, antwortete Edie trocken: "Stimmt. Zu viele Brüste hier für ihren Geschmack."

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insgesamt 616 Beiträge
Spiritogre 24.01.2007
Habe bisher nur davon gelesen und ein paar Screenshots gesehen. Die Grafik ist noch so gerade okay und als virtueller Chatraum macht die Sache sicher Spaß, weniger Spaß ist, dass man richtiges Geld loswird wenn man im Spiel Sachen [...]
Habe bisher nur davon gelesen und ein paar Screenshots gesehen. Die Grafik ist noch so gerade okay und als virtueller Chatraum macht die Sache sicher Spaß, weniger Spaß ist, dass man richtiges Geld loswird wenn man im Spiel Sachen kauft. Ich denke aber das Konzept ist Ausbaufähig, schon in richtigen Onlinespielen verbringen die Spieler viel Zeit mit gemeinsamer Kommunikation anstelle des Spielens und ein Second Life ist am Ende auch nichts anderes als eine virtuelle Puppenstube oder Playmobil, nur dass man mit ganz vielen Leuten zusammen spielen kann.
DJ Doena 24.01.2007
Ich hab ein zweites Leben im Netz, ja. http://www.google.de/search?hl=de&q=%22DJ+Doena%22+OR+%22DJDoena%22&btnG=Google-Suche&meta= Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 10.600 für "DJ Doena" OR [...]
Ich hab ein zweites Leben im Netz, ja. http://www.google.de/search?hl=de&q=%22DJ+Doena%22+OR+%22DJDoena%22&btnG=Google-Suche&meta= Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 10.600 für "DJ Doena" OR "DJDoena". (0,40 Sekunden) Dafür brauch ich aber kein komisches Spiele-Programm. Mir reichen die Webforen, die es im Netz zuhauf gibt.
Artax 25.01.2007
So interessant das ganze Konzept auch klingt - ich sehe hier wie auch in vielen anderen Teilen des Internets (World of Warcraft, Chats etc...) eine große Suchtgefahr für den Menschen. Leider wird das noch viel zu wenig diskutiert. [...]
So interessant das ganze Konzept auch klingt - ich sehe hier wie auch in vielen anderen Teilen des Internets (World of Warcraft, Chats etc...) eine große Suchtgefahr für den Menschen. Leider wird das noch viel zu wenig diskutiert. Von einer reinen Verlagerung der Interessen von der realen in die virtuelle Freizeitgestaltung will Ich in dieser Form nicht sprechen. Da kommt auf unsere Gesellschaft noch ein dickes Problem zu (wenn Sie es nicht sogar schon hat). Interessanter Link : www.onlinesucht.de Artax
Alexander Wiggin 25.01.2007
Nach lesen des Artikels ""SECOND LIFE"-TAGEBUCH" über Sponto im Sexshop dachte ich mir: Typisch Medien. Der Artikel ist in etwa so, wie ein Artikel wäre, der eine Spaziergang durch das Rotlichtviertel von [...]
Zitat von sysopAuch schon Erfahrungen gesammelt in "Second Life"? Wie gefällt es Ihnen in der virtuellen Welt?
Nach lesen des Artikels ""SECOND LIFE"-TAGEBUCH" über Sponto im Sexshop dachte ich mir: Typisch Medien. Der Artikel ist in etwa so, wie ein Artikel wäre, der eine Spaziergang durch das Rotlichtviertel von Hamburg beschreibt und zum Ausdruck bringt, dass wohl ganz Hamburg so aussieht. Aus Neugier hatte ich das 2nd Life auch mal ausprobiert - vor ein paar Tagen. Meine Erfahrungen: Der Besuch im "International Space Flight Museum" war sehr interessant. Ich habe mir einen Überblick über die Raumfahrt der letzten 50 Jahre gemacht. Die Mondlandekapsel und das Space Shuttel habe ich mir in Ruhe von innen angesehen. Dann noch eine halbe Stunde NASA-TV angeschaut. Über die Mailingliste (freiwillig) habe ich eine Einladung für Samstag zu einem Interviewtermin zu einem neuen Radioteleskop bekommen. Beim zweiten Besuch war ich im Planetarium und habe mir die Legende/Geschichte der Casiopaia angeschaut. Dann war noch der Besuch in der Ausstellung über Wahrnehmung. Dort habe ich etwas über Farbenblindheit gelernt und konnte sogar sehen, wie sich Farbenblindheit auswirkt. Weil ich auch einmal ein Auto probieren wollte war ich dann noch im grpßen Freebie Warenhaus und habe mir dort kostenlos ein Auto, ein Motorrad, ein Hubschrauber, eine Yacht, Flügel und neue Klamotten besorgt. Also ehrlich... mein Bericht ist weniger reißerisch, kommt dafür der Wahrheit wohl näher. Oder?
Axelino 25.01.2007
Der x.-te Artikel in SPON zum Thema Second Life. Warum wird hier so massiv Werbung dafür betrieben? Die Grafik von SL scheint mir eher dürftig zu sein, und 3D-Communities gibts auch schon länger, wie z.B. von moove. Ich denke, [...]
Der x.-te Artikel in SPON zum Thema Second Life. Warum wird hier so massiv Werbung dafür betrieben? Die Grafik von SL scheint mir eher dürftig zu sein, und 3D-Communities gibts auch schon länger, wie z.B. von moove. Ich denke, wer ein zweites Leben braucht kommt irgendwie mit dem ersten nicht so recht klar.
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