Alles vom Feinsten: Das Büro mit Meerblick voll verglast, um den Glastisch zwei Reihen roter Stühle, der Gastgeber trägt feinen Zwirn. Audric Larson begrüßt seine Gäste im schwarzen Anzug, Sektglas in der einen Hand, eine funkelnde Uhr an der anderen. In gediegener Umgebung will Larson, der im wahren Leben Thorsten Michael Plath heißt, über das Projekt seines fünfköpfigen Teams "Synergy" plaudern: eine Kundenkarte, die das Prinzip von Firmen wie PayBack in die virtuelle Welt übertragen soll.
Und weil neben den Kunden zuerst Firmen in "Second Life" von dem Produkt überzeugt werden müssen, hat man sich für das repräsentative Ambiente entschieden: "Für die Anmietung des Office ist etwa ein Viertel unseres Startkapitals draufgegangen", erklärt Thorsten Michael Plath. Besagtes Startkapital, gut 38.000 Linden-Dollar (die virtuelle "Second Life"-Währung), stammt von der Managementberatung McKinsey.
Sie veranstaltet den weltweiten Wettbewerb "Bring Ideas To Life", an dem Plath und sein Team teilnehmen. Die derzeit mehr als 1500 Wettbewerbsteilnehmer - Studenten und junge Berufstätige – treten mit dem Ziel an, binnen 45 Tagen möglichst spannende Geschäftskonzepte in der virtuellen Welt umzusetzen.
Die Rabatt-Karte fürs zweite Leben
"So etwas gibt es bislang in Second Life noch nicht", wirbt Thorsten Michael Plath für sein Produkt. Für Kunden sei die kostenlose Rabattkarte perfekt, denn sie könnten mit ihr schon bald interessante Prämien eintauschen. Und auch für Verkäufer hätte das System unbestreitbare Vorteile: "Mit uns bekommen sie loyale Kunden, über die sie Informationen zum Kaufverhalten haben." Und Loyalität ist für Händler in "Second Life" durchaus wichtig, weil es keine Top-Lagen – und mithin auch keine wirkliche Laufkundschaft - gibt.
Die Rabattkarte soll in der kommenden Woche auf den Markt kommen. "Second Life”-Berühmtheiten wie DJs und große Werbeanzeigen (Slogan: "Second Babes get your card" bzw. "Second Guys get your card") sollen sie unter den Bewohnern der virtuellen Welt bekannt machen. Rund 10.000 Kunden und 500 Shop-Betreiber wollen Plath und seine vier Kollegen aus Ägypten, Deutschland, Polen und Spanien in den kommenden Wochen erst einmal gewinnen. Ob sich so viele "Second Babes" und "Second Guys" tatsächlich finden, muss sich freilich noch zeigen.
Teamwork-Seminare in der Pixel-Welt
Alles andere als ein Massenprodukt ist hingegen die Idee eines anderen Wettbewerbsteams. Antony Evans und seine Kollegen der Managementschule "Insead" wollen die Umgebung von "Second Life" zum Verkauf von ganz speziellen Trainingskursen nutzen. "Corporate Communications" heißt ihr Unternehmen, das sich vor allem an international agierende Firmen und Organisationen wendet. In der virtuellen Welt von "Second Life" sollen deren Mitarbeiter lernen, möglichst effektiv in Teams zusammenzuarbeiten.
"Bisher müssen die Mitarbeiter für solche Seminare alle an einen Ort fliegen. Dieser Ansatz ist erstens teuer und passt zweitens oft nicht gut in die aktuellen Arbeitsabläufe", erklärt Evans. Wenn das Manager-Training in "Second Life" stattfindet, kann nun jeder der Beteiligten an seinem gewohnten Arbeitsplatz bleiben - und doch sitzen alle im selben Boot.
Oder besser gesagt auf derselben Insel. Denn Antony Evans und seine Kollegen haben – unterstützt von ihrer Managementschule – eine eigene Insel in der virtuellen Welt geschaffen, mit flachem Sandstrand, rauschenden Wellen, Bäumen, die sich im Wind wiegen, einem Totempfahl und bunten, exotischen Pflanzen.
In dieser lieblichen Umgebung müssen sich die Teilnehmer des virtuellen Trainings allerdings mit einer überaus haarigen Situation herumschlagen: Die Gruppe ist mit dem Flugzeug abgestürzt und muss nun innerhalb von zwei Stunden versuchen, Hilfe zu organisieren. "Außerhalb der Architektur von 'Second Life' würde es uns ein Vermögen kosten, so eine Umgebung anzubieten. Hier können wir es ganz einfach machen", frohlockt Evans.
Jeder der Manager spielt eine Rolle und hat spezielle Fähigkeiten. Doch nur wenn alle zusammenarbeiten, können sie die Flucht von ihrem tropischen Absturzort organisieren. Ausgewertet wird die Übung später bei einem gemütlichen virtuellen Grillabend auf der Nachbarinsel. Hier sollen die Manager erfahren, wie sie ihre Zusammenarbeit im Team in Zukunft noch verbessern können.
Ob das Konzept die Jury des Wettbewerbs überzeugt, wird sich zeigen. Denn auch zahlreiche andere Teilnehmer haben Interessantes zu bieten. Zum Beispiel das Team "Fit4Life". "Wir wollen ein Fitnesscenter in Second Life eröffnen. Und zwar nicht nur eines für Avatare, sondern auch eines für die reale Welt", erklärt Teamsprecher Henning Hayn.
Ein virtuelles Fitness-Studio fürs Training vorm PC
Das Fitnesscenter dafür ist bereits in der virtuellen Welt gebaut: Schwarze Gymnastikmatten, Hantelbänke, Laufbänder und Hometrainer warten auf Besucher. Auf den ersten Blick sieht die Umgebung nicht anderes aus als eines der existierenden Fitness-Zentren in "Second Life" - und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Unter der Decke hängt ein herunterklappbarer Videoschirm. Auf ihm wollen Hayn und seine beiden Teamkollegen schon bald Fitness-Videos zeigen.
Mit ihrer Hilfe sollen dann "Second Life"-Nutzer ganz einfach vor dem heimischen Computer trainieren können. "Dafür braucht man keine Geräte, sondern bestenfalls eine Gymnastikmatte oder ein Handtuch." Solche Übungen könnten User natürlich auch einfach ganz allein vor dem heimischen Rechner machen. Doch Henning Hayn ist sich sicher, dass das Training in "Second Life" mehr Spaß macht: "Man ist mit anderen zusammen, kann mit ihnen kommunizieren - und sich zum Beispiel für morgen wieder zum Training verabreden."
Wer trotz der harten Konkurrenz von Plath, Evans, Hayn und Co. noch beim Wettbewerb "Bring Ideas To Life" mitmachen möchte, der muss sich übrigens sputen. Denn Ende August läuft die Frist zur Teilnahme ab. Die Sieger der ersten Runde sollen dann im November gekürt werden.
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