• Drucken
  • Senden
  • Feedback
28.08.2007
 

Virtueller Tod

Wenn Avatare leise weinen

"Second Life" verheißt ein neues, virtuelles Leben. Tatsächlich wird dort vor allem gestorben: Die meisten Pixelwesen sind Account-Leichen. Kein Zustand, denkt sich die Künstlerin Susanne Berkenheger - und startet eine Bewegung für die Toten im Cyberspace.

Die allermeisten Menschen schnuppern mal kurz hinein in die virtuelle Welt, parken ihren Avatar irgendwo im Nirgendwo und kommen nie wieder. 82,4 Prozent der 9,1 Millionen bei "Second Life" registrierten Nutzer haben in den vergangenen 60 Tagen keinen Gebrauch von ihrer virtuellen Existenz gemacht.

Berkenhegers Avatar Muji Zapedzki: Kunst-Aktion gegen die visuelle Unterdrückung von Accountleichen
Zur Großansicht

Berkenhegers Avatar Muji Zapedzki: Kunst-Aktion gegen die visuelle Unterdrückung von Accountleichen

Der toten Avatare hat sich die Berliner Internet-Künstlerin Susanne Berkenheger angenommen: Sie gründete eine Accountleichenbewegung. "Seit Tagen schon höre ich das leise Heulen der unsichtbaren, untoten Avatare", schreibt Muji Zapedzki, Berkenhegers Avatar, im Blog. "Heute bin ich sogar einem auf den Fuß getreten (Newberlin 218,207,31). Bis die Sonne aufging, blies mir sein eisiger Hauch in den Nacken."

In der SL-Zentrale der Accountleichenbewegung findet sich kein Friedhof von Avataren, sondern nur ein Müllplatz mit den von ihnen hinterlassenen Relikten: Reklametafeln, umgekippte Bäume, zum Verkauf stehende Häuser und weggeworfene Prims, wie die kleinste Baueinheit von Objekten im SL-Sprech genannt wird.

Kampf gegen die visuelle Unterdrückung von Accountleichen

Linden Lab, die kalifornische Betreiberfirma von "Second Life" (SL), mache Werbung mit gigantischen Nutzerzahlen, sagt die Gründerin der Accountleichenbewegung. Daher sollten auch die nicht mehr genutzten Avatare in irgendeiner Form sichtbar gemacht werden.

Für den "Kampf gegen die visuelle Unterdrückung von Accountleichen" hat die 44-Jährige eine Petition gestartet: "Die Unterzeichner fordern, dass Linden Lab die Würde aller Avatare respektiert. Dazu gehört unserer Ansicht nach, dass Linden Lab keine einmal von liebender Hand erstellten Avatare in der Datenbank vergammeln lässt."

Anders als die unzähligen Avatare, die sang- und klanglos dahinscheiden, hat Li Guyot sein Leben als Avatar stilvoll beendet. Auf dem Friedhof "Memorial Park" hat er einen Grabstein hinterlassen mit seinem Foto und einer Abschiedsbotschaft: "Ich verlasse SL, um in mein wirkliches Leben zurückzukehren - und leider werde ich nicht zurückkommen."

Erbschaftstreit statt Ethik

Auf die Initiative Berkenhegers hat Linden Lab zwar noch nicht reagiert. Im offiziellen SL-Blog wird aber bereits heftig diskutiert, was mit Land von Avataren geschehen soll, die sich nicht mehr blicken lassen. Hier will Linden Lab die Besitzer der verschwundenen Avatare mit einer Mail anschreiben und eine Versteigerung des Besitzes vorschlagen.

Selbst ein Forschungsprojekt der Kulturstiftung des Bundes beschäftigt sich unter Hinweis auf sinkende Nutzerzahlen von "Second Life" mit der Frage, ob aufgegebene virtuelle Grundstücke einfach so gelöscht "oder mit digitaler Landwirtschaft" für ein Third Life genutzt werden können.

Und "wohin migrieren die ehemaligen User von 'Second Life'?" Für die Klärung solcher Fragen startete das Projekt " Schrumpfende Städte" jetzt den Wettbewerb "Reinventing the Virtual City - Die virtuelle Stadt neu denken". Kluge Antworten werden bis Mitte November erbeten - natürlich in Form einer "realen Intervention in 'Second Life'".

Derweil wirbt die Accountleichenbewegung für den Kauf von T-Shirts, die einen Avatar mit gesenktem Kopf zeigen - die typische AFK-Haltung ("Away From Keyboard") der längere Zeit inaktiven Figuren.

Avatar-Aktivistin Berkenheger, die sich bisher vor allem mit Hypertext-Literatur beschäftigt hat, will das Projekt im nächsten Schritt von SL auf nicht mehr genutzte Accounts in anderen Internet-Communitys wie eBay, Flickr oder Xing ausweiten. Im Anlegen von Accounts für verschiedene Web-Portale sieht Susanne Berkenheger eine "Multiplizierung des eigenen Selbst". Solange es im Internet keinen "einzigen Account für alles" gebe, seien Accountleichen unvermeidlich.

"Im Grunde ist eigentlich jeder eine Accountleiche."

Peter Zschunke, AP

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Spielzeug

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP