Von Mathias Hamann
Das erste Produkt der Kopenhagener Software-Firma Serious Games Interactive ähnelt einem Lehrstück Bertolt Brechts. Der Augsburger Stückeschreiber postulierte in seiner Dramentheorie "Das Lehrstück lehrt dadurch, dass es gespielt, nicht dadurch, dass es gesehen wird." So funktioniert auch "Global Conflicts - Palestine".
Der Spieler gerät als Journalist in das heutige Jerusalem. Für seine Geschichten taucht er ein in die moderne Geschichte. In klassischer Adventure-Manier sucht er Gesprächspartner, unterhält sich mit ihnen - aus den Zitaten baut er in einem Editor Artikel, die anschließend in einer fiktiven Zeitung erscheinen. Anders als in den üblichen Spielen des Genres kann der Spieler jedoch keine Probleme lösen, sondern nur eines kennenlernen, ein scheinbar unlösbares: den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.
Das Ziel heißt nicht Gewinnen, sondern eher Erkenntnis; in "Global Conflicts - Palestine" muß sich der Spieler immer fragen: Auf welcher Seite stehe ich, bin ich wirklich neutral? Das fängt schon vor jeder Mission an. Der Auftraggeber fragt: "Für welche Zeitung willst du diesmal schreiben?" Drei stehen zur Auswahl, die "Global News" wünscht sich einen neutralen Standpunkt, Artikel jeweils für ihre Klientel erwarten "Israeli Post" und "Palestine Today". Während der Recherche zeugen Balken vom Status bei den Fraktionen und den Pixel-Charakteren. Dieser Balken kann schlagartig seine Farbe ändern, wenn der Monitor-Journalist allzu kritisch nachfragt oder gar kommentiert.
So führt eine der Missionen zu den jüdischen Siedlungen im besetzten Gebiet. Der Spieler-Reporter befragt einen der Bewohner, ob sie denn das Land der Palästinenser stehlen. Der Befragte weicht aus, jenes "Feld wurde ein paar Jahre nicht benutzt, also haben wir entschieden, unsere Grenzen etwas auszuweiten." Da ist der Sympathiebalken noch kurz vor dem freundlichen Grün. Zwingt der Spieler nun seinen Reporter zum Nachhaken, rauscht der Sympathie-Balken durch neutrale Gelb-Nuancen ins Rot. Die Frage passt dem interviewten Israeli offensichtlich nicht, das Gespräch versandet.
Das Spiel benennt die illegalen jüdischen Siedlungen recht eindeutig als Friedenshemmnis. Das zeigt, der Spieler begibt sich in gefährliches Gelände, aber nur virtuell, real tun es die Entwickler. Wird der dänischen Firma zu Recht Antizionismus angelastet? Simon Egenfeldt-Nielsen, Chefentwickler von Serious Games erklärt dazu auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE: "Uns wird vorgeworfen, dass wir zu pro-israelisch sind, aber auch, dass wir antizionistische Propaganda machen." Der Psychologe und Lehrbeauftragte an der Universität Kopenhagen fügt noch an: "Wir haben uns fünf Jahre lang mit vielen Experten unterhalten, um eine solide Faktenbasis zu haben." Nun glaubt er: "Wenn uns die Extremen aller Seiten kritisieren, müssen wir es richtig gemacht haben."
"Niemand hat recht, alles sind Opfer"
In der Tat sorgt das Spiel für Ausgleich, in einer anderen Mission kritisiert ein Pixel-Palästinenser Selbstmord-Attentate. Sie seien keineswegs heldenhaft, im Gegenteil: Unschuldige Zivilisten zu töten sei feiger Mord. So schließt die reale israelische Tageszeitung "Haaretz" ihre Rezension zu "Global Conflicts -Palestine": "Das traurige Fazit nach all den Gesprächen des Spielers - niemand hat recht, alle sind Opfer."
Der Nahost-Konflikt dient nicht zum ersten Mal als Hintergrund-Szenario. So schüren zahlreiche Download-Shooter Hass auf Israelis. Frieden schaffen ohne Waffen sollen Zocker hingegen im Spiel Project Peacemaker. Es erinnert an Aufbaustrategie-Klassiker wie "Civilization" und fordert den Nationbuilder in jedem Spieler. Sein Appell: "Habe Erfolg, wo andere scheitern. Bringe Frieden in den Nahen Osten."
"Global Conflicts - Palestine" platziert sich in der Mitte zwischen hasserfüllter Antizionisten-Ballerei und allzu naivem Friedensnobelpreis-Daddeln. Keinesfalls glänzt das Spiel durch die Technik. Sound wie Grafik sind detailarm, die Lauferei auf der Karte langweilt manchmal. Seine Stärke liegt vielmehr im dramatischen Realismus, denn es zeigt dem Spieler die Beweggründe der Konfliktparteien. Eine Lösung der Probleme bietet es jedoch nicht.
Vielleicht wäre Bertolt Brecht heute Gamedesigner, vielleicht würde er Lehrspiele entwerfen und Lehrstücke schreiben. Das Ende eines Brecht-Klassikers passt aber wunderbar zu "Global Conflicts - Palestine". "Der gute Mensch von Sezuan" schließt mit dem berühmten Epilog: "Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!" Das gleiche könnte auch für den Palästinakonflikt gelten - virtuell wie real.
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Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Für mich sind die Karten aber immer noch unrealistisch klein und gewisse Komponenten fehlen noch. Atomwaffen hinterlassen immer noch diesselbe Umweltverschmutzung wie Industrie und es gibt [...] mehr...
"Es scheint nur noch drei Genres zu geben" Da erscheint ein Computerspiel mit einem ganz neuartigen Konzept (journalistische Arbeit machen) und ohne die üblichen Gewaltexzesse als Spielprinzip, und Du beschwerst Dich, [...] mehr...
Finde den Unterhaltungswert beider Titel allerdings eher dürftig. Generell merkt man solchen Spielen einfach an, dass sie um eine denkbar direkt Message herum gebaut werden, der Erfolg wird da natürlich ausbleiben .. Besser [...] mehr...
Finde es klasse das Es Spiele gibt bei denen man unterhalten wird und noch etwas lernt bzw. zu einer Erkenntnis kommt. Ein Solches Spiel ist auch Ayiti: The Cost of Life Wie fühlt es sich an in Armut zu leben, jeden tag um [...] mehr...
Und wieder einmal ein wunderschön lancierter PR-Artikel um ein langweiliges und schlecht aufgemachtes PC-Spiel, das einen politischen Hintergrund hat, irgendwie etwas Publicity zu verschaffen. Und der ganze Artikel ist mit [...] mehr...
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