Nintendo-Chef Iwata
"Wir verstehen, dass die Leute enttäuscht sind"
Nintendo hat mit den Konsolen DS und Wii erstmals Spiele außerhalb der Kernzielgruppe plaziert. Doch die alten Fans, die Hardcore-Gamer werden langsam unruhig. Ein Interview mit Konzernchef Satoru Iwata über die Angst vor dem Scheitern und den Spagat zwischen "core" und "casual".
SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen fünf Jahren, seit Sie Präsident von Nintendo sind, hat sich der Spielemarkt fundamental verändert. Leute, denen Videospiele egal waren, kaufen jetzt Konsolen ...
AP
Satoru Iwata bei der E3 2008: "Wir können nicht jedes Jahr ein 'Mario' oder 'Zelda' bringen"
Satoru Iwata: Ich habe immer daran geglaubt, dass mehr Leute Videospiele spielen würden, wenn die Hürde zwischen ihnen und dem Spiel niedriger würde als sie war und vielfach heute noch ist. In meinem ersten Jahr als Nintendo-Präsident trafen meine Ideen auf Skepsis, auch innerhalb des Unternehmens. Mein Vorgänger, Herr Yamauchi, hatte immer gesagt, dass man in der Unterhaltungsbranche nach Veränderung streben soll, das Unerwartete tun muss, um in einem schrumpfenden Markt zu überleben. Ich war damals sicher, dass wir einen langsamen Tod sterben würden, wenn wir so weitermachen. Zu diesem Zeitpunkt war der Markt sechs Jahre in Folge geschrumpft. Nicht nur für Nintendo, sondern für die gesamte Spielebranche in Japan. Also mussten wir etwas verändern, neue Kunden gewinnen.
SPIEGEL ONLINE: Waren Sie denn sicher, dass das klappen würde?
ZUR PERSON
Satoru Iwata ist seit Mai 2002 Präsident von Nintendo. Geboren im Jahr 1959 im japanischen Hokkaido, ging er als Student nach Tokio und studierte am dortigen Institute of Technology Informatik und den Kampfsport Ninjutsu. Ab den frühen Achtzigern arbeitete er für Nintendo und war als Entwickler an Spielen wie "EarthBound" und der "Kirby"- Serie beteiligt.
Iwata: Ich hatte Glück, dass es so schnell funktioniert hat. Lange Zeit war ich nicht sicher, was zuerst passieren würde: dass wir mit der neuen Konsole Erfolg haben, oder dass ich gefeuert werde.
SPIEGEL ONLINE: Nach all den Innovationen, die Sie bei der Spielemesse E3 im Jahr 2007 präsentiert haben, waren 2008 viele von
Ihren Ankündigungen enttäuscht ...
Iwata: Wir verstehen, dass die Leute enttäuscht waren. Man muss bedenken, dass die E3 immer ein guter Ort ist, um neues Publikum, um ein Massenpublikum zu erreichen, weil das Medieninteresse so groß ist. Also haben wir uns auf die Spiele konzentriert, die wir mit neuen Kunden im Hinterkopf entwickelt haben. Wir wollten zeigen, was wir dieses Jahr und Anfang 2009 auf den Markt bringen werden. Wir haben unsere Spiele für den harten Kern der Gamer nie vernachlässigt und es arbeiten immer noch Teams an solchen Spielen. Aber es dauert einfach länger, sie fertigzustellen, zwei bis drei Jahre. Anfang 2009 werden wir keines bringen, also konnten wir bei der E3 keines zeigen.
SPIEGEL ONLINE: Hat Nintendo seinen Biss verloren?
Iwata: Vor nur zwei Jahren haben wir ein revolutionäres Produkt präsentiert, die Wii. Die funktioniert seitdem sehr effektiv, und wir haben den Kreis der Menschen, die Videospiele spielen, erweitert.
SPIEGEL ONLINE: Und die Hardcore-Spieler haben Sie vergessen?
Iwata: Nein, wir haben nur nicht so viele Spiele für sie gezeigt. Es dauert Jahre, Spiele wie "Mario" oder "Zelda" zu machen. Wir können nicht jedes Jahr ein neues ankündigen, aber natürlich arbeiten wir an neuen Spielen. Core-Gamer sind für uns sehr wichtig, weil sie Begeisterung für Spiele mitbringen und andere ermutigen, auch zu spielen.
SPIEGEL ONLINE: "Wii Music", einer der groß präsentierten Titel, scheint in die Fußstapfen von Titeln wie "Rockband" oder "Guitar Hero" zu treten. Folgen Sie den Trends jetzt, anstatt selbst welche zu setzen?
Iwata: "Wii Music" ist schon lange in der Entwicklung. Sie erinnern sich vielleicht, dass wir den Titel bei der E3 vor zwei Jahren gezeigt haben. Insofern: Nein, wir folgen keinen Trends. Das ist einfach ein unterhaltsames Spiel, das wir entwickelt haben, und das sich unserer Meinung nach deutlich von den anderen unterscheidet und viel einfacher zu spielen ist. Gut für Familien, die zusammenspielen.
SPIELKONSOLEN: DIE AKTUELLE GENERATION
Der kleine Konkurrent kann im Gegensatz zu den Konsolen der Rivalen keine hochauflösende Grafik, sondern liefert herkömmliche Fernsehauflösung. Trotzdem ist das Gerät so beliebt, dass der Hersteller bisher keine Preissenkung angekündigt hat. In den USA überholte die Wii im Juli 2008 Microsofts Xbox 360, was die Verkaufszahlen angeht. Die Konsole zeichnet sich durch einen bewegungssensitiven Controller und bewegungsorientierte Zusatzgeräte wie das
"Balance Board" aus. Mit simplen Sport- und Spaß-Spielen hat sie für die Branche neue Zielgruppen erobert. 2009 führte Nintendo eine Erweiterung für den Controller namens Wii Motion Plus ein, die Bewegungen der Spieler noch präziser erfassen helfen soll. Einen ausführlichen
Wii-Test finden Sie hier.
Der direkte Konkurrent von Microsofts Xbox 360 - die beiden Konsolen konkurrieren um die Hardcore-Gamer, die auch bereit sind, für hochauflösende Spielgrafik einen entsprechenden Fernseher zu kaufen. Im März 2007 kam die Konsole in Europa auf den Markt. Im Juli 2008 gab es sie entweder mit 40- oder mit 60-GB-Festplatte - im August 2009 wurde die PS3 slim vorgestellt, mit 120-GB-Festplatte und für einen niedrigeren Preis als das Vorgängermodell. Damit ist sie immer noch die teuerste unter den aktuellen Modellen. Die PS3 gibt ein hochauflösendes Videosignal über einen HDMI-Ausgang aus. Als einzige momentan erhältliche Spielkonsole enthält sie ein Blu-ray-Laufwerk, mit dem sich auch hochauflösende Blu-ray-Discs abspielen lassen. Einen ausführlichen
Test der PS3 finden Sie hier.
Microsofts High-Definition-Konsole ist von den drei aktuellen Konkurrenten am längsten auf dem Markt, nämlich seit Ende 2005. Microsoft schraubte seitdem mehrmals an Preis und Ausstattungsmerkmalen. Die 360 hat ein normales DVD-Laufwerk, in der Basisversion aber keine Festplatte. Im Juli 2008 gab es ein Modell ohne Festplatte, eines mit 20 Gigabyte und das schwarze Modell "Elite" mit 120-GB-Festplatte. Später kam ein "pro" genanntes Modell mit 60-GB-Festplatte hinzu. Im August 2009 wurde bekanntgegeben, dass das "pro"-Modell nicht mehr weitergebaut werden soll - künftig wird es nur noch die "Arcade"-Version ohne und die "Elite" mit 120 GB Festplattenspeicher geben. Die aktuellen Modelle geben HD-Bilder über einen HDMI-Ausgang aus. Einen ausführlichen
Test der Xbox 360 finden sie hier.
Die Playstation Portable, auf dem Markt seit 2005, ist Sonys erster Versuch, von dem traditionell von Nintendo ("Gameboy") beherrschten Markt für mobile Spielgeräte ein Stückchen abzuzwacken. Seit 2007 gibt es eine etwas dünnere Version namens Slim and Lite. Die Mobilkonsole kann nicht nur Spiele darstellen, sondern auch Filme und Musik abspielen. Außerdem lässt sie sich per W-Lan mit dem Internet verbinden. Filmdownloads und andere Inhalte können von der PS3 auf die PSP verschoben werden, außerdem kann die Mobilkonsole über einen Internet-Zugang als eine Art Fernbedienung für die PS3 benutzt werden. Die PSP ist auf dem Markt für mobile Spielgeräte zweiter hinter Nintendos DS. Im Juni 2009 wurde das neue Modell PSP go vorgestellt, das ein herausschiebbares Unterteil mit den Bedienelementen darauf aufweist und deshalb deshalb deutlich kleiner ist, dafür aber kein Laufwerk mehr für Sonys UMD-Disk-Format hat. Spiele, Bilder, Filme und Musik sollen darauf direkt heruntergeladen werden. Die 2008 eingeführte PSP 3000 mit UMD-Laufwerk soll aber weiterhin produziert werden.
Einen ausführlichen
Test der ursprünglichen PSP finden Sie hier.
Der Nintendo DS ist seit 2005 in einer ersten Version auf dem Markt, seit 2006 in einer schlankeren Ausgabe namens DS Lite (abgebildet). DS steht für "dual screen". Die Konsole hat einen normalen und in der unteren Hälfte einen Touch-Screen. Spiele werden über Tasten oder aber einen Stylus, mit dem der Touchscreen bearbeitet wird, gespielt. Der DS lässt sich wie die PSP über W-Lan mit dem Internet verbinden, auch Online-Spiele und Spielereien wie Bilder-Chat sind so möglich. Mit Spielen wie
"Nintendogs" und
"Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging" erschloss der DS neue Zielgruppen für Mobilkonsolen. Der DS ist das derzeit meistverkaufte mobile Spielgerät. Seit der Markteinführung wurden der kleinere DS Lite und zuletzt, Ende 2008 bzw. Anfang 2009 der DSi nachgeschoben. Letzterer weist als Neuerung unter anderem zwei etwas größere Bildschirme und zwei VGA-Kameras auf (eine auf der Bildschirm-Seite, eine auf der Gehäuse-Außenseite). Einen Testbericht über die erste Version des Nintendo DS
finden Sie hier, einen Bericht über den aktuellen DSi
finden Sie hier.
SPIEGEL ONLINE:
Microsoft und
Sony haben Pläne angekündigt, ihr Online-Geschäft zu stärken. Beide verkaufen Filme über ihre Konsolen. Ist Nintendo da hinterher?
Iwata: Nein, wir planen nicht, Filme oder Ähnliches online zu verkaufen, das ist nicht unser Geschäft. Wir sind ein Videospielunternehmen, wir haben nicht die Infrastruktur, einen riesigen Online-Dienst aufzusetzen. Das wäre außerdem zu teuer. Es gibt Online-Elemente in unseren Spielen, aber nur dann, wenn das das Spielerlebnis selbst intensiver macht. Dann verkauft es mehr Spiele und mehr Konsolen, weil die Kunden zufrieden sind.
SPIEGEL ONLINE: Nintendo-Konsolen haben den Ruf, für externe Spiele-Publisher problematisch zu sein, und dass die einzige Software, die dafür verkauft ist, Nintendos eigene ist ...
Iwata: Das stimmt nicht mehr. "Guitar Hero" zum Beispiel hat sich für die Wii häufiger verkauft als für jede andere Plattform. Wenn man sich die Marktzahlen von NPD ansieht, werden für die Wii mehr Spiele von Drittanbietern verkauft als für jede andere Plattform. Die Publisher arbeiten jetzt gerne für unsere Konsolen. Sie waren anfangs ein bisschen vorsichtig, als die Wii auf den Markt kam. Natürlich kennen wir das Image von Nintendo-Plattformen und wir müssen natürlich daran arbeiten. Aber dieses Image stimmt nicht mehr.
Die Fragen stellte Carsten Görig