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20.08.2008
 

Games Convention Leipzig

Trauerfeier im Dauerfeuer

Von Christian Stöcker, Leipzig

Seit heute ist wieder Leipzig das Zentrum der Spielewelt. Auf der Games Convention werden die Titel fürs Weihnachtsgeschäft präsentiert. Hunderttausende Besucher werden kommen - wahrscheinlich zum letzten Mal, denn Leipzig wird die Messe wohl an Köln verlieren.

Der Taxifahrer ist sauer. Auf die Frage, wie er es denn findet, dass die größte Spielemesse Europas kommendes Jahr wohl in Köln statt in Leipzig stattfinden wird, antwortet er mit einem einzigen Wort, das mit "Sch" anfängt. Seine Kollegen sehen das ähnlich: "Leipzig hat diese Messe großgemacht, und jetzt gehen die woanders hin", sagt einer. Mit zusammengebissenen Zähnen nimmt Leipzig Abschied vom Status als Gamer-Mekka.

Die Games Convention war ein Segen für die Chauffeure, genauso wie für die Hoteliers. Die Betten in Häusern mit drei oder vier Sternen sind wieder ausgebucht dieses Jahr, bis Sonntag. Und das mitten im Sommer, wenn hier eigentlich so gut wie nichts los wäre, sagt die Hotel-Rezeptionistin und schaut ein bisschen traurig. Weil Hunderttausende von Spielefans und einige Tausend Aussteller, Game-Manager, PR-Leute, Aufbauhelfer und Standbetreuer für volle Betten und Kneipen sorgen - und auch für gutbesuchte "Sexlokale" sagt einer der Taxifahrer und grinst.

All das wird im kommenden Jahr wohl ausbleiben - denn der Branchenverband BIU hat mit der Kölner Messe ein eigenes, neues Event namens "GamesCon" ausgehandelt. In Leipzig hat man die Hoffnung auf eine Rumpf-Convention offenbar schon fast aufgegeben. Eigentlich wollte man um die GC kämpfen, aber am Dienstag sagte Messechef Wolfgang Marzin der "Leipziger Volkszeitung", er wisse auch noch nicht, was im nächsten Jahr sein werde. Er werde in den kommenden Tagen "Gespräche führen". Das klingt resigniert, und hinter den Kulissen scheint die Sache ohnehin geklärt: "Nächstes Jahr ist hier nichts mehr", sagt ein Insider. Bleibt die Frage, wer oder was daran schuld ist.

Leipzig ist zu eng geworden

Die ganze Region profitierte Jahr für Jahr von der Messe. Viele Messeteilnehmer müssen inzwischen außerhalb wohnen, in Orten wie Wurzen oder Merseburg. 85 Euro habe er gestern an einer einzigen Fahrt verdient, sagt einer der Taxifahrer, manchmal dauert es unter der Woche zwei oder drei Tage, bis er so viel Umsatz eingefahren hat.

Genau das, sagen die Branchenvertreter, sei das Problem: Leipzig hat nicht genug Platz für eine Messe, die sich innerhalb weniger Jahre zum europäischen Leit-Ereignis einer ganzen Branche gemausert hat. Nicht wenige finden sogar, die Games Convention sei heute die wichtigste Spielemesse der Welt, seit der US-Branchenverband seine Electronic Entertainment Expo (E3) zu einem reinen Insider-Event eingedampft hat. Zur GC dagegen kamen im letzten Jahr noch über 180.000 Besucher, und in diesem Jahr hat man gerade einen neuen Aussteller-Rekord aufgestellt. Fast 550 sind es geworden, 40 Prozent davon aus dem Ausland. 300 Spielepremieren sind angekündigt.

Man könne US-Managern oder Besuchern aus Japan aber nicht erklären, dass sie zu zweit im Doppelzimmer untergebracht werden müssten, weil die Kapazitäten nicht reichten, argumentieren Branchenvertreter. Die deutschen Branchenvertreter, das wird hier deutlich, müssen sich anderen gegenüber verantworten, und die sitzen in den USA oder Japan. Die Gefahr bestünde, dass die Messe sonst aus Leipzig abgezogen und direkt in eine europäische Metropole wie Paris oder London transportiert worden wäre, sagt einer, der nicht genannt werden will. Da sei Köln ein Kompromiss, wenigstens bleibe die Messe so in Deutschland.

In Sachsen hat man sich wohlgefühlt

Andere warnen, dass auch die Leipziger Atmosphäre zum Erfolg der Messe beigetragen hat. "Auf der Tokio Game Show gibt es nur Konsolenspiele, die koreanische G-Star dreht sich nur um Onlinegames - nur hier in Leipzig finden Sie alles unter einem Dach", sagt John Lee von der Korea Game Industry Agency, der staatlichen Organisation für Branchenförderung in Südkorea. Er sei sich nicht sicher, ob die Verpflanzung einer ganzen Messe von Leipzig nach Köln dem Ereignis guttun werde. Man habe sich hier in Sachsen immer sehr wohlgefühlt.

Auf der Messe selbst aber ist vom Abschiedsschmerz am Pressetag vor der eigentlichen Eröffnung wenig zu spüren: Hier regiert schon Stunden nach der Eröffnung der Stress. Die Messeleitung beanstandet einen Stand im Freigelände, ein Zelt sei nicht abgenommen und womöglich Wind-gefährdet, eine Spiel-Präsentation in einer Stretch-Limousine scheitert fast, weil die Autobatterie zu schwach für den High-End-Laptop ist, Männer in Jeans und Jackett hasten durch die Gänge, Standpersonal streitet halblaut über die Verteilung der Mittagspause. Und von überallher schallt schon am Morgen Maschinengewehrfeuer, Explosionen dröhnen, Lichtschwerter brummen, Motoren röhren. Ein letztes Mal in diesem Theater.

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