Von Sebastian Wieschowski, Leipzig
Die Beats dröhnen, die Bässe wummern, grelle Lichtblitze peitschen die Masse in Ekstase. Arme, Füße und Köpfe zucken, sie kreischen und stampfen und jubeln für Doris Reiter. Die hat sich eine Gitarre umgeschnallt und steht fast regungslos vor einem Fernseher, nur ihre Finger bewegen sich. Drei rote Punkte flitzen über den Bildschirm. Doris tippt die rote Taste auf ihrer Gitarre und stößt dreimal einen Kippschalter in der Mitte der Gitarre. Dreimal wummt es aus den Boxen, die Masse kreischt. Es folgen zwei gelbe Punkte. Doris tippt die gelbe Taste und stößt den Kippschalter zweimal. Zweimal dröhnt es aus den Boxen, die Fans tanzen. Nach drei Minuten lässt sich Doris in einen Sessel fallen, während ihre Fans im Fernseher weiterjubeln - als wollten sie sagen: "Doris ist unser Gitarrenheld".
Doris Reiter ist die einzige weibliche Spielerin von insgesamt 360 Teilnehmern beim nationalen Finale der "World Cyber Games" - der Olympischen Spiele für Pixelzocker. Die Disziplinen heißen nicht Stabhochsprung, Hürdenlaufen oder Zehnkampf, sondern "Counterstrike", "Starcraft und "Age of Empires".
Auch "Guitar Hero", ein Spiel für Nachwuchsrockstars und Besitzer der Spielekonsole Xbox, ist eine Disziplin. Ziel des Spieles ist es, mit einer Plastikgitarre möglichst viele Töne richtig zu treffen, die per Grafikeinspielung angezeigt werden. Wer die Gitarre nicht beherrscht, wird ausgebuht und hat verloren. Für jedes der 14 Wettbewerbsspiele bei der nationalen Ausscheidung zu den "World Cyber Games" ist ein Platz im Nationalteam der deutschen Super-Daddler reserviert - und bei der Weltmeisterschaft in Köln kämpfen 80 Nationen im November um ein Preisgeld von 500.000 Dollar.
Keine musikalischen Vorkenntnisse nötig
Es war vor anderthalb Jahren, als Doris Reiter mit Freunden in der Videothek stöberte - und auf eine eigenartige Gitarre stieß, die man an die Xbox-Konsole anschließen konnte. Fünf verschiedenfarbige Knöpfe fanden sich am Gitarrenhals und ein Kippschalter an der Stelle, wo echte Gitarristen normalerweise die Saiten anschlagen. Die 27-Jährige lieh sich das Spiel aus - und fand immer mehr Spaß am Rockkonzert im eigenen Wohnzimmer. Als im April 2008 in Bochum ein Platz für die nationale Endausscheidung der "World Cyber Games" im "Guitar Hero"-Spielen ausgeschrieben wurde, probierte Doris ihr Glück - und sicherte sich das Ticket nach Leipzig.
Von den sprichwörtlich "viereckigen Augen", die notorische Dauer-Daddler vom stundenlangen Spielen bekommen sollen, ist Doris weit entfernt: "Ich stecke da nicht so viel Zeit rein", erzählt die beste "Guitar Hero"-Spielerin Deutschlands. Die 27-Jährige promoviert derzeit an der Universität Münster im Fach Physik und spielt viel lieber "World of Warcraft": "Man kann es bei den deutschlandweiten Wettbewerben für 'Guitar Hero' trotzdem bis in die Endrunde schaffen, muss sich nicht mühsam über ein Ligensystem nach oben spielen", erklärt Doris. Außerdem sei "Guitar Hero" in drei Sätzen erklärt, musikalische Vorkenntnisse nicht nötig: "Mir ist wichtig, dass ein Spiel über ein einfaches Gameplay verfügt und auch längerfristig Spaß macht", findet die beste Gitarrenspielerin der deutschen Konsolenszene.
Hauptberufliches Daddeln wird gut bezahlt
Während sich eSports-Begeisterte in Deutschland bislang noch so manchen dummen Spruch anhören müssen, wird der Pixelsport anderswo so ernst genommen wie die Formel 1. In Großbritannien traten bei der nationalen "Guitar Hero"-Ausscheidung zwei Kandidaten an, die sich mit dem Rücken zum Fernseher stellten und das Lied in der höchsten Schwierigkeitsstufe blind vorspielten. In Korea stecken große Hightech-Firmen ihr Geld in eigene Werksteams, die bei aufwendig organisierten Show-Events antreten und um Millionenbeträge spielen. Die Sportler werden fürs hauptberufliche Daddeln bezahlt und von einem ganzen Stab betreut. Fans kaufen sich Schals ihrer Lieblingsspieler und bejubeln sie während der Meisterschaften vorm Fernseher.
Auch dem deutschen Nationalteam steht ein strategischer Berater zur Verfügung, der für jedes Wettkampfspiel mögliche Taktiken durchspricht. Ein Physiologe sorgt mit Kniebeugen und Frischluft-Spaziergängen für Entspannung vor und nach den Spielen. In einem eigenen Trainingslager wird die Nationalmannschaft auf die Weltmeisterschaft vorbereitet. Im ewigen Medaillenspiegel liegt Deutschland auf Rang zwei hinter Korea. 2003 wurde Deutschland sogar Weltmeister.
Erst mal promovieren
In diesem Jahr hat mit Adidas ein Sportartikelhersteller die Sponsorenschaft übernommen. "Trotzdem hat eSports in Deutschland einen ganz anderen Hintergrund als beispielsweise in Korea", sagt Thomas von Treichel, der den Bereich "PR & Marketing" für die World Cyber Games betreut. "In Korea war Gaming schon immer öffentlich, in Deutschland kam es praktisch aus dem Keller", erklärt von Treichel, der hartnäckig dafür kämpft, dass eSports - wie in anderen Ländern - als ernstzunehmender Sport angesehen wird. "Natürlich ist eSports nicht so körperbetont, dafür ist Konzentration, Fingerfertigkeit und Denkvermögen nötig", erklärt von Treichel. Kritiker bekommen deshalb von ihm immer wieder die Frage zu hören, ob denn Schach ein Sport sei.
Den Sprung in die Nationalmannschaft hat Doris Reiter in Leipzig beim Deutschland-Finale verpasst. Schon in der ersten Runde musste sie sich Gegner "samqwe" geschlagen geben. Der Gegner hatte einfach zu schnelle Finger. Am Ende landete Doris auf Platz neun. Das Ergebnis nimmt sie sportlich – schließlich liegt für die Studentin eine allzu starke Professionalisierung des elektronischen Sports noch in weiter Ferne. Die vergangenen paar Wochen habe sie sich intensiver auf das Deutschland-Finale vorbereitet, berichtet Doris. Und natürlich, irgendwie wäre es schon toll gewesen, ins Nationalteam zu kommen. Ein ganzes Leben für die Spielekonsole? Das ist für die beste "Guitar Hero"-Spielerin aber noch nicht vorstellbar. Sie will erstmal promovieren, nebenbei ihr Lieblingsspiel "World of Warcraft" weiterverfolgen - und wenn sie mal wieder Lust darauf hat, ihre Fans im Fernseher mit einer Rockeinlage an der Plastikgitarre zum Kochen bringen.
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