Paul McCartney, Ringo Starr, Yoko Ono, Olivia Harrison und Steven Spielberg. Die letzten Überlebenden und Verwalter des Erbes der Beatles stehen auf der gleichen Bühne wie der Starregisseur. Sie alle sind hier, weil eine Videospielmesse nach ihnen verlangt. Die Beatles, weil es ein Spiel über sie gibt, Spielberg, weil er eine neue Steuerungstechnik für Spiele vorstellen soll, die seinem Film "Minority Report" entsprungen sein könnte.
Ein paar Straßen weiter erklärt James Cameron einen Teil seines neuen Projekts "Avatar". Nicht den Film, sondern das dazu gehörige Spiel. Sein Produzent Jon Landau zwängt sich für drei Tage in einen engen stickigen Raum im Convention Center von Los Angeles, um das Spiel und seine Geschichte im Detail vorzustellen. Abends geben Jay-Z und Eminem ein Konzert, mit dem ein Musikspiel beworben wird.
Die E3, die Electronic Entertainment Expo, wie sie ausgeschrieben heißt, ist zurück, nachdem sie im letzten Jahr fast beerdigt wurde. Da herrschte Totentanz auf den Gängen des Convention Centers. Nur wenige Menschen huschten 2008 durch die Gänge. Vom Thema der Messe, den Spielen, war kaum etwas zu sehen. Die einst bedeutendste Messe für interaktive Unterhaltung war quasi erledigt.
Spielentwickler und Filmemacher befruchten sich gegenseitig
Einige Träumer rieben sich in Deutschland bereits die Hände: Die deutsche Messe Gamescom, so hofften sie, könnte die Krone der wichtigsten Videospielemesse von der E3 übernehmen. Diese unrealistischen Vorstellungen sind nun beiseitegewischt. Von einer neuen E3, die nicht so sehr auf Größe, sondern auf Qualität setzt. Und die genau dort angesiedelt ist, wo es die Schnittstellen zu den beiden anderen bedeutenden Entertainmentbranchen, zu Musik und Film, gibt: in Los Angeles. Der wahrscheinlich beste Ort der Welt, um sich gegenseitig zu befruchten.
Dass das funktioniert, davon berichten James Cameron und Jon Landau. Wie fremdartige Wesen und Vehikel von den Filmemachern entwickelt, aus dem Film geschnitten, aber ins Spiel integriert wurden und wie umgekehrt Entwürfe der Spieleentwickler im Film endeten. Sie erzählen von Treffen, bei denen nicht nur das Spiel, sondern auch der Film diskutiert wurde. Änderungen am Film durch Spieldesigner angeregt wurden.
Mehr als hundert computergenerierte Szenen wurden von Ubisoft, dem Hersteller des Videospiels, für den Film gefertigt. Nebenbei wird von Peter Jackson berichtet, der mit dem gleichen Spielestudio bereits das Spiel für seinen "Tim und Struppi"-Film plant. Spiele zu Filmen sind für Hollywood nicht mehr nur reine Geldbringer, weil man die Lizenzen teuer verkaufen kann. Regisseure wie Spielberg, Cameron und Jackson haben Spiele als eine neue kreative Form erkannt, ihre Geschichten aus einer anderen Sicht zu erzählen.
Heavy Metal und Hardrock verkaufen sich gut
Musiker sehen in Spielen neben neuen kreativen Möglichkeiten auch eine Möglichkeit, neues Publikum zu finden. Vor allem Musikspiele wie "Rockband" oder "Guitar Hero" haben Bands zu beträchtlichem Ruhm verholfen, die vorher als hoffnungslos veraltet galten. Vor allem solchen, die Heavy Metal und Hardrock spielen. Und neben dem Ruhm öffnen Spiele neue Wege, Musik zu verkaufen.
Mehr als 40 Millionen Songs sollen allein für "Rockband" per Download verkauft worden sein. Gab es anfangs heftige Kämpfe um die Lizenzierung der Musik, so versuchen Bands inzwischen, eigene Editionen der Spiele zu bekommen, so wie AC/DC, Metallica oder Aerosmith.
Oder auch die Beatles, die jetzt eine eigene Ausgabe des Spiels "Rockband" bekommen. Das führt spielerisch durch die Geschichte der Fab Four und ist verkaufstechnisch wohl ein Selbstgänger. Initiiert wurde es nicht durch die Spielefirma, sondern durch George Harrisons Sohn Dhani. Er hat zusammen mit Giles Martin, dem Sohn des legendären Beatles-Produzenten George Martin, das Projekt begleitet.
"Die Beatles sind ganz normale Menschen"
Auch die anderen Beatles und Erben haben geholfen. Josh Randall, der Produzent des Spieles, erzählt begeistert von seinem Besuch bei Olivia Harrison, die ihm helfen wollte, George möglichst echt im Spiel abzubilden. Gemeinsam haben sie in Fotoalben gestöbert und Urlaubsbilder der Harrisons angeschaut. "Die Beatles sind ganz normale Menschen", sagt er gerührt, "hilfsbereit und unglaublich nett." Und sie fanden die Idee, das Spiel zu machen, überhaupt nicht merkwürdig. Sondern ganz normal.
Und diese stille Übereinkunft zwischen Musik, Film und Spiel, dieses neugierige Zusammenarbeiten, das gegenseitige Befruchten, spürt man auf der E3 an vielen Orten. Es zeigt vor allem eins: Spiele sind innerhalb der Entertainmentindustrie eine Sparte wie jede andere geworden. Und sie sind zu einem Medium geworden, über das die anderen nicht mehr lachen, sondern auf das sie neugierig schauen.
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