100-Dollar-Laptop: Der coolste Computer der Welt

Eigentlich wird der 100-Dollar-Laptop für Kinder in Entwicklungsländern gebaut. Zum Verkaufsstart des Mini-PCs sind es allerdings erwachsene Europäer, die nach dem OLPC verlangen. Peter Kusenberg hat einen Prototyp des Mini-Rechners mit Kind und Kegel getestet.

Sie zirpen, quaken und tröten: Kindercomputer wie der "School Laptop E" der Firma V-Tech scheinen dazu da zu sein, Erwachsenen den letzten Nerv zu rauben. Zweijährige hingegen sind fasziniert davon Schokoladenkekse mit dem Lüfter von Papas Computer zu pulverisieren.

Solchem Lärmspielzeug ähnelt auch der 100-Dollar-Laptop. Sein stabiles grünes, blaues oder gelbes Kunststoffgehäuse umhüllt indes ein richtiges Notebook – inklusive Haupt-Prozessor von AMD mit 433 Megahertz Taktfrequenz, SD-Karten-Schlitz und 256 Megabyte Arbeitsspeicher. Außerdem gibt es USB- und Audio-Anschlüsse, einen W-Lan-Empfänger und einen Bildschirm, der mit einer Diagonale von 19 Zentimetern deutlich kleiner ist als der eines gewöhnlichen Laptops.

Damit lässt sich gut schreiben – und spielen, musizieren, Faxen machen. Denn der OLPC (One Laptop per Child), wie der 100-Dollar-Laptop eigentlich heißt, wurde für Kinder in den strukturschwachen Regionen der Welt entwickelt. Gegenden, in denen Bildung ein kostbares Gut ist, und wo die meisten Kinder noch nie vor einem PC-Bildschirm gesessen haben.

Nicholas Negroponte startete die gemeinnützige Initiative 2005. Hauptberuflich arbeitet er als Professor am MIT in US-amerikanischen Cambridge. Seine Organisation heißt, wie der Laptop, One Laptop per Child. Sie entwickelte den Prototypen, der gewappnet sein muss für die Widrigkeiten in äquatornahen Weltgegenden. So gibt es über der Tastatur, deren Tasten für achtjährige Peruaner ideal sein mögen, für westliche Erwachsenen-Wurstfinger jedoch zu klein sind, einen durchgehenden Gummischutz gegen Regen und Staub.

Drei Watt reichen aus

Das knapp anderthalb Kilo leichte Gerät ist rasch einsatzfähig: Es müssen nur die so genannten "Hasenohren" ausgefahren werden. Unter denen befinden sich die USB- und sonstigen Anschlüsse. Das Display ist so hell, dass der Benutzer selbst bei starkem Sonnenlicht den Desktop-Inhalt erkennt. Dabei versorgt ein Wechsel-Akku den OLPC mit Energie. Eine Stunde am mitgelieferten Netzteil soll ausreichen, um den Akku zu füllen.

Angeblich reicht der so gespeicherte Strom für elf Stunden Betrieb. Im Test war nach fünf Stunden Schluss. Allerdings spielte der vorinstallierte Media Player währenddessen mehrere Filmchen ab und die ganze Familie schnitt Fratzen vor der integrierten Videokamera.

Drei Watt genügen dem kleinen Rechner, um zu funktionieren. Ein gewöhnlicher Laptop benötigt locker das Zehnfache. Der getestete Prototyp besaß noch eine Ladekurbel. Die gibt es in den Seriengeräten nicht mehr. Stattdessen soll eine Art Jojo-Antrieb mitgeliefert werden. Laut Negroponte ließe sich der OLPC mit einem pedalbetriebenen Strom-Generator in 20 Minuten aufladen, ideal für den Einsatz im ländlichen Thailand, Peru oder Nigeria. Dabei erhitzt sich der Kinder-Computer nicht einmal. Im Test wurde er selbst nach stundenlangem Dauerbetrieb kaum warm.

Linux-inside

In einem Video-Interview sagte Negroponte, "das Netzwerk ist das Entscheidende, wobei es nicht nur um den Transfer von Informationen geht: Kinder sollen nicht mit Daten gemästet werden, sie sollen vielmehr konstruktiv werden". Dank des W-Lan-Empfängers lässt sich der OLPC in ein Funknetz einbinden. Der Firefox-ähnliche Browser kommt mit den meisten Webseiten klar.

In den Klassenräumen der Empfängerländer sollen OLPC-Server stehen, die den Internetzugang gewährleisten und immerhin fünf Gigabyte Festspeicher besitzen – der OLPC-Laptop muss mit einem Gigabyte auskommen. Das ist ausreichend, denn als Betriebssystem kommt eine Linux-Variante mit der kindgerechten Oberfläche "Sugar" zum Einsatz, die man sich auch kostenlos aus dem Netz laden kann. Klar, Word & Photoshop sucht der Windows-Nutzer hier vergeblich, doch Lernen und Spielen am PC geht prima ohne Microsoft-Produkte. "Excel, Powerpoint: Überflüssig. Die Kinder müssen Lernen lernen, nicht den Umgang mit bestimmten Produkten", sagt Negroponte.

Panik in Redmond

So etwas hören die Microsoft-Chefs nicht gern: Bis zu 100 Millionen OLPCs sollen bis 2011 ausgeliefert werden. Nicht auszudenken, wenn die kleinen Thailänder, Mexikaner und Uruguayer sich an Linux als Betriebssystem gewöhnen! Daher kündigte Microsoft im Herbst 2007 seine Unterstützung des Projekts an. Jetzt arbeiten Microsofts Programmierer an einer OLPC-Version von Windows XP.

Das Arbeiten mit "Sugar" macht indes Spaß: Die Programmsymbole befinden sich an der Unterseite des Desktops. Ein Klick reicht aus, um die Programme zu starten. Das dauert mitunter einige Minuten. Laufen mehrere Programme gleichzeitig, kommt es allerdings gelegentlich zu Abstürzen. Glücklicherweise startet das System danach ohne störende Fehlermeldungen und ist sofort bereit für einen Neuanfang. Zahlreiche externe Geräte wie Drucker und Mäuse werden erkannt. Im Test ließ sich problemlos eine Razor-Maus anschließen – für die gibt’s bis heute nicht mal einen funktionierenden Windows-Vista-Treiber.

Doom für die Welt

So flexibel wie die Software ist auch die Hardware: Der Bildschirm ist an einem Gelenk befestigt. Man kann ihn neigen, um aus dem OLPC etwa ein digitales Buch zu formen – oder einen Musik- und Videoplayer. Denn erstens befinden sich akzeptable Stereo-Lautsprecher im Gehäuse, und zweitens lässt sich eine Sound-Anlage anschließen, so dass die eigens komponierten Stücke durch den Klassenraum tönen.

Musikalische Experimente ermöglicht das Lernprogramm Tamtam, bei dem der Nutzer eine Trommel oder eine Posaune mit dem Mauszeiger aktiviert und Notenfolgen hinzufügt. Zudem gibt es ein interaktives Malprogramm – und Spiele. Dabei handelt es sich um kleine Gelegenheitsspiele. Der nicht in der Grundausstattung enthaltene Shooter "Doom" läuft aber auch auf dem OLPC.

Ein Doppel-Laptop für den Westen

"Doom" zu spielen würde den kleinen Uruguayern gefallen, die zusammen mit den Mongolen als erste in den Genuss des OLPC kommen: 100.000 Geräte wurden Anfang November 2007 in das kleine südamerikanische Land verschifft, bis 2009 sollen fast alle uruguayischen Schulkinder unter zwölf Jahren einen OLPC benutzen.

Finanziert wird das Ganze über die Regierungen der Länder, über Spenden – und über eine besondere Initiative: Nordamerikaner können auf www.laptop.org für rund 400 Dollar (= ca. 300 Euro) einen OLPC für den Eigenbedarf bestellen und sponsern gleichzeitig einen Mobilrechner für ein Bildungsprojekt in einem Drittwelt-Land. Damit ist der Doppel-OLPC etwa so teuer wie das Linux-Notebook EeePC von Asus, das zwar ein wenig leistungsfähiger ist, doch zwei Dinge nicht besitzt: Hasenohren und Steuertasten am Monitor für eine Partie "Doom".

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