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50 Jahre Diplomacy: Was die D&D-Erfinder spielten

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Henry Kissinger liebte es, die Kennedys sollen es gespielt haben: Das Brettspiel Diplomacy wird dieses Jahr 50 Jahre alt. Der von Fans liebevoll Dippy genannte Strategieklassiker beeinflusste Rollenspiel-Erfinder wie Gary Gygax und gilt als eines der wichtigsten Spiele der sechziger und siebziger Jahre.

Gleich zwei Brettspielklassiker feiern in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum: Risiko und Diplomacy. Auf den ersten Blick scheinen sie recht ähnlich. Es gibt eine Karte, Spielsteinchen für Armeen - und das Ziel lautet bei beiden, die militärische Oberhand zu gewinnen. Dennoch könnten die Spiele kaum unterschiedlicher sein: Risiko ist vergleichsweise simpel, ein netter Zeitvertreib für einen regnerischen Samstagnachmittag. Diplomacy hingegen ist ungeheuer vielschichtig, erfordert Verhandlungsgeschick, Weitsicht - und Skrupellosigkeit.

Erfunden wurde das Spiel von dem Harvard-Absolventen Allan Calhamer. Schon in seiner Jugend interessierte sich der Chicagoer für Außenpolitik. Besonders faszinierte Calhamer die prekäre Machtbalance zwischen den Nationalstaaten im Europa des frühen 20. Jahrhunderts. Während seines Geschichtsstudiums erinnerte er sich eines Tages an eine alte Karte, die er einst auf dem Dachboden seines Elternhauses gefunden hatte und auf der längst verschwundene Staaten verzeichnet waren: Österreich-Ungarn, das osmanische Reich. "Ich dachte damals, das ist Stoff für ein tolles Brettspiel", sagte er dem "Chicago Magazine".

Anfangs erschien das Spiel im Selbstverlag, Auflage: 500 Stück. Das ist angesichts des späteren Erfolgs verwunderlich - doch Diplomacy ist eben anders als Risiko oder Monopoly vergleichsweise schwere Kost. Die Regeln des Spiels sind noch relativ einfach: Sieben Spieler übernehmen die Rolle von europäischen Mächten wie Russland, dem Deutschen Reich oder England, anno 1900. Ein Zufallselement durch Würfel oder Karten gibt es nicht. Alle Bewegungen und Schlachtentscheidungen sind somit theoretisch vorhersehbar.

Der Clou: Anders als bei praktisch allen anderen Strategie-Brettspielen finden die Züge der Parteien bei Diplomacy simultan statt. Vor der Bewegung der Armeen gibt es in jeder Spielrunde eine so genannte Verhandlungsphase. Sie ist das eigentliche Herzstück des Spiels und war Calhamers Versuch, klassische Realpolitik á la Bismarck darzustellen. Jeder der Spieler kann mit den anderen Vereinbarungen treffen und Allianzen schmieden - öffentliche wie geheime. Eine Garantie, dass sich die anderen Parteien an diese Abreden halten, gibt es freilich nicht, "ganz wie im richtigen Leben", wie Diplomacy-Experte Edi Birsan erklärt. Täuschung und Wortbruch sind ausdrücklich erwünscht.

"Jede dieser Verhandlungsphasen ist ein Adrenalinschub", sagt Julian Ziesing, Diplomacy-Weltmeister von 2008 und Mitherausgeber des Diplomacy-Magazins "Die Tatz". Wer das Spiel einmal gespielt hat, weiß zudem um seine Freundschaften gefährdende Wirkung: Während der Verhandlungsphase hat einem ein guter Kumpel unverbrüchliche Treue geschworen - und beim Aufdecken der Spielzeuge dämmert einem plötzlich, dass man nach Strich und Faden hintergangen wurde.

Einfluss auf die Entstehung des Fantasy-Rollenspiels

Erst 1959 fand Calhamer einen Spielehersteller, der Diplomacy vertreiben wollte. Bis heute wurden geschätzte 300.000 Spiele verkauft. Das Spiel hat eine erlesene Fangemeinde: Henry Kissinger soll es als außergewöhnlich realistische Darstellung von Außenpolitik bezeichnet haben. Und ein Kolumnist des "London Evening Standard" schrieb einst: "Man sagt, dass die Kennedys es im Weißen Haus spielen. Und ich höre, die NATO bestehe darauf, dass sie (den Präsidenten) auch ab und zu gewinnen lassen."

Mit Fantasy-Rollenspielen wie Dungeons & Dragons hat Diplomacy auf den ersten Blick wenig gemein. Die Verhandlungsphase ist ein eher nüchternes, geschäftsmäßiges Feilschen. "Niemand schlüpft da in die Rolle des osmanischen Sultans", wie Ziesing anmerkt. Dennoch halten Spielekenner Diplomacy für einen der geistigen Väter des Rollenspiels. "Dippy ist das wichtigste Brettspiel der siebziger Jahre", meint etwa Werner Fuchs, Miterfinder von "Das Schwarze Auge" und langjähriger Beobachter der Szene. Die "Freeform-Interaktion" des Spiels habe völlig neue Möglichkeiten eröffnet.

AP
Thomas Hillenbrand und Konrad Lischka berichten in der Reihe "Rollenspiel - die wahre virtuelle Realität" in loser Folge über die Geschichte der Rollenspiele - was interessiert Sie besonders? Die Entstehung des "Schwarzen Auges"? Die Karriere von Steve Jackson? Oder die Geschichte des Play-By-Mail-Phänomens? Wir freuen uns über Ihre Anregungen per E-Mail.

Das blieb auch Rollenspielpionieren wie Gary Gygax (Dungeons & Dragons) oder Steve Perrin (Runequest) nicht verborgen. Beide spielten mit Hingabe Diplomacy und entwarfen sogar eigene Brettvarianten. Gygax etwa wartete mit einer Diplomacy-Version auf, die im hyperboreischen Zeitalter angesiedelt war, der Welt des vom Schriftsteller Robert E. Howard erdachten Barbaren Conan.

Welchen genauen Anteil Diplomacy an der Erfindung des Rollenspiels hat, ist schwer abzuschätzen - D&D-Co-Designer Dave Arneson wies jedoch darauf hin, wie wichtig Strategiespiele für die Genese von D&D waren: Irgendwann gaben "wir unseren Generälen Persönlichkeiten. Und dann fiel uns auf, dass sich die Spieler mit ihnen identifizierten. Und so rollenspielten wir Diplomatie und das Verhalten auf den Schlachtfeld."

Erst Dippy, dann die Drachen

Auch andere Rollenspieldesigner der ersten Stunden schätzten Calhamers Verhandlungssimulation. Steve Jackson, Erfinder der Fighting-Fantasy-Spielbücher, erinnert sich, dass er Diplomacy Anfang der Siebziger während seines Studiums an der Universität Keele entdeckte. "Wir hatten Sessions, die die ganze Nacht hindurch gingen".

Gygax schrieb auch Strategieartikel für Diplomacy-Fanzine wie "Panzerfaust" und "El Conquistador". Die Zahl dieser als Kopien oder Matrizen vertriebenen Hefte wuchs in den sechziger und siebziger Jahren auf geschätzte 75 an. Die Fanzines diskutierten Themen wie die optimale Eröffnungsstrategie für Russland oder die Feinheiten derBritish Sea Power - vor allem jedoch fungierten sie als Kontaktplattform, über die in der Prä-Internet-Ära Diplomacy-Spieler zueinander fanden.

Über den Kleinanzeigenteil in "Graustark" oder "Orthanc" konnte man Mitspieler für Face-To-Face-Partien finden oder für Diplomacy per Post. "Diplomacy war außer Schach das erste Play-By-Mail-Spiel", sagt Weltmeister Ziesing.

Calhamers Diplomacy wäre schon für sich besehen ein brillantes Brettspiel. Es ist schlicht, elegant, hat ein revolutionäres Spielkonzept und ist gleichzeitig hochkomplex. Hinzu kommt aber die Bedeutung für die Erfindung des Rollenspiels Mitte der siebziger Jahre und die Leistung, das Fundament der ersten globalen Spielecommunity der Welt gelegt zu haben. Heute sind Fanblogs und transnationale Word-of-Warcraft-Sitzungen über das Internet gang und gäbe. Ihre Vorläufer waren die Dippy-Fanzine und Diplomacy-Partien per Play-By-Mail (PBM).

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