Angefasst Holzeisenbahn, die nächste Generation

Wie sieht es in einem Computer aus? Wo kommen die E-Mails her und wie verbreiten sich PC-Viren? Solchen Fragen sollen Kinder künftig schon im Vorschulalter nachgehen - ganz ohne Elektronik, sondern nur mit Holzspielzeug.

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Ein Netzwerk im Kinderzimmer? Das geht ja wohl gar nicht, werden verantwortungsbewusste Eltern jetzt sagen. Die Kinder sollen normal spielen, ihre Umwelt entdecken, kreativ sein und nicht den ganzen Tag vor dem Bildschirm hocken. Müssen sie auch nicht, denn die Networker von Brio sind ganz aus Holz und funktionieren fast genauso wie die gute alte Holzeisenbahn.

Dabei gilt der schwedische Spielzeughersteller Brio nicht gerade als Innovationsmotor der Branche. Seinen größten Verkaufserfolg feiert das Unternehmen bis heute mit einem Produkt, dass es bereits Mitte der fünfziger Jahre einführte: der Holzeisenbahn. Und doch will die Firma jetzt neue Märkte erobern, das Kinderzimmer modernisieren, mit Holzspielzeug für das Kinderzimmer 2.0.

Als Networker werden die lustigen kleinen Holzfiguren bezeichnet, mit denen Kinder spielerisch lernen sollen, wie Computer, Netzwerke und Programme funktionieren. Hört sich technisch an, ist es aber nicht. Denn eigentlich sind die Networker auch nur eine Holzeisenbahn.

Holz gewordene E-Mails

Allerdings eine, die es in sich hat. Denn die Holzschienen, die übrigens schnittstellenkompatibel zu allen anderen Brio-Bahnen sind, werden durch einen weißen Aufdruck zu Datenleitungen umdeklariert. Und auch die niedlichen kleinen Dampflokomotiven und Personenwagen sucht man vergebens.

Stattdessen bevölkern Holz gewordene E-Mails, Suchmaschinen und natürlich Viren die Szene. Und die machen wirklich Spaß - nicht nur Kindern. Ein echtes Highlight: die Figur Pop-Up, deren verborgenes Talent der Hersteller so beschreibt: "Liebt es, mit seinen unvorhersehbaren und oft irritierenden Auftritten andere wahnsinnig zu machen." Oder "Lazie & Bernie - Die Brenner-Zwillinge", zwei in Schweißermonturen gekleidete Figürchen, die mit ihren Präzisionslasern CDs lesen und schreiben können, natürlich nur im übertragenen Sinne.

Die Entstehung eines Holzcomputerbiotops

Dass Brio sein ansonsten schon leicht angestaubtes Portfolio überhaupt mit solch illustren Charakteren anreichert, hat das Unternehmen allerdings nicht einer eigenen Entwicklungsabteilung oder dem Geistesblitz eines Top-Managers zu verdanken.

Der Werksstudent Isak Akerlund war es, der die Networker als Abschlussarbeit entwickelte. Die Idee gefiel Brio-Marken-Manager Claes von Hauswolf so gut, dass er Akerlund sofort einstellte und ihn eine komplette Networker-Serie entwerfen ließ - die erste Brio-Produkteinführung seit zwanzig Jahren.

Mittlerweile ist daraus ein regelrechtes Holzcomputerbiotop gereift. Neben dem Starter-Set, das einige Schienen, den E-Mail-Transporter Emo und ein paar weitere Figuren enthält, gibt es etliche Erweiterungen. Zum Beispiel Virenpakete und die passenden Antiviren, einen E-Mail-Hub, eine Suchmaschine mit Lupe und sogar eine Mailbox, die neue E-Mails lautstark vorliest - was auf Dauer ziemlich nerven kann. Eltern kennen das.

Dass man von den Networkern tatsächlich lernen kann, was einen Computer im Innersten Zusammenhält, mag bezweifelt werden. Unterhaltsam ist das bunte Treiben der pseudodigitalen Holzfiguren aber allemal - und zeitgemäßer als eine Dampflok, die man heute bestenfalls noch als Museumsstück sieht, sowieso.

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