Avatar-Communities "Das Netz menschlich machen"

Web 2.0 - jetzt noch sozialer. Dank Avatar-Communities sollen sich Menschen bald beim Browsen begegnen wie beim Spaziergang auf der Straße. Das Kalkül der Betreiber: Je menschlicher das Netz wird, desto mehr Geld lässt sich darin verdienen.

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Hamburg - Neulich im Netz: "Hey, Interaktivistin, lange nicht gesehen", sagt Avatar Dr. Helmut Soul und winkt. "Treibst du dich auch mal wieder in der SPIEGEL-ONLINE-Netzwelt rum?" – "Warte", antwortet die Angesprochene, "ich mache mich kurz unsichtbar. Da hinten kommt der Manga-Avatar, der mich neulich auf Google angebaggert hat."

Smalltalk wie an der Bushaltestelle: Avatar-Communities machen Menschen im Web sichtbar

Smalltalk wie an der Bushaltestelle: Avatar-Communities machen Menschen im Web sichtbar

Smalltalk von Pixelmännchen zu Pixelbabe – so könnte die Kommunikation im Cyberspace dank Avatar-Communities bald aussehen. Auf Seiten wie Zweitgeist oder Me.dium können sich Nutzer mit ein paar Klicks einen eigenen Avatar zusammenbasteln, der sie künftig beim Surfen im Netz auf Schritt und Tritt begleitet. Wer als Pixelmensch im Web unterwegs ist, begegnet dann auch anderen Menschen und kann spontan ins Gespräch kommen.

Anders als bei herkömmlichen Communities erfolgt die soziale Interaktion dabei nicht mehr an einem festen Platz im Web, sondern nebenbei beim Browsen. User sollen, so die Versprechen der Portal-Betreiber, künftig gemeinsam surfen gehen, statt immer nur mit denselben Buddys im muffigen Chatroom oder auf der eigenen MySpace-Seite rumzuhängen.

Sehen und gesehen werden ...

Beim Dienst Me.dium, den vier selbsternannte "Part-Time-Geeks" aus Boulder, Colorado entwickelt haben, funktioniert das über eine Buddy-Liste, die in der Browser-Sidebar untergebracht ist. In deren oberem Bereich wird angezeigt, auf welchen Websites Freunde und Bekannte gerade rumsurfen. Me.dium-User können ihre Buddys so stets mit einem Klick besuchen - und umgekehrt genauso mit einem Klick besucht werden. Wer also gerade durchs virtuelle Rotlichtmilieu stromert, sollte eine bessere Ausrede parat haben als "War nur neugierig" - oder den Dienst zeitweilig abstellen.

Dazu sehen Me.dium-Nutzer auf einer Art Landkarte auch die Avatare fremder Community-Mitglieder, die sich gerade auf thematisch verwandten Websites aufhalten. Jeder gibt so jedem Surftipps, und wie in der realen Welt ergeben sich zufällige Begegnungen daraus, wenn mehrere Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind: "Bildet sich an einem ereignisreichen Schauplatz im Web eine Menschentraube, lockt deren schiere Präsenz vielleicht weitere Schaulustige an", sagt Dean Steadman, der Community Manager von Me.dium. "Über Me.dium wird das Netz menschlich, und Menschen mit gleichen Interessen werden zusammengeführt."

... Segen oder Fluch?

Auch die deutsche Avatar-Community Zweitgeist setzt auf die soziale Vernetzung Gleichgesinnter. "In der realen Welt treffen sich HSV-Fans im Stadion – im Netz treffen sich ihre Avatare auf der HSV-Homepage", sagt Zweitgeist-Geschäftsführerin Christine Stumpf. "Dank Avataren setzt sich das Prinzip 'Sehen und gesehen werden' in der virtuellen Welt fort."

Eine totale Erreichbarkeit, die für manchen Fluch und für manchen Segen sein dürfte. So erscheint bei Zweitgeist für jeden User, der sich auf einer Website befindet, ein Avatar am unteren Bildschirmrand. Über "Emote"-Buttons, wie man sie auch aus Online-Rollenspielen à la "World Of Warcraft" kennt, können die Pixelmenschen obendrein zum Lachen, Weinen oder Breakdancen gebracht werden. Auf hoch frequentierten Websites wie Google führt das schnell dazu, dass einem beim Lesen permanent winkende und quatschende Avatare durch den Browser latschen.

Damit sich der User vor lauter sozialer Interaktion noch aufs Lesen und Videogucken konzentrieren kann, haben die Zweitgeist-Macher inzwischen einen Filter in ihre Software eingebaut: Sobald sich mehr als zwanzig Avatare auf derselben Seite tummeln, werden nur noch die Namen der Neuankömmlinge angezeigt.

Vielfältige Anbindungsmöglichkeiten

Eine Stärke der Avatar-Portale liegt darin, dass sie sich mit nahezu jeder etablierten Anwendung koppeln lassen – eine Chance für die User, ihren virtuellen Geräte-Park aus Messenger-Tools, Voice-over-IP-Anwendungen und Community-Accounts vielleicht bald in einer einzigen, "menschlichen" Anwendung zu bündeln.

Die Macher der Avatar-Communities wissen um diese Möglichkeiten und gedenken, sie auszuschlachten: Die Software-Abteilung von Me.dium schraubt bereits an einer Voice-over-IP-Anwendung à la Skype herum; Zweitgeister sollen ihre Buddys bald via "Lasso-Feature" mit auf Netztour nehmen können – wie auf dem Beifahrersitz surft dann der eine dem anderen einen vor.

Mit virtuellen Luxusgütern Geld verdienen

Mittelfristig sollen die Avatar-Portale auch an Geschäftsmodelle gekoppelt werden. Die virtuelle Welt Second Life gibt dabei den Takt vor: Beide Community-Betreiber planen einen Avatar-Shop, in dem User Items für ihr virtuelles Ich einkaufen können - Gucci-Sonnenbrille zum Beispiel. Oder die neusten Nike-Sneaker.

"Wir hatten auch die Idee, dass der Zweitgeist eines Borussia-Dortmund-Fans für zwei Euro virtuelle Rauchbomben ersteht und diese dann auf der Website des 1. FC Bayern München zünden kann", sagt Stumpf. "Oder dass ein Cyber-Charmeur einer Avatarin den Hof macht, indem er einen Zauberspruch kauft, mit dem er rote Rosen über sie regnen lässt."

Aus dem Geschäft mit den virtuellen Luxusgütern erhoffen sich die Community-Betreiber durchaus Erlöse. Sie setzen vor allem auf die Eitelkeit ihrer Nutzer: "Entwickelt sich der Avatar mehr und mehr zum ständigen Begleiter und Aushängeschild des Users im Cyberspace, wird dieser immer mehr Wert darauf legen, sich über sein virtuelles Ich anständig zu präsentieren", meint Steadman. "Je menschlicher das Netz wird, desto mehr Geld lässt sich darin verdienen."

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