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C64-Laptop: Von diesem Notebook träumten die Achtziger

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Hätte es das bloß damals schon gegeben: Aus einem Commodore C64 hat Benjamin Heckendorn einen Laptop gebaut, der aussieht wie frisch vom Achtziger-Jahre-Fließband. Mit ähnlichen Umbauten verdient der Bastler schon stattliche Summen - trotzdem will er erstmal Pause machen.

Hätte Commodore jemals ein C64-Notebook entwickelt, hätte es wohl so ausgesehen: beigefarbenes Gehäuse, grob geriffelter Gehäusedeckel, großes Firmenlogo, Commodore-Schriftzug unterhalb der Tastatur. Doch damals in den achtziger Jahren, als der C64 seinen Siegeszug als Heimcomputer antrat, wäre ein solches Gerät gar nicht möglich gewesen.

Commodores eigener Versuch, einen Mobil-C64 zu bauen, brachte dem Unternehmen keine Lorbeeren ein. 1984 stellte das Unternehmen den SX64 vor. Der war mit zwölf Kilogramm Gesamtgewicht zwar gerade noch tragbar, brauchte aber stets eine Steckdose, da er ohne Akku geliefert wurde. Vor allem aber verhinderten sein kleiner Bildschirm und der hohe Preis von fast tausend Dollar den Erfolg.

Mit modernen Mitteln sollte es aber kein Problem sein, diese Lücke zu füllen und den Mobilrechner zu bauen, von dem man damals nur träumen konnten. Das dachte sich wohl der US-Bastler Benjamin Heckendorn. Er ist Spezialist für solche Projekte. Seit fast einem Jahrzehnt baut er Computer und Spielkonsolen zu Mobilrechnern um, hat sich damit nicht nur einen guten Ruf, sondern auch so manchen Dollar verdient.

"Ich war eine Atari-Typ"

Doch sein C64-Laptop macht ihm sichtlich zu schaffen. "Wie ging das nochmal?", fragt der Bastler, als er sein neues Werk vorführt. Fast drei Jahre schob er den Umbau des Computer-Seniors vor sich hin. Nicht weil der so kompliziert war - es kamen ihm bloß ständig andere Projekte dazwischen. Jetzt aber ist er endlich fertig, sein C64-Laptop, nach nur zweieinhalb Wochen Bauzeit. Aber wie jeder C64 reagiert es nur auf Textkommandos und erwartet, dass man ihm mit klar strukturierten Befehlsketten sagt, was es als nächstes tun soll - und damit hat Benjamin so seine Probleme.

"Tut mir leid, ich war ein Atari-Typ", erklärt der Bastler. Er vergnügte sich damals, als der C64 seine große Zeit hatte, mit einem Atari-Heimcomputer, und der funktionierte eben ganz anders als der Brotkasten. Für seinen tragbaren Selbstbau-Commodore musste er sich das alte System erst neu beibringen.

Und nicht nur das: Heckendorn musste auch einigen Erfindergeist mitbringen. Ausschließlich auf Basis der Achtziger-Jahre-Hardware hätte er seinen portablen Commodore kaum realisieren können. Das bullige Floppy-Laufwerk etwa, die 1541, hätte er kaum in einem schlanken Gehäuse unterbringen können. Also ersetzte er das Diskettenlaufwerk durch eine speziellen SD-Card-Reader. Der hat nebenbei den Vorteil, dass er C64-Software viel schneller in den Speicher des Rechners schaufelt, als es eine Floppy könnte.

Angefangen hat alles mit einer Atari-Konsole

Aber der Floppy-Ersatz gehörte noch zu den leichteren Übungen. Im Laufe der Arbeiten musste Heckendorn nicht nur die Hauptplatine modifizieren, auch die komplette Tastatur, die Verkabelung und die Stromversorgung hat er umgebaut. Einen Akku gibt es auch bei seinem C64-Laptop nicht. Dafür ist das Gerät tatsächlich tragbar, und so schlank, dass es zumindest locker in einen Rucksack passt.

Das Design hat der Bastler mit einem Grafikprogramm selbst entwickelt, die Gehäuseteile professionell mittels einer CNC-Fräsmaschine herstellen lassen. Mit weniger würde sich Heckendorn auch nicht begnügen, schließlich ist er kein Amateur, er ist Bastelprofi. Vor neun Jahren hat es ihn gepackt. Sein erstes Projekt war der Umbau einer Atari-Spielkonsole.

Teure Sonderanfertigungen

Mittlerweile aber hat sich Heckendorns Bastelwut zu einem florierenden Geschäft entwickelt. "Anfangs war es ein Hobby", erzählt er SPIEGEL ONLINE, "aber dann wollten die Leute immer mehr." Inzwischen erreichen den Hobbyisten mehr Anfragen nach exklusiven Umbauten, als ihm lieb sind.

Dabei sind seine Konstruktionen nicht gerade billig. Kleinere Geräte gibt er schon für einige Hundert Dollar ab. Für größere Projekte aber werden schnell deutlich vierstellige Summen fällig. Der C64-Laptop etwa dürfte eines dieser Projekte sein. Irgendwo zwischen 40 und 60 Stunden habe er daran gearbeitet, erklärt Heckendorn SPIEGEL ONLINE. Bei seinem Stundensatz entspricht allein dies ungefähr 3000 Dollar. Hinzu kommen die nicht unerheblichen Materialkosten, vor allem für das maßgefertigte Gehäuse.

Bausätze für PC-Heimwerker

Die Computer, aus denen er seine einzigartigen Kreationen aufbaut, tauchen auf Heckendorns Rechnungen dagegen nur selten auf: "Meistens bekomme ich die von meinen Kunden, sonst besorge ich sie bei Ebay", sagt der Bastler.

Allerdings muss man sich einen von Heckendorn konstruierten Computer nicht unbedingt vom Erfinder selbst anfertigen lassen. Wer Geld sparen will und weiß, an welchem Ende ein Lötkolben heiß wird, kann sich selbst einen einmaligen Exoten-Rechner bauen. Heckendorn hat dazu nicht nur ein Buch geschrieben, in dem er seine wichtigsten Konstruktionen detailliert samt Bauplänen abdruckt, er bietet für einige Spielkonsolen auch Bausätze an.

Dazu gehören unterschiedlichen Varianten mobiler Spielkonsolen auf Basis von Sonys PSOne oder des Atari 2600. Zwischen 55 und 95 Dollar kosten diese Bausätze, in denen fast alle notwendigen Teile enthalten sind. Reich geworden ist Heckendorn mit seinen Computerbasteleien und dem Verkauf von Bausätzen trotzdem noch nicht. "Ich habe schon einige tausend meiner Bausätze verkauft, aber J.K. Rowling bin ich deshalb noch nicht", sagt der Bastler bescheiden.

Das liegt wohl auf daran, dass Heckendorn es offensichtlich nicht darauf anlegt, seine Ideen zu vergolden. Zum einen bietet er viele Bauanleitungen kostenlos zum Herunterladen auf seiner Website an. Wer den Aufwand nicht scheut, sich den ganzen Kleinkram selbst zu besorgen, bekommt da alle nötigen Infos.

Zum anderen aber schreckt er potentielle Kunden auch bewusst ab. In den letzten vier Monaten habe er fünf Xbox-360-Spielkonsolen zu Notebooks umgebaut, den C64-Laptop entwickelt und nebenbei noch einige kleinere Projekte umgesetzt. Das habe ganz schön geschlaucht. Jetzt brauche er erst einmal eine Pause, sagt Heckendorn.

Und sein C64-Laptop wird er wohl auch kaum verkaufen, denn das sei ihm sein wahrscheinlich liebstes Projekt bisher. In seinen Augen ist der beigebraune Mobilrechner so "wunderschön hässlich aus, als käme er aus den achtziger Jahren einer alternativen Realität, wo er tatsächlich existierte".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
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1. witzig isses,
Frank Wagner, 19.04.2009
aber wer kauft denn so was ? Ich meine mein C64 hat mir damals nach der Wende auch viel Spaß gemacht, lag dann aber 15 Jahre auf dem Speicher. Ich habe das Ding erst letzten Monat entsorgt. Irgend einen Nutzwert hat so was nun leider gar nicht.
2. Nett!
meier_02 19.04.2009
Hatte nie einen C64 und kann eigentlich den ganzen nostalgischen Hype um diese alten Computer nicht nachvollziehen. Aber dieses Notebook im C64-Style finde ich optisch großartig. Alleine die Idee zeugt schon von einem ausgeprägten Vorstellungsvermögen. Diese Idee dann auch noch so perfekt umzusetzen, ist einfach nur bewundernswert. Den Artikel finde ich sehr gut geschrieben. Ist ja auch nicht mehr so selbstverständlich auf Spiegel Online. Sehr witzig fand ich die Umschreibung: "Wer weiß, an welchem Ende ein Lötkolben heiß wird..." :o)
3. Respekt
dubtown 19.04.2009
Respekt, Herr Heckendorn. Nicht nur optisch ein Leckerbissen geworden.
4. Zum Glück gibt's so Leute
Javanse, 19.04.2009
"aber wer kauft denn so was ?" Es soll sogar Leute geben die sich 80 jahre alte Autos kaufen, jahrhunderte alte Bilder und Möbel oder alte TV-Serien auf DVD. Total unverständlich, vorallem bei sowas technischem wie Autos, kein ABS, GPS oder Airbag ;) Find ich immer wieder schön wenn sich Fans um sowas kümmern oder selbst was dazu auf die Beine stellen. Habe meinen alten A500 + Disketten vor meinen Eltern in sicherheit gebracht letztes. Sie oder meine Schwester kommen ansonsten bei einer Aufräumaktion auf die grausame Idee und schmeissen ihn noch weg.
5. Commodore hatte einen echten C64 Laptop
anders_denker 19.04.2009
entwickelt - ging dann nicht in Serie, um die anderen Modelle (C128, kommender Amiga) nicht zu gefährden. In der Konkursmasse von Commodore wurden mehrere der Erlkönige ebenso versteigert, wie der enenso nie in Serie gebaute C65!
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