Computerspiel-Kunst Künstler lässt "Sims" Modell stehen

Der Maler Oliver Raszewski ließ sich zu seinen jüngst im Berliner Kunstsalon gezeigten Landschaftsbildern nicht durch Spaziergänge in der Natur inspirieren, sondern ging in Games wie "Die Sims", "Tron 2.0" und "Deerhunter" auf Motivsuche. Im Interview verrät er, warum.


GEE: Die Bilder aus deiner Serie "Screens" sehen auf den ersten Blick aus wie gewöhnliche Screenshots aus Computerspielen. In Wirklichkeit handelt es sich aber um großformatige Gemälde. Kannst du uns deine Arbeisweise erläutern?

Oliver Raszewski: Ich selbst bin kein Gamer, schaue aber gerne Freunden, die dafür eine Begabung haben, über die Schulter. Wenn ich dabei etwas sehe, was ich interessant finde, lasse ich davon einen Screenshot anfertigen. Der wird dann auf ein Vielfaches seiner Größe aufgeblasen, indem ich ihn mit Tinte oder Ölfarbe auf die Leinwand übertrage.

GEE: Und was ist daran aus Sicht eines Künstlers interessant?

Raszewski: Zum einen kommen durch die Vergrößerung charakteristische Details der Vorlagen zum Vorschein, die man am Bildschirm nicht sieht. Grobe Pixelmuster zum Beispiel. Andererseits gibt es malerische Zufälle wie das ungewollte Ineinanderlaufen der Farben. Dieses Zusammenspiel finde ich sehr spannend.

GEE: Wie bist du auf die Idee gekommen, diese Momentaufnahmen auf die große Leinwand zu bannen?

Raszewski: Für mich waren immer eine zeitgemäße Ästhetik und die gesellschaftliche Relevanz meiner Arbeiten wichtig. Ich lerne oft Leute kennen, für die Games ein Teil des Lebens sind, der ihre Gefühle sehr stark beeinflusst. Außerdem möchte ich der gerade an allen Ecken gefeierten gegenständlichen Malerei etwas entgegensetzen, das mehr mit unserer Realität zu tun hat. Unser Alltag ist nun einmal sehr stark geprägt von digitalen Medien und virtuellen Welten. Vieles, was derzeit auf dem deutschen Kunstmarkt hoch gehandelt wird, ist in meinen Augen jedoch nur sentimentaler, nostalgischer Schrott, der aussieht, als stamme er aus den fünfziger Jahren.

GEE: Was fasziniert dich persönlich an Games?

Raszewski: Mich interessieren vor allem die Wertesysteme, die in ihnen vermittelt werden. In Computerspielen wird eine Vereinfachung des Lebens dargestellt, die den globalen, undurchschaubaren Realitäten einen begrenzten und leicht nachvollziehbaren Rahmen entgegenstellt. Das wiederum beeinflusst unsere Wahrnehmung der Realität.

GEE: Welche Reaktionen rufen deine Werke bei den Ausstellungsbesuchern hervor?

Raszewski: Die Arbeiten polarisieren sehr stark. Die meisten Betrachter sind fasziniert, manche aber auch abgeschreckt. Es gibt Reaktionen wie "eigentlich komisch, dass ich so etwas zum ersten Mal in einer modernen Kunstausstellung sehe". Andere Leute kennen solche Bildwelten noch überhaupt nicht. Und dann gibt es natürlich auch die Gamer, die Szenarien wiedererkennen oder rätseln, von welchen Spielen die Bilder inspiriert sind. Die größten Fans sind aber Kinder und Jugend- liche, die sich die Nasen an den Bildern oder Leuchtkästen platt drücken.



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