Computerspiel-Sitcom Zum Lachen statt zum Schießen

Schwerter zu Pflugscharen war gestern. Heute müsste es Shooter zu Sitcoms heißen. Talentierte Faulpelze nutzen actionlastige Computerspiele, um feinsinnig humorige TV-Serien zu drehen - mit großem Erfolg. Für einige ist das schräge Hobby sogar zum Beruf geworden.

Von


Zwei Spartaner, in der Welt des Shooters "Halo" absolut tödliche Supersoldaten und die letzte Hoffnung der Menschheit, stehen in ihren futuristischen Rüstungen auf einem Bunker. Sie spähen in den staubigen Canyon vor ihnen. Nichts passiert. Kein Schuss fällt, kein Kampf bricht los. Nichts.

Irgendwann fragt einer der beiden: "Was machen wir hier eigentlich? Ich meine, das hier ist bloß eine Schlucht mitten im Nirgendwo." Der andere brummt zustimmend. Der Erste fährt fort: "Der einzige Grund, warum wir hier unsere rote Basis haben, ist doch, dass die da drüben eine blaue Basis haben." "Ja, weil wir gegeneinander kämpfen." "Nein, nein … ich meine: Selbst wenn wir uns zurückzögen und die hier rüberkommen und unser Lager einnehmen würden – dann hätten sie eben zwei Lager mitten in einer leeren Schlucht. Was zum Henker sollten sie damit anfangen?"

Schon die Eröffnungsszene der Machinimaserie "Red Vs. Blue", kurz "RVB", offenbart das Dilemma der hier stationierten Computerspielsoldaten in all seiner hintergründigen Komik. "Blood Gulch", so der Name des Canyons, ist für "Halo"-Spieler einfach eine Multiplayer-Map von vielen. Für die Spartaner ist es der Arsch der Welt. Hier herumzurennen und um sich zu ballern – wie es sich für einen Shooter gehört – ist ihnen einfach zu blöd. Und zu anstrengend.

Stattdessen vertreiben sie sich die Zeit, indem sie mit ihrem Geländewagen umhercruisen und deutsche Volksmusik hören. Indem sie stundenlang "Ich sehe was, was du nicht siehst" spielen – mit den nur zwei möglichen Antworten "Fels" und "Dreck". Oder indem sie Neuankömmlingen weismachen, die gegnerische Basis sei ein Supermarkt, und sie losschicken, um "Scheinwerferflüssigkeit für den Jeep" zu kaufen. Selbst der Kommandant des roten Teams bastelt lieber aus Abfall Roboter, als Angriffspläne zu schmieden. Während der Anführer der Blauen damit beschäftigt ist, immer wieder als Geist zurückzukehren und einen neuen Körper zu suchen, nur um noch einmal von dem unfähigsten seiner Soldaten versehentlich erschossen zu werden.

Ein wenig erinnert der Humor von "Red Vs. Blue" an den Film "M.A.S.H", Robert Altmans legendäre Kriegssatire. Denn er spielt bewusst mit der Lächerlichkeit des virtuellen Krieges: Stell dir vor, es ist Deathmatch, und keiner geht hin.

Bier und Spiele

Kein Wunder, dass die Erklärung der Macher, die jüngst erschienene hundertste Folge der Serie werde die letzte sein, Computerspielfilm-Fans rund um den Globs erschütterte. Denn längst ist aus "RVB" das beliebteste aller Machinima-Formate geworden. Und die Abenteuer der lustlosen Spartaner haben Fans auf der ganzen Welt dazu inspiriert, selbst Machinimas zu produzieren.

Als Michael "Burnie" Burns und seine Kumpel Geoff Ramsey und Gus Sorola 2002 die Idee zu "RVB" kam, ahnten sie allerdings nicht im Entferntesten, dass sie einmal so großen Einfluss auf die Machinima-Szene haben würden. Vor allem deshalb, weil sie keine Ahnung hatten, was überhaupt "Machinima" war. Sie interessierten sich im Wesentlichen für zwei Dinge: Computerspiele und Alkohol. Um diese Leidenschaften mit der Welt zu teilen (und kostenlos Testexemplare von Spielen zu bekommen), hatten sie die Website "Drunkgamers.com" gegründet. Hier veröffentlichten sie, so Ramsey, "entsetzlich schlechte Computerspieltests, die wir im Vollsuff geschrieben hatten", und gelegentlich Mitschnitte von Multiplayer-Partien ihres Lieblingsspiels "Halo". Wobei durch den Alkohol die spielerischen Leistungen eher mäßig ausfielen, aber während des Spielens zwischen ihnen pausenlos hirnrissige Dialoge improvisiert wurden.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.