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Demoszene: Die verblüffende Kunst der Bit-Minimalisten

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Sie schaffen die kleinsten Kunstwerke der Welt - zumindest, was den Speicherplatz angeht. Die Computerkünstler der Demoszene schöpfen aus wenigen Bytes Atemberaubendes. An diesem Wochenende wurden die Besten der Szene in Bingen gekürt.

Es ist Ostern, es ist wieder Breakpoint: die größte Party der Demoszene. Das sind jene Computerkünstler, die mit viel Wissen und wenigen Bytes kleine Videoclips programmieren, um sie dann auf Partys wie der Breakpoint den anderen "Scenern" vorzustellen. In 64 Kilobyte große Dateien packen die Helden der Szene Filme, die wie Profi-Musikvideos aussehen. Wie das wirklich funktioniert, verstehen vermutlich nur andere Scener.

Die Clips sind Zwitterwesen aus Kunst und Technik. Meisterhaft programmiert, mitreißend inszeniert. Hardwarehersteller wie Intel oder nVidia reißen sich um die Computergenies. Denn sie vermögen kaltem Silizium Leben einzuhauchen. Intel veranstaltet deswegen eine eigenen Demowettbewerb, die Intel Democompetition, und heuer versucht sich auch nVidia am Technikspektakel. Auf der Nvision 08 sollen Computerkünstler zeigen, was sie aus nVidia-Chips herausholen können. Viel Bohei um wenig Bits.

Die Binger kennen das schon: Aus aller Welt kommen die zunächst noch recht munteren jungen Menschen ins kleine Idyll am Rhein. Die Osteuropäer, Skandinavier, Spanier, Russen, Amerikaner, Deutschen buchen alle Hotelzimmer, fluten die Bars und kaufen die Bäckereien leer. Dazwischen hocken sie mal verzaubert vor ihren mitgebrachten Rechnern, um noch ein wenig am Code ihrer Demo-Programme zu schleifen, mal euphorisch vor der großen Full-HD-Leinwand, um die Erzeugnisse ihrer Konkurrenten und Freunde zu bestaunen. Tagsüber amüsieren sie sich mit Spaßwettbewerben rund ums Partymotto: "Digital Garden": Blumen programmieren, Blumen umtopfen. Dazwischen locken Seminare: Ein Anwalt klärt die Demoszene über ihre Rechte auf, die Abgesandten von Intel und nVidia geben Programmier- und Hardwaretricks preis - und lassen sich wiederum von den Partygästen in ihre Geheimnisse einweihen.

Mit den Nächten aber dann schwindet die Lebenskraft. Veranstalter Simon Kissel: "Am Sonntag wanken übermüdete Computerzombies durch die Straßen, auf der Suche nach etwas Aspirin und Ruhe." Am Samstagabend wurden die Scene.org-Awards verliehen – quasi der Oscar der hiesigen Demoszene. Die besten, kleinsten, überraschendsten Produktionen des vergangenen Jahres wurden gekürt, deren Schöpfer mit Geldpreisen und Computerhardware überschüttet. Die Sponsoren zeigen sich großzügig.

2007/2008 war eine tolle Saison für die Demoszene. Erst die erfolgreiche Intel Demo Competition mit hervorragenden Teilnehmer-Demos, dann - ganz abseits vom Party-Wirbel - das atemberaubende "Debris" der Demogruppe Farbrausch. 177 Kilobyte programmiertechnischer Wahnsinn: S-Bahn-Trassen, die sich wie wilde Würmer durch Straßenzüge fressen, Stahlschlangen, die sich an Hochhäusern winden. Am Ende der Show dann die ganz große Zerstörung. Weißes Rauschen, die Zuschauer baff. Die beste Regie des Jahres 2008, findet das Scene.org-Gremium. Ganz überraschend ist das nicht: Alle Jahre wieder überrascht die Hamburger Gruppe Farbrausch die Demoszene mit einem Knüller. Vor vier Jahren war das der gerade einmal 96 Kilobyte große 3D-Shooter .kkrieger.

Denn Größe spielt in der Demoszene eine Rolle. Demos dürfen auf der Breakpoint zwar bis zu 64 Megabyte groß sein – interessant wird es aber in den Wettbewerbs-Kategorien 64k (ilobyte), 4k oder gar 256 Byte. Besonders herausstechend im vergangenen Jahr: mupe von der Gruppe PlayPsyCo. Trotz aufwendiger 3D-Bauten, -Effekte und einem atmosphärischen Electro-Soundtrack berechnet eine nur 64 Kilobyte große Datei den 3,43-Minuten-Clip. Möglich macht das viel Trickserei: Formeln statt vorberechneter Texturen, ein selbstprogrammierter Synthesizer und Kompressionstechniken aus einer anderen Welt.

Aber es geht noch kleiner: Mit denselben Tricks zeichnen die Gruppe Calodox und Solenoid in ihrer Zusammenarbeit Polystreptikum eine abstrakte Welt in 4 Kilobyte. Ein leeres Word-Dokument ist doppelt so groß. Wer es noch kleiner haben will, sollte einen Blick auf die nur 256 Byte kleinen Programmierwunder von Entwickler 3SC werfen.

Die Scene.org-Awards prämieren die besten Arbeiten des vergangenen Jahres. Doch wie jedes Jahr wird wohl auch heuer in Bingen am Rhein aufgezeigt, wie Demos in Zukunft aussehen. Noch halten die Demogruppen dicht. Nur nach und nach, im Rahmen von weiteren Wettbewerben auf der Breakpoint stellen sie ihre Werke vor. Aber die Gerüchteküche brodelt schon. Besonders der große Demo-Wettbewerb am Abend des Ostersonntags wirft seine Schatten voraus. Wird das bereits angekündigte Shad 3 von Cocoon seinen Vorschusslorbeeren gerecht? Werden die Gruppen Andromeda Software Development, Traction & Brainstorm, STILL und die UK Allstars wieder einen großen Demoschritt nach vorne machen?

Selbst die Bewohner von Bingen am Rhein werden in den Trubel mit einbezogen. Letztes Jahr führte Mitveranstalter Tobias Heim eine Gruppe neugieriger Binger durch die kuriose Halle. Ein paar Monate später traf er einen von ihnen wieder – als frischgebackenen Demoscener auf der Evoke-Demoparty in Köln.

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