Der iPod fürs Wohnzimmer: Apple TV von Bastlern verbessert

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Bastler beseitigen im Alleingang die größten Mängel der Multimediabox Apple TV: Mit etwas Geduld kann man beliebige Videos damit abspielen - ohne Zwangsbindung an iTunes. Noch ignoriert Apple die Hacks. Doch bald dürfen sie laientauglich werden.

Mark Kruger hält ein aufgeschlitztes Apple TV vor die Kamera: Der Boden fehlt, ein Kabel hängt heraus. Es sieht aus, als würde der Hardware-Hacker aus San Francisco Apples Fernseh-Box sezieren. Aber Kruger verbessert sie nur. Hacker wie er liefern sich derzeit einen Wettlauf, Apple TV all die Funktionen zu spendieren, die der Hersteller blockiert. Denn rein technisch kann Apple TV viel mehr als die Software zulässt.

Das treibt die Hacker an: "Apple schränkt mit der ersten Softwareversion die Möglichkeiten des Geräts ein", erklärt Kruger, der jeden Apple-TV-Hack bislang getestet und dokumentiert hat. Konkret stören ihn diese Lücken: Gängige Video-Formate wie DivX und Xvid unterstützt Apples Gerät ebenso wenig wie den HD-Standard 1080p. Kruger zu SPIEGEL ONLINE: "Jede dieser Einschränkungen kann durch einen Hack aufgehoben werden, der entweder schon fertig ist oder bald fertig sein wird."

1000 Dollar für den USB-Hack

Es gibt nur ein Problem: Bislang ist keiner dieser Tricks laientauglich – man muss das Gerät öffnen und sich dann noch mit UNIX-Befehlzeilen herumschlagen, um das Gerät von seinen Software-Schranken zu befreien. Doch die Chancen stehen gut, dass in den kommenden Wochen wesentlich einfachere Hacks öffentlich gemacht werden. Inzwischen ist auf der Seite Apple TV Hacks ein Preisgeld von 1000 Dollar für den ersten Hack ausgeschrieben worden, der es möglich macht, eine externe Festplatte per USB als Datenspeicher zu benutzen. Tom Anthony, britischer Programmierer und Betreiber von Apple TV Hacks: "Es wird bald einen Download geben, den man auf einen USB-Stick ziehen kann. Man steckt den Stick ins Apple TV und installiert per Knopfdruck neue Software."

Soweit der Wunsch der Hacker. Ob der Wirklichkeit wird, hängt auch von Apple ab. Noch ist der Hersteller weder technisch noch juristisch gegen die Hacker vorgegangen, will aber auch nicht eindeutig von einer Tolerierung reden. Pressesprecher Georg Albrecht zu SPIEGEL ONLINE: "Apple gibt zu den Apple TV Hacks keine Stellungnahme ab. Wir beobachten das." Und die Hacker verwenden viel Sorgfalt darauf, dass ihr Vorgehen legal bleibt. Hinweise dazu stehen prominent in Foren: Beim Austricksen der Technik dürfen auf keinen Fall die Lizenzvereinbarung oder das Urheberrecht verletzt werden.

Die Garantie hingegen, geht mit dem Öffnen der TV-Box auf jeden Fall flöten - garantiert.

Viel ist schon erreicht

Und auf diesem legalen Weg sind die Bastler schon sehr weit gekommen. Es ist jetzt schon möglich, wenn auch arg kompliziert, die Software des Apple TV zu verändern, ohne dass man das Gehäuse aufhebeln muss. Nick Ippolito, ein 18-jähriger Hacker aus der Nähe von Washington, der anderen Bastlern den Zugang zum Gerät geebnet hat, erklärt: "Jetzt sind die schwersten Hürden genommen." Und tatsächlich gibt es bereits heute für fast jede Schwäche des Apple TV eine frei verfügbare Lösung. Mit dem Programm ATVFiles und etwas Softwarezubehör kann man dem Apple TV das Abspielen populärer Videoformate wie Divx oder AVI beibringen. Außerdem läuft auf modifizierten Apple TVs auch die Beta-Software des Internet-Fernsehanbieters Joost. Darüber kann man sich mit kostenlosen TV-Streams versorgen - ganz ohne Umweg über den iTunes Store.

Ein Apple TV ohne iTunes?

Und das könnte Apple wirklich ärgern, viel mehr als die erfolgreichen Versuche, Firefox auf dem Apple TV zu installieren und so die Set-Top-Box in einen Wohnzimmer-Computer zum Websurfen zu verwandeln. Mit den mickrigen 256 Megabyte Arbeitsspeicher ist das Gerät als Computer kaum ernstzunehmen. Als Abspielstation für bei iTunes gekaufte Serien und Filme allerdings schon, die hingegen, gibt es in Deutschland bisher nicht zu kaufen.

Bald wird Apple entscheiden müssen, was schwerer wiegt: Der PR-Schaden einer Konfrontation mit den Bastlern oder die Gefahr, dass Besitzer eines Apple TV den iTunes Store bald völlig ignorieren könnten. Schließlich hat Apple schon beim iPod von der geschickten Kombination aus Hard- und Software profitiert: 100 Millionen verkaufte iPods haben zum Erfolg des iTunes Store beigetragen - 2,5 Milliarden Lieder, 50 Millionen TV-Serienepisoden und 1,3 Millionen Filme wurden bisher verkauft. Ein Erfolgsrezept, das auch beim Apple TV aufgehen sollte.

Vorbild iPod

Allerdings hat auch der iPod schon sein Coming out bei den Hackern gehabt. Ungezählt sind die teils erfolgreichen Versuche, auf dem Player ein Linux-Betriebssystem zu installieren. Genau wie bei Apple TV treibt die iPod-Bastler der Wunsch an, dem Gerät Funktion einzupflanzen, die es von Haus aus nicht beherrscht. So gibt es unter anderem einer Version des Ballerspiels "Doom," die, im Zeitlupentempo, auf Linux-iPods läuft. Und auch einen iPod-Virus, ebenfalls nur unter Linux lauffähig, wurde vor kurzem gemeldet.

Aber, die Entwickler haben auch durchaus Brauchbares zustande gebracht. Dazu zählt vor allem das alternative iPod-Betriebssystem Rockbox, dass dem Apple-Player diverse neue Funktionen hinzufügt. Bisher hat Apple um sich diese Selbstbau-Modifikationen nicht weiter gekümmert und die Bastler basteln lassen.

Hacker glauben nicht an einen Eklat

Die Apple TV-Hacker geben sich optimistisch, dass es ihnen genauso ergehen wird. Tom Anthony merkt an, dass die Apple TV-Systemsoftware auf Erweiterungen angelegt sei: "Es sieht so aus, als hätte Apple selbst geplant, die Funktionen mit der Zeit zu erweitern." Dass Bastler diesen Schritt vorwegnehmen, würde der Firma doch nicht schaden: "Um ein Apple TV zu hacken, muss man schließlich eines gekauft haben." Oder zwei.

Auch Kruger denkt darüber nach, sich noch ein Apple TV zu kaufen: "Ich müsste aufhören, daran herumzubasteln, um damit endlich mehr Filme sehen zu können. Aber vielleicht sollte ich mir einfach ein zweites Gerät kaufen, dann kann eines in der Werkstatt bleiben und das neue kommt auf den Fernseher."

Mitarbeit: Matthias Kremp

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