Drohne für jedermann Mal sehen, was der Nachbar treibt

Seit brauchbare Drohnen kommerziell verkauft werden, ist Überwachung aus der Luft nicht länger ein Privileg für Militär und Polizei. Hacker auf dem Chaos Communication Congress diskutieren bereits völlig neue Einsatzfelder.

Von


Polizeidrohne gegen Demonstrantendrohne - so stellt sich ein Teilnehmer am Chaos Communication Congress Protestaktionen in ein paar Jahren vor. Seine Vorstellung ist alles andere als absurd, denn kleine fliegende Überwachungskameras dürften in den nächsten Jahren erschwinglich werden, sodass selbst kleinere Bürgerinitiativen sich damit ausrüsten könnten.

Seit Juni verkauft die Kreuztaler Firma Microdrones mit der MD4-200 eine Drohne, die im Prinzip all das kann, was bislang nur gut zahlender Kundschaft aus dem Militär vorbehalten war: Der Hubschrauber mit vier Propellern, ein sogenannter Quadrokopter, steht ruhig in der Luft und hält eine vorgegebene GPS-Position, auch wenn der Wind von der Seite drückt. Möglich machen dies eine Vielzahl von Hightechsensoren, die vom Bordcomputer mit hoher Frequenz permanent abgefragt werden, um Abweichungen vollautomatisch ausgleichen zu können. Bis zu 200 Gramm Nutzlast, etwa eine moderne Digitalkamera, kann die Drohne in die Luft heben. Der Akku reicht für einen 20-minütigen Flug.

Als Andreas Steinhauser vom Chaos Computer Club (CCC) die Vierrotormaschine am Dienstagabend im überfüllten Saal 1 des Berliner Congress Center vorführt, sind die Hacker begeistert. In zwei Meter Höhe nimmt die Drohnen-Kamera die versammelten Geeks und Nerds ins Visier; ein Beamer wirft den Live-Videostream an die große Leinwand im Saal. Dann lenkt Steinhauser das Gerät quer über die Bühne Richtung Ausgang - anschließend demonstriert er die beeindruckende Steigfähigkeit.

"Wenn das Wetter besser wird, guck ich damit mal in die Kugel vom Fernsehturm", kündigt er an. Dann ist gutes Navigieren gefragt, dann diese befindet sich mehr als 200 Meter über dem Berliner Alexanderplatz. Technisch dürfte das aber kein Problem sein: Die Funksteuerung soll etwa einen Kilometer weit reichen.

Bislang noch ein teurer Spaß

Eine Drohne zum Spielen - davon träumt wohl so mancher der Anwesenden schon länger. Mit der in Kreuztal entwickelten MD4-200 kann er Wirklichkeit werden - sofern man bereit ist, den Preis von 10.000 Euro zu bezahlen. CCC-Aktivist Steinhauser brauchte dies nicht. Die Firma Microdrones überließ ihm die Drohne gratis.

"Die Flugeigenschaften sind sehr gut", sagt Steinhauser. Die Drohne sei leicht zu fliegen, entweder allein per Joystick, oder aber zusätzlich mit einem sogenannten Head mounted Display, einem Helm, der die Live-Bilder des Kamerahubschraubers direkt vor den Augen anzeigt. Der Hubschrauber sei leise, die Qualität der Videoaufnahmen hervorragend.

Dass sich Hacker intensiv mit modernster Überwachungstechnik beschäftigen, mag im ersten Moment erstaunen. Für Steinhauser ist das vollkommen logisch: "Watching them watching us" - (Beobachten, wie sie uns beobachten) - das stehe in alter Hackertradition, erklärt er. Vor allem wollen die CCC-Aktivisten aber lernen, wie sich eine solch leistungsfähige Drohne für deutlich weniger Geld selbst bauen lässt. "Die Community hat so etwas in einem Jahr für 1000 Euro gebaut", verkündet Steinhauser und der Saal klatscht begeistert Beifall. Es gebe zwar bereits einen deutlich kleineren Quadrokopter zum Selbstbau für unter 100 Euro, diesem fehle jedoch die notwendige Steuerungselektronik.

Was macht eigentlich Dieter Bohlen?

Ein Werbefilm des Drohnenherstellers zeigt, was der Kreuztaler Quadrokopter alles drauf hat: den Straßenverkehr aus der Luft beobachten, hochaufgelöste Luftbilder schießen, im Nachbarhaus mal in die Fenster schauen. Angeblich haben bislang vor allem Luftbildanbieter die Drohne geordert, um sich teure Flüge mit Propellermaschinen oder Hubschraubern zu ersparen. Auch Polizei und Technisches Hilfswerk gelten als potentielle Käufer. Und natürlich Journalisten. "Ich sehe vor meinem geistigen Auge die Villa von Dieter Bohlen, um die 20 Paparazzi-Drohnen kreisen", meint Steinhauser.

Ein durchaus realistisches Szenario. Promis, die sich bislang hinter hohen Mauern sicher vor den Teleskop-Objektiven wähnten, müssen womöglich schon bald über eine eigene Luftverteidigung nachdenken. "Eine Schrotflinte ist sicher am effektivsten", glaubt Steinhauser. Eine spezielle Genehmigung für den Betrieb der Drohne sei nicht erforderlich, erklärt er: "Geräte unter fünf Kilogramm sind anmeldungsfrei."

Dass für jedermann verfügbare Hightech-Drohnen auch häufig eingesetzt werden, darüber sind sich die im Saal Versammelten weitgehend einig. Bei Demonstrationen könnten sie der Polizei auf die Finger schauen, meint einer der Anwesenden. Bürgerinitiativen, aber auch Umweltschützer wie Greenpeace könnten sich damit ausstatten. Allerdings ist auch denkbar, dass der Staat den Einsatz von Drohnen streng regulieren könnte. Schließlich geht es um so etwas wie die Lufthoheit. Und die werden Polizisten, aber auch Grundstückseigentümer wohl für sich reklamieren.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.