Erstes Online-Rollenspiel Der Opa von "World of Warcraft" wird 30

Zwei Studenten, ein Großrechner und viel Freizeit: Roy Trubshaw und Richard Bartle programmierten 1978 MUD, das erste Online-Rollenspiel. Nachts loggten sich US-Studenten ein - und spielten mit. Es war die Geburtsstunde einer Milliardenbranche.


Wenn Computerspieler heute die glorreichen Abenteuer ihrer Figuren dokumentieren, schneiden sie Videos mit. Vor 30 Jahren sahen Spiel-Mitschnitte anders aus: grün-weiß-gestreiftes Endlos-Papier, auf das ein Nadeldrucker blasse Textzeilen gehämmert hat. Zeilen wie diese: "Du stehst in einer merkwürdig geformten Halle. Im Süden ist eine Tür. Im Osten ist ein Torbogen, in dem im Dunkeln Treppenstufen nach oben in Richtung Südwesten führen."

So beschrieb MUD, das wohl erste Online-Rollenspiel, seinen Spielern eine Fantasy-Welt mit Wäldern, Geheimgängen, Monstern und Magiern. Im Oktober 1978 begann an der University of Essex der Student Roy Trubshaw, das textbasierte Spiel zu programmieren - und legte, ohne es zu wissen, den Grundstein für eine ganze Industrie.

Eine Welt für viele Spieler

Rollenspiele: Neue Texte per RSS-Feed



Rollenspiele - die wahre virtuelle Realität

Klicken Sie auf das Symbol, dann bietet Ihnen Ihr Browser in der Regel an, den RSS-Feed zu bestellen. Probleme? zur Hilfe...

Oder wollen Sie lieber per E-Mail informiert werden? Kostenlose Dienste mailen Sie bei jeder neuen Kolumne an - wie das geht, erfahren Sie hier...

RSS-Feed dieser Kolumne: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/k-7543.rss

Es war ein Spiel, das sich grundlegend von den wenigen Text-Adventuren wie "Adventure" und "Zork" unterschied, die etwa um die gleiche Zeit auf Großrechnern an US-Universitäten auftauchten: In der Spielwelt von MUD konnten sich mehrere Spieler zugleich von verschieden Rechnern aus bewegen und miteinander statt nur mit der Software spielen – ein "Multi User Dungeon" (MUD) eben, die erste Form des Spielprinzips heutiger Bestseller-Spiele wie "World of Warcraft".

Trubshaw hat MUD dann mit seinem Mitstudenten Richard Bartle verfeinert und fertig geschrieben. Wann die allererste Version des Spiels fertig war, wissen Bartle und Trubshaw nicht mehr so genau. Sie haben sich auf den 20. Oktober 1978 geeinigt - "das ist unsere beste Schätzung", so Bartle in seinem Blog.

Bartle, heute Professor für Computerspiel-Design an der University of Essex, hat schon sehr früh erkannt, dass Online-Spiele Menschen fesseln, sich als neues Genre etablieren werden. 1984 schrieb er in einem Artikel für das Computerspiel-Magazin "Micro Adventurer": "In den kommenden Jahren werden Mehr-Spieler-Games wie MUD einen dominierenden Anteil bei den Adventure-Spielen haben."

Es hat dann ein paar Jahre länger gedauert, als Bartle damals schätze. Aber seit 1997 das Online-Rollespiel "Ultima Online" erschien, bei dem Tausende von Spielern ein Welt bevölkern, wurde das Gerne "Massively Multiplayer Online Role Playing Games" (MMORPG) - Online-Rollenspiele, bei denen ein Haufen Leute mitspielt - zu einer festen Größe im Spielgeschäft.

Nachts durften auch Amis mitspielen

Und ähnlich wie heute "World of Warcraft" brachte das textbasierte MUD Spieler zusammen, die ein paar hundert Kilometer voneinander entfernt waren. Das Online-Adventure aus Großbritannien spielten Anfang der 80er Jahre nicht nur Studenten der University of Essex, sondern auch Studenten an US-Universitäten. MUD lief an der Uni Essex auf einem DEC PDP-10 Großrechner.

Nachts durften auch "Externe" mitspielen, wie Bartle in "Micro Adventurer" schrieb: "Tagsüber bedient der Rechner den gesamten Campus, nur nachts hat er genug freie Kapazität, welche die Universität großzügig externen MUD-Spieler draußen zur Verfügung stellt." Im Frühjahr 1980 wurde die Universität über ein neues Netzwerk der britischen Post, das sogenannte "Experimental packet-switching system" (EPSS) mit Großrechnern an anderen Universitäten in Großbritannien und den Vereinigten Staaten vernetzt.

US-Studenten loggten sich ein, spielten mit, und im Dezember 1980 erwähnte das US-Computermagazin "Byte" MUD sogar in einem Artikel über Adventure-Spiele.

Inspiration: Tolkien und Dungeons & Dragons

Bartle, der Trubshaws erste Version des Spiels zu einer Fantasy-Welt ausgebaut hatte, war wie viele der frühen Spiel-Entwickler ( Richard Garriot zum Beispiel) von J.R.R. Tolkiens Fantasy-Werken und dem mit Würfeln, Papier und viel Fantasie gespielten Rollenspielsystem " Dungeons & Dragons" inspiriert. Roy Trubshaw begeisterte sich eher für die Herausforderung, die eine Mehr-Spieler-Software für Programmierer darstellt. Trubshaw hat, so erzählt er SPIEGEL ONLINE, seine letzte D&D-Partie vor knapp 30 Jahren gespielt: "Das war an der Uni, Ende 1979, Anfang 1980 mit Richard als Spielleiter."

Auf Großrechnern an der Uni Essex lief MUD bis 1987, Bartle und Trubshaw hatten Lizenzen der Software auch an die Onlinedienste Compuserve in den Vereinigten Staaten und Compunet in Großbritannien verkauft, Mitte der achtziger Jahre bot auch die British Telecom den Kunden ihres eigenen Onlinedienstes eine MUD-Version zum Spielen an.

Heute kann man kostenlos über das Internet in per Telnet- oder Java-Client erreichbare MUDs spielen. Eine kleine Übersicht englischsprachiger Angebote hat Richard Bartle zusammengestellt, eine Übersicht deutschsprachiger Muds findet man zum Beispiel im Mudder-Wiki.

Eine Kiste voller Computerspielgeschichte

Bartle beschäftigt sich heute noch immer mit Online-Spielen - meistens als Wissenschaftler, häufiger als Designer und manchmal auch als Spieler. "World of Warcraft" spielt Bartle seit drei Jahren, genießt es aber, wie er sagt, eher "aus der Designer-Perspektive". Anders als seine jüngere Tochter, die fast jeden Tag als Hexenmeister in WoW unterwegs ist. Mit seinen beiden Töchtern spielt Bartle manchmal auch "Dungeons & Dragons", beziehungsweise den aktuellsten Nachfolger des papierbasierten Ur-Rollenspiels.

Wenn Bartle einfach nur aus Spaß am Computer spielt, dann derzeit meistens "Gangsters", ein vor zehn Jahren erschienenes Strategiespiel. Bartle: "Es macht Spaß, es läuft auf meinen Laptop, es braucht nur ein paar Stunden Zeit und hat viele interessante Elemente."

Sein Studienfreund und MUD-Erfinder Trubshaw programmiert als freier IT-Berater noch immer viel lieber als zu spielen. "Doom" und "Hocus Pocus" hat er als letzte Titel durchgespielt - vor ein paar Jahren, weil seine Kinder "das damals ständig gespielt haben."

Auf Dachboden liegen in einer großen MUD-Kiste die alten Ausdrucke der Codezeilen und Protokolle einiger MUD-Spiele. Blasse Druckzeilen auf grün-weiß-gestreiftem Endlos-Papier - Computerspielgeschichte.

AP
Thomas Hillenbrand und Konrad Lischka berichten in der Reihe "Rollenspiel - die wahre virtuelle Realität" in loser Folge über die Geschichte der Rollenspiele - was interessiert Sie besonders? Die Entstehung des "Schwarzen Auges"? Die Karriere von Steve Jackson? Oder die Geschichte des Play-By-Mail-Phänomens? Wir freuen uns über Ihre Anregungen per E-Mail.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.