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Finanzkrise im E-Sport: Aus die Maus

Von Mathias Hamann

Gehaltskürzungen, magere Preisgelder, weniger Turniere - die Wirtschaftskrise zwingt die Sponsoren im E-Sport zum Sparen. Die Folge: Für manchen Spieler ist die gerade noch viel versprechende Karriere bereits vorbei. Nur ein Koreaner verdient sogar mehr als vorher - 16.000 US-Dollar im Monat.

Bei der Cebit 2008 buhlten noch zwei selbsternannte Europameisterschaften der Computerspieler zeitgleich um Zuschauer und professionelle Daddler, die sogenannten E-Sportler. Ein Jahr später herrscht Wirtschaftskrise, daher fehlt nicht nur Samsung auf der Cebit 2009, sondern auch die Samsung Euro Championship.

Dahinter stehen die World Cyber Games (WCG) als Organisator, die koreanische Firma reagiert derzeit nicht auf Nachfragen. Die E-Sport-Experten der Szeneseite fragster.de berichten nun, dass die WCG das Turnier lediglich verschiebe, ein Ausweichtermin werde noch genannt.

Noch im November lockte die WCG Weltmeisterschaft Hunderte Zasterzocker und Tausende Zuschauer zum Finale in die Kölner Messehallen, als größte der fünf selbst ernannten WMs, die innerhalb von fünf Wochen stattfanden - die Verhältnisse im E-Sport erinnern hier an den Wirrwarr im Boxsport. Wie steht es nun um das diesjährige Finale in China? Samsung-Sprecherin Katja Meincke erklärt, das finde statt, ihr Unternehmen sponsere auf jeden Fall. Das ist auch dringend nötig, denn der WCG ging gerade ein weiterer Sponsor flöten: Prozessorhersteller AMD.

Nach dramatischen Umsatzeinbrüchen kündigt AMD-Sprecherin Friederike Gonzalez an: Aufgrund der wirtschaftlichen Situation enden in diesem Jahr alle größeren E-Sport-Sponserings. Darunter fallen die World Cyber Games ebenso wie der Vertrag mit dem deutschen Clan SK Gaming, Heimat der bekannten Zwillinge Daniel und Dennis Schellhase, Seriensieger diverser Cyber-Fußballturniere. "Wir wussten lange davon und suchen nach neuen Partnern," sagt SK-Manager Alexander Müller, ab März will er neue präsentieren.

Gehaltskürzungen bei Profispielern

AMDs Sparkeule traf bereits den Clan mTw, deren bezahlte Ballerbuben halten den Weltmeistertitel bei Counter-Strike in der Version der World Cyber Games. Früher trugen die Hamburger noch den Namen der Prozessorenschmiede im Titel. Mittlerweile ist nicht nur der Name geschrumpft. Die Norddeutschen haben ihren Mannschaften eine Gehaltsdiät verordnet. "Wir nähern uns wieder den alten Zeiten, da waren 500 bis 600 Euro im Monat für einen guten Warcraft 3 Spieler normal", erklärt mTw-Sprecher Conrad Sebastian Conrad. "Vor kurzem lagen wir bei 1000 bis 2000 Euro, dazu kamen dann Reisespesen für Flüge nach China oder Dubai." Nun, in der Misere sinken die Saläre.

Als Schuldigen für die Lohnexplosion in der Vergangenheit sehen viele den dänische Clan Meet Your Makers. MYM hat Finanzinvestoren im Rücken und lockte mit vier- bis fünfstelligen Monatsgehältern die besten Spieler der Welt an. Doch die Einnahmen des Clans blieben hinter den Ausgaben zurück, die Investoren schossen nun zum dritten Mal Kohle nach und das Management strich Kostenträger.

Zum Beispiel Grubby, alias Manuel Shenkhuizen. Der Holländer, der die World Cyber Games 2004 und 2008 in Warcraft 3 gewann und als Publikumsliebling gilt, musste gehen. Sein Ex-MYM-Kollege Jang "Moon" Jae-Ho nutzte die Kündigung zum finanziellen Aufstieg. Der Koreaner zockt nun für ein Heimatteam und 16.000 US-Dollar Monatssalär, schreibt die Szenewebseite fragster.de.

Fragster-Chefredakteur Gerriet Ohls glaubt: "Moon ist ein Ausnahme-Spieler." Außerdem herrschen in dessen Heimat Korea andere Verhältnisse, zwei TV-Sender berichten rund um die Uhr vom E-Sport. Die dortigen Teams erzielen mehr Erlöse, zum Beispiel durch Merchandising. Solche Alternativ-Einnahmen fehlen hierzulande. In Europa hängt die Szene am Tropf der Sponsoren - bricht einer weg, stehen eine Liga oder ein Clan schnell vor dem Aus.

Sponsor Intel beruhigt die E-Sportler - bis zur Cebit

Viele E-Sportler schauen daher ängstlich auf Intel. Die Chipschmiede gelobt aber der Electronic Sports League (ESL) die Treue: "Wir verfolgen als Hauptsponsor eine langfristige Strategie und dazu gehört die lange Partnerschaft mit der ESL", sagt Intel-Sprecher Hans-Jürgen Werner. Die Verträge laufen noch, doch zugleich kündigt er an, dass Intel nach der Cebit sein Engagement überprüfen will. Um fünf bis zehn Prozent könnte der Chiphersteller seine Aktivitäten zurückfahren, munkelt die Szene. "Das kann ich weder bestätigen noch dementieren," sagt der Intel-Sprecher.

Der Intel-Partner ESL erklärt die Krise zur Chance. "Viele Firmen werden erkennen, dass sie mit E-Sport eine wichtige Zielgruppe preiswert erreichen: jung, technikaffin, konsumfreudig, einflussreich", sagt ESL-Sprecher Ibrahim Mazari. Es gäbe sogar Unternehmen, die noch mehr investierten.

35.000 Euro weniger Preisgelder

ESL also gleich Eitel-Sonnenschein-Liga? Mitnichten, um satte 35.000 Euro sinkt das Preisgeld für die deutsche Profiliga. Statt um 165.000 geht es in der nächsten Saison nur noch um 130.000 Euro. Außerdem reduziert die ESL die Wettbewerbe Warcraft 3 und Fifa, was den Clans das Sparen erleichtert. Die Folge: SK Gaming entließ fast alle seine Fifa-Zocker, die Berliner von Mousesports kündigte vier ihrer sieben Warcraft-Spieler.

Fragster-Chef Gerriet Ohls resümiert: "Wir erleben wahrscheinlich eine Strukturkorrektur, beschleunigt durch die Finanzkrise." So schrumpfen Gehälter und Preisgelder. Für einige Turniere und Spieler bedeutet das erstmal: aus die Maus.

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