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Game-Kanon: Spiele für die Ewigkeit

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US-Experten haben eine Liste mit Videospielen aufgestellt, die als Meilensteine für die Nachwelt erhalten werden sollen. Nicht nur, weil er auch "Doom" enthält, wird der Kanon für Diskussionen sorgen - und das ist gut. Denn das digitale Erbe der Kunstform Spiel ist vom Untergang bedroht.

Für viele gerade hierzulande dürfte die Idee ein Affront sein: Videospiele als kulturelle Artefakte zu betrachten, sie gar für schützens- und bewahrenswert zu halten. Die Becksteins und Pfeiffers dieses Landes, die Videospiele in erster Linie als Wurzel eines gesellschaftlichen Übels betrachten, als Amok-Anleitungen, werden sich schütteln bei dem Gedanken, den eine Gruppe von US-Experten gerade formuliert hat: Einen Game-Kanon aufzustellen – und zwar einen, in dem unter anderem das Ur-"Killerspiel" "Doom" enthalten ist.

Spiele sollen ins Museum, fordern Henry Lowood von der Stanford University und ein paar andere: Spieleentwickler, Journalisten, Wissenschaftler. Und die Library of Congress, die Hüterin des geistigen Erbes der USA, ist auf Lowoods Seite.

Für Menschen, die ein paar Jahrzehnte jünger sind als Bayerns Innenminister Günther Beckstein, dürfte es die natürlichste Sache der Welt sein: Dass die Spiele, mit denen sie aufgewachsen sind, die Grundmechanismen einer erstarkenden neuen Kunstform definierten. Dass sie mithin ein Kulturgut sind. Dass zum Beispiel nichtlineares Lösen von Spielaufgaben ein Vorbote des nichtlinearen Erzählens ist, einem großen Versprechen des Mediums Videospiel: jedem seine eigene Geschichte.

Was gehört in einen Kanon und was nicht?

Gemeinsam mit vier Kollegen hat Lowood bei der Game Developers Conference in San Francisco vergangene Woche einen Entwurf für einen Kanon vorgestellt – eine Liste mit Spielen, die die fünf Männer für unbedingt erhaltenswerte Meilensteine halten. Lowood könnte eine Art Reich-Ranicki der Spielewelt werden – und die Liste selbst dürfte, wie solche Kanon-Vorschläge das immer tun, für kontroverse Diskussionen sorgen (siehe Bilderstrecke).

Warum steht da das ziemlich unbekannte "Sensible World of Socccer" von 1994, aber nicht der Mainstream-Durchbruch "Pacman"? Warum "Star Raiders" aber nicht "Space Invaders"? Warum "Tetris" aber nicht "Pong"? Warum ist kein einziges echtes Onlinespiel dabei? Ihre Meinung dazu interessiert uns: Was gehört auf die Liste, was ist zu viel? Im nebenstehenden Forum können Sie Ihre eigene Version eines Game-Kanons vorschlagen.

In jedem Fall ist Lowoods Liste ein Warn- und Weckruf – denn für einige der digitalen Meilensteine läuft die Zeit ab. Eine Kanon-Debatte, das ist vermutlich Lowoods Kalkulation, wird ein Bewusstsein für die Vergänglichkeit der Ur-Spiele wecken.

"Chips halten im Schnitt 40 Jahre"

Das Problem: Digitale Daten sind zwar kopierbar – Hardware aber ist flüchtig. Die Ur-Typen und Meilensteine der Spielgeschichte drohen buchstäblich zu verrotten, weil es keine adäquaten Möglichkeiten zu ihrer Aufbewahrung gibt. "Chips halten im Schnitt 40 Jahre", erklärt Andreas Lange vom Computerspiele Museum in Berlin. Das heißt, dass die ersten Spielmaschinen aus den Siebzigern schon bald vor dem physikalisch-chemischen Untergang stehen – und ohne die Hardware von damals ist auch die Software von damals nichts mehr wert.

Schon im April vergangenen Jahres hatte die Library of Congress nach einem Treffen mit Herstellern digitaler Inhalte dringenden Handlungsbedarf erkannt und formuliert: "Wir stehen vor dem potentiellen Verschwinden unseres kulturellen Erbes, wenn wir nicht bald gemeinsam handeln, um digitale Materialien zu erhalten", sagte eine Vertreterin der Bibliothek damals. Die Frage ist jedoch: Wie? Und wo soll man damit anfangen?

Software ist tatsächlich schwieriger zu bewahren als zum Beispiel Text: Der ist beliebig kopierbar, ohne Qualitätsverlust – solange es einem nur um die Worte und nicht um Papier und Tinte geht. "Bei multimedialen Inhalten wie Filmen ist das schon etwas schwieriger", erklärt Andreas Lange, richtig problematisch aber wird es bei Software: "Chips gehen einfach kaputt, Floppys entmagnetisieren". Und ohne eine originale Atari-Konsole aus den Siebzigern funktioniert auch ein Atari-Spiel von damals nicht mehr. "Games sind die komplexesten Artefakte für Archivare", sagt Lange. Auch deutsche Bibliotheken und Archive beginnen sich inzwischen für dieses Problem zu interessieren - ein Kandidat wäre zum Beispiel das "Nestor"-Projekt, das digitale Archivierung organisieren soll.

Ohne die Community wäre so manches Spiel verschwunden

Ohne die Spiele-Community aber, die zum Teil aus begeisterten bis fanatischen Archivaren ihrer eigenen spielerischen Vergangenheit besteht, ohne Projekte wie Mame und das Digital Game Archive wäre manches schon jetzt unrettbar verloren. Ganz praktisch zeigt sich das, wenn man eine Fotostrecke wie die obige zusammenstellen möchte: Ohne die Hilfe der Hobby-Archivare von verdienstvollen Seiten wie Mobygames und Wikipedia ist an Bildmaterial aus alten Spielen kaum heranzukommen – nicht einmal die Hersteller oder heutigen Besitzer der Rechte haben solche Bilder griffbereit. Dokumentation von Spielen mit Screenshots, Packungs-Ansichten und Emulatoren überlässt die Branche weitgehend der Community – das ist in etwa so, als verließen sich Filmstudios und Filmhistoriker für die Archivierung auf die privaten Videosammlungen von Fans.

Emulatoren, wie die Community sie in mühevoller Arbeit für nahezu jedes jemals gebaute Spielsystem hergestellt hat, sind für Andreas Lange der Königsweg: Sie bilden gewissermaßen die echte Hardware als Software-Kopie ab, so dass ein PC von heute so tun kann, als sei er ein Atari 800 von 1979. Ein Emulator wiederum kann dann entsprechend umgebaute Versionen der Software von damals abspielen – so dass etwa "Star Raiders", der Weltraumflug-Simulator von 1979, darauf läuft. Allerdings nagt auch an den Emulatoren selbst der Zahn der Zeit: "Man kann nicht für jedes neue Betriebssystem neue Emulatoren entwickeln", gibt Lange zu bedenken. Nötig sei ein einheitlicher Standard für die digitale Bewahrung.

Ein weiteres Problem ist juristischer Natur: Strenggenommen machen sich die fleißigen Emulierer oft strafbar, denn natürlich liegen die Rechte für die vor dem digitalen Tod bewahrten Spiele bei irgendjemandem – und der ist im Zweifelsfall nicht erfreut, wenn das eigene geistige Eigentum plötzlich frei verfügbar im Netz steht.

Gerade jetzt, da die großen Spielefirmen wie Nintendo und Microsoft dazu übergehen, Retrospiele für ihre Konsolen zum kostenpflichtigen Download anzubieten, wächst in mancher Rechtsabteilung ein ganz neues Bewusstsein für den Wert des eigenen Katalogs heran. Lange und andere fordern deshalb von der Politik schon seit Jahren, bei der Reform des Urheberrechts dafür zu sorgen, dass Bewahrung vor dem Untergang vor der Wahrung wirtschaftlicher Interessen steht.

"Es geht ja nicht darum, dass die Spiele frei zum Download im Internet stehen", sagt Lange, "sondern erst einmal darum, dass man sich nicht strafbar macht, wenn man etwas von einem alten Datenträger herunterholt". Vielleicht trägt die Debatte um den Spiele-Kanon dazu bei, dass die Vergänglichkeit des digitalen Erbes stärker ins Zentrum der Diskussion rückt.

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Forum - Ein Kanon für Videospiele?
insgesamt 217 Beiträge
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1.
M@ESW, 14.03.2007
Also was den PC betrifft auf jedenfall diese 3. Mehr fallen mir zu dieser späten Stunde grade nicht ein, aber morgen gibts mehr. Dune 2 -> Vater der Echtzeitstrategie Doom 1 -> Vater der Ego-Shooter Quake 1 -> erster echter 3d-Egoshooter
2. Ja, also...
fritze meier, 15.03.2007
müsste es nicht heissen: ist ein videospiel für kanons sinnvoll? das wäre ja heutzutage sicher eine pädagogophile ergänzung zu dem ganzen anderen beliebten kladderadatsch namens doomerjahn, rocky balboxhandschuh oder gangbangs of london-gefühlsecht. und somit wird daraus auch ein xy-box-kompatibler schnallenschuh, der bekanntermassen zu lebzeiten mozarts als très chique galt. derselbige (komponist, nicht treter) war nämlich ein vortrefflicher kanonerfinder, und ganz ok sind z.b. die haushaltskanons à la c-a-f-f-e-e. weiter schreibe ich den text aber man besser nicht, sie wissen schon, karikaturenstreit und so, und zack, hätten wir einen kanonstreit. also, liebe konforisten, buona notte, lieselotte, bonne nuit und bona nox. euer xy-ox.
3.
timboe, 15.03.2007
huhu =) Ich muss Ihnen kurz widersprechen M@ESW, nicht bös gemeint, da ich ihre Beiträge sehr schätze. Dune2 RTS Vater signed (aber nicht 100% sicher, da gibt's bestimmt noch was unbekantes, das uns querschiesst :) Doom1 Egoshooter Vater nicht, da steht noch ein früherer Hit von ID auf dem Index zur Auswahl =) Wolfenstein, wenngleich Doom wesentlich spielenswerter ist. Und zum 3D darf Descent nicht vergessen werden, dank freier Bewegung im Raum und wenig früherem Erscheinungsdatum als Quake imho der 3D Vater. Mir aber heute auch zu Spät, lassen Sie uns die Tage das ganze weiterführen und den Konsolenkrieg nicht aus den Augen verlieren. mfg Timo
4.
m2h, 16.03.2007
---Zitat von M@ESW--- Doom 1 -> Vater der Ego-Shooter ---Zitatende--- Eine etwas bizarre Art, politisch korrekt sein zu wollen.
5.
jan_nebendahl, 16.03.2007
Sollen die 10 Bilder etwa alles sein ? Da fehlt aber so einiges (mal 6 Spiele, die mir so auf Anhieb einfallen): 1. M.U.L.E. Das erste Weltraum Multiplayer Aufbauspiel, garantiert süchtig machend, gewaltfrei und einfach nur super 2. Summer Games I Damals mit Worten wie: Fast wie ein Comic gelobt (waren wir naiv). Der Urvater der Sportspiele und das erste Spiel seiner Art, das nicht auf stupides Joystickzerstören ausgerichtet war. 3. Archon Schach mal ganz anders. Einhörner 4tw 4. Ultima IV Epische Tiefe. Ich glaube kein Spiel hat mich vor dem Zeitalter der MMOs so gefesselt und so viel Zeit gefressen. 5. Test Drive Das erste PoV Autorennspiel, das den Namen verdiente. 6. Wing Commander Wer kennt es nicht ?
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