Games Convention Sony macht Playstation zum universellen TV-Gerät

Die Spielemesse in Leipzig ist eröffnet und auf Rekordjagd. Sony nutzte die Games Convention als weltweit wahrgenommene Plattform für Innovationen, um sich im Konsolenrennen zurückzumelden. Die Japaner stellten zahlreiche Neuigkeiten für PS3 und PSP vor.

Von , Leipzig und Frank Patalong


Der bizarrste Moment einer an Bizarrem ohnehin nicht armen Messe ereignet sich am Mittwochabend um kurz nach Sieben. Auf einer Bühne, vor der außer Journalisten auch ein paar echte Berühmtheiten der Spielebranche sitzen, steht der Deutschlandchef von Sonys Konsolensparte gemeinsam mit den Toten Hosen und singt. Gemeinsam mit Campino gröhlt der Spielemanager einen Hosen-Song in ein "Singstar"-Mikrofon, der toll zur aktuellen Lage seines Unternehmens passt: "Steh auf, wenn du am Boden liegst … es wird schon irgendwie weitergeeeehn."

Sony hat viel einstecken müssen im vergangenen Jahr: Explosionsgefährdete Laptop-Akkus mussten zurückgerufen werden, was Hunderte von Millionen kostete, der Börsenkurs wackelte, der Start des Flagschiffproduktes Playstation 3 musste verschoben werden und die Konkurrenten Microsoft und vor allem Nintendo sägten genüsslich und höchst erfolgreich am Thron des Konsolen-Marktführers. Nun also: "Steh auf, es wird schon irgendwie weitergehn."

Die Toten Hosen sind auf die Leipziger Games Convention (GC)gekommen, weil sie eine eigene Folge der Karaoke-Serie "Singstar" vorstellen, eine CD voller Hosen-Lieder zum Mitsingen nach Punkten.

In der ersten Reihe sitzt "Metal Gear Solid"-Schöpfer Hideo Kojima und Deutschlands dienstältester Punk erzählt davon, wie man die Japaner Anfang der Achtziger ausgelacht habe wegen diesem Mitsing-Freizeitvergnügen, wie man dann in den Neunzigern aber "Punkrock-Karaoke" für sich entdeckt habe. Weshalb es nun offenbar folgerichtig ist, ein eigenes Punkrock-Karaoke-Spiel zu vermarkten. Campino trägt kein "Punk's not dead"-T-Shirt, aber das würde hier und heute ohnehin keiner mehr glauben.

Sony ist der einzige der Konsolenhersteller, der eine echte Pressekonferenz veranstaltet, Nintendo und Microsoft begnügten sich mit Standrundgängen und "Get-Togethers". Dem Presseteam ist vor der Veranstaltung eine gewisse freudige Erregung anzumerken, die nicht nur damit zu tun hat, dass der Chef Phil Harrison persönlich da ist.

Produkt-Feuerwerk

Denn Sonys Europachef David Reeves hat wirklich viel zu erzählen: Außer zahlreichen neuen Spielen sorgte Sony vor allem mit Zubehör für PS3 und PSP für Aufsehen. So soll in Deutschland bereits im ersten Quartal 2008 der Verkauf einer kleinen Settop-Box namens PlayTV beginnen, die als digitaler TV-Tuner zur PS3 die Spielekonsole zum vollgütigen Festplattenrekorder macht.

PlayTV soll einen doppelten TV-Receiver enthalten und nicht nur PS3 und Fernseher noch näher zusammenrücken lassen, sondern auch die PSP mit vernetzen: Aufgenommene Inhalte lassen sich per WLan als Videostream auf die PSP übertragen oder per USB im auf die PSP zugeschnittenen Format auf die portable Spiel- und Medienkonsole laden.

Ein Preis für diese Erweiterung des PS3/PSP-Konzeptes wurde - wie üblich - noch nicht genannt.

Der PSP gönnt Sony noch eine weitere Modellpflege: Bereits im Januar soll Go!Messenger in den Verkauf gehen, ein Kurznachrichten- und Videochatprogramm für die PSP. Die verfügt von Haus aus über ausgeprägte Netzwerk-Funktionen, die nun also um kommunikative Möglichkeiten aufgebohrt werden - die Begeisterung von Lehrern wird sich in Grenzen halten.

Als weiteres Zubehör stellte Sony ein GPS-Modul namens Go!Explore vor. Für Großbritannien kündigte Sony zudem einen Video-Downloadservice für die PSP an, der in Verbindung mit dem Pay-TV-Sender Sky entwickelt wird.

Mit der Entscheidung für Partner aus der klassischen TV-Welt wählt Sony einen pragmatischen Weg. Vor kurzem konnte Microsoft verkünden, dass es die Xbox 360 als Empfangsstation für Internet-TV aufbohren wolle. Das wirkt weit innovativer, ist aber bisher vor allem eines: erfolglos. Einen Partner für das angedachte IPTV-Streaming hat Microsoft bisher nicht finden können, was das innovative Feature zur Totgeburt macht.

Sony baut im Gegensatz dazu seinen Zirkus erst dann auf, wenn das Programm steht, statt umgekehrt. Ob das reicht, den wankenden Giganten wieder auf Spur zu bringen, bleibt abzuwarten: Der einstige Platzhirsch im Konsolenmarkt hinkt den Wiedersachern Nintendo und Microsoft bisher deutlich hinterher.



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