Geek-Tattoos Android Girl kennt keinen Schmerz

Die Verehrung, die in den vergangenen Jahrzehnten Popstars erfuhren, wird heute oft digitalen Spielzeugen entgegengebracht: Tattoos des Lieblings-Handys oder des Apple-Logos. Mit dem Android Girl hat die Szene jetzt sogar ein Sternchen.


Fast punktgenau zum Jahresbeginn hat die Nerd-Szene ein neues Starlet: Das Android Girl wurde mit einem einzigen Foto schlagartig zur Berühmtheit in technikaffinen Kreisen. Auf dem Bild ist eine junge Frau mit leicht punkiger Frisur zu sehen, die mit einnehmendem Blick in die Kamera schaut und dabei entspannt die Arme hinter den Kopf legt. Durch diese Pose rückt unweigerlich das Tattoo eines grünen Comic-Roboters auf ihrem Unterarm in den Blick des Betrachters. Und bei dieser Figur handelt es sich um das Logo von Googles Handy-Betriebssystem Android.

Nerds sind laut Wikipedia "Sonderlinge, Streber, Außenseiter", die sich vor allem für technische und wissenschaftliche Themen interessieren. Nach dem gängigen Klischee sind Nerds Computergenies mit kärglichem Sozialleben, also definitiv nicht cool. In den vergangenen Jahren hat sich das Image der Technikfanatiker allerdings stetig gewandelt, nicht zuletzt weil digitale Technik im Alltag immer wichtiger wird. Inzwischen sind Nerds längst nicht mehr zwingend Außenseiter. Die Rolle des digitalen Technikspezialisten gewinnt vielmehr stetig Sozialprestige, und damit wird auch eine Figur wie das Android Girl möglich: ein cooler, gutaussehender Nerd.

Zeitgeist

Über den Hintergrund des Nerd-Sternchens mit hohem symbolischem Potential ist unterdessen fast nichts bekannt. Das Foto, das die junge Frau mit ausgeprägtem Faible für Mobiltelefon-Software schlagartig bekannt machte, findet sich nämlich auf einem frisch eingerichteten MySpace-Profil. Neben einer Handvoll weiterer Bilder, die eigentlich nichts Neues erzählen, außer dass Android Girl eine getigerte Katze besitzt, finden sich nur wenige greifbare Informationen. Die Frau unter dem Synonym "Kommodore" ist demnach 23, wohnt in Houston, Texas, und hört angesagte Musik aller möglicher Stilrichtungen.

Die Frage, ob es sich beim Android Girl um die Selbstdarstellung eines weiblichen Nerds handelt oder aber um einen Fake, ist noch nicht geklärt. Für die Wirkung der Figur ist dieser Hintergrund aber eigentlich irrelevant. Ob authentisch oder konstruiert, sie repräsentiert so oder so perfekt den Zeitgeist. Dass die Leidenschaft für ein Computerprogramm durch ein Tattoo bekräftigt wird, verbindet Android Girl dabei gleichermaßen mit Popkultur- und Hacker-Traditionen. Unter Programmierern oder Open-Source-Aktivisten sind tätowierte Technik-Symbole und -Logos schon länger gängig. Wie das aussieht, zeigt eine Suche in der Online-Fotosammlung Flickr: Hier finden sich auf Anhieb Dutzende Tattoos mit den Logos freier Betriebssysteme, allen voran der Linux-Pinguin und der FreeBSD-Teufel. Aber auch die Suche mit den Begriffen "USB" und "Tattoo" fördert 45 Treffer zutage, darunter knapp zehn Menschen, die tatsächlich das Icon einer Computerschnittstellestelle in die Haut gestochen haben.

Alles Apfel

Ein vergleichsweise neues Phänomen sind unterdessen Tätowierungen kommerzieller Produkte oder Logos. Offensichtlich aus echter Begeisterung ließ sich beispielsweise vergangenes Jahr ein Brite das Signet der Spielkonsole Playstation 3 auf dem Unterarm verewigen. Ein US-Nerd, auf dessen Wade seit kurzem das Smartphone BlackBerry Storm in Originalgröße prangt, wurde dagegen durch das Gewinnspiel eines Handy-Magazins motiviert - bei der es natürlich just ein BlackBerry Storm zu gewinnen gab. Ober der Mann seine Entscheidung schon bereut?

Aber wie so oft, wenn es dieser Tage um digitale Alltagstechnik geht, kommt man auch bei den Gadget-Tätowierungen an Apple nicht vorbei. "Es geht nicht mehr nur um Computer", erklärte CEO Steve Jobs schon 2001 angesichts eines Fans mit dem Apfel-Logo auf der Haut. Die entsprechende Flickr-Suche liefert denn auch knapp 1400 Treffer, von denen ein frappierend großer Teil tatsächlich Tattoos mit dem Konzernlogo zeigt. Darunter sind natürlich alle Designvarianten, die Apple in den vergangenen 20 Jahren verwendet hat. Aber auch Menschen mit einem halben Mac-Bildschirm auf der Haut, etwa der Nutzer "dirk gently1", auf dessen Arm sich das Apfel-Logo, mehrere System-Icons und das Tastatursymbol für "Command" finden.

Die hingebungsvolle Fan-Kultur für digitale Produkte könnte mit dem Android Girl eine verbindende Symbolfigur bekommen. Aber auch wenn die Dynamik des Gadgets-Kults so einen weiteren Schub erhält, werden einige Geräte wohl auch zukünftig unter keinen Umständen zu coolen Popkultur-Accessoires. Dazu gehört zum Beispiel Microsofts Musik-Player Zune: So hatte die Szene für den als "Zune Guy" bekanntgewordenen Microsoft-Fan nur Spott übrig, als dieser sich das Logo des Gerätes in die Haut stechen ließ. Und nachdem er sich zwei weitere Zune-Tattoos zugelegt hatte, war der Zune Guy endgültig zur Lachnummer geworden.

Sascha Koesch/Fee Magdanz/Robert Stadler

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