Hardwareflops Warum Videospiele (noch) nicht duften

Immer wieder wird über neue spektakuläre Technologien diskutiert, die das Spielerlebnis noch intensiver machen sollen. In den vergangenen Jahren war viel von Gerüchen als Ergänzung fürs Spielerlebnis die Rede. Der britische Forscher Bob Stone untersucht derzeit die Möglichkeiten.

Von Ole Schley


Britischer Forscher Bob Stone: "Welt voller Sinnesreize"

Britischer Forscher Bob Stone: "Welt voller Sinnesreize"

Ein Soldat läuft irgendwo im Nahen Osten über einen Markt. Die Waffe im Anschlag, muss er die Menschen im Auge behalten und sich auf seine Mission konzentrieren. Nur nicht ablenken lassen - von den exotischen Gewürzen, seinem Angstschweiß oder von den Autoreifen, die in der Nähe brennen.

Situationen wie diese sind in Videospielen einfacher zu meistern als in der Realität. Denn im Spiel beschränkt sich unsere Wahrnehmung auf das, was wir sehen und hören: Wir erleben die Umgebung ohne ihre spezifischen Gerüche.

Welche Auswirkungen es hätte, wenn wir digitale Umgebungen auch riechen könnten, fragt sich Bob Stone von der Birmingham Universität: Der Forscher, der im Auftrag des britischen Verteidigungsministeriums bereits diverse Serious Games entwickelt hat, untersucht derzeit, ob Soldaten durch Duft-Technologien besser auf Einsätze vorbereitet werden können. "Wir leben in einer Welt voller Sinnesreize, in der neben Sehen und Hören auch Tasten, Riechen und Schmecken bestimmen, wie wir auf die Umgebung reagieren", sagt Stone. Wie sich das im Virtuellen verhält, will er mit Hilfe der frei erhältlichen Hardware "Scent Palette" überprüfen, einem Gerät von der Größe einer Schuhschachtel.

Doch das System, das in Paraffinwachs eingebettete Kunstdüfte mit Ventilatoren in Richtung Spieler pustet, ist noch nicht ausgereift: "Zwar können wir bereits hunderte Gerüche manuell mit Szenen verknüpfen, die auf der 'Far Cry'- oder der 'Quest 3D'-Engine basieren. Und zum Beispiel die Gerüche von Abwasser, brennendem Gummi oder Sprengstoff lösen starke Reaktionen bei den Versuchspersonen aus", sagt Stone - doch dazu muss das Labor immer frei von Zugluft sein und der Spieler sehr nah an der Geruchseinheit sitzen. Auch ließen sich freigesetzte Düfte nur schwer durch neue ersetzen.

Seine Ergebnisse sind deshalb bislang ernüchternd: "Den Probanden hat das alles zwar Spaß gemacht, aber ihr Training wurde dadurch nicht verbessert." Doch was bei Soldaten nicht hilft, könnte ja zumindest Spiele reizvoller machen? Stone ist auch da skeptisch: "Ist es wichtig, dass man das Pulver eines Gewehrs riechen kann? Bringt einen der Geruch eines Parasiten im Spiel 'Half-Life 2' dazu, vom Stuhl zu springen - mehr, als es das Viech alleine schaffen würde? Ich glaube nicht. Das ist erst spektakulär, nutzt sich aber sehr schnell ab."

Vielleicht hat er auch aus einem anderen Grunde Recht mit seinen Zweifeln: Wer will schon, dass sein Zimmer am nächsten Morgen immer noch nach den Resten von Endgegnern riecht?



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