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Informatik für Kinder: Wir sind die Roboter

Von Thomas Feibel

Die IT-Welt klagt über mangelnden Nachwuchs, die Lehrmittel-Hersteller entdecken die IT für spielerische Lernansätze. Jetzt dreht Lego den Spieß um und nimmt die Zielgruppe Grundschule ins Visier: Der Bausatz WeDo will Siebenjährigen im Spiel Robotik und Informatik vermitteln.

Vor zehn Jahren landete der dänische Spielzeughersteller Lego einen echten Coup: Er brachte den elektronischen Bausatz Mindstorms heraus, der Kinder ab 12 Jahren bannte und selbst Väter, Lehrer und Tüftler nicht mehr los ließ. Noch nie zuvor schien das Konstruieren und Programmieren von roboterartigen Wesen so einfach zu sein.

An der pädagogischen Entwicklung war damals der umtriebige Mathematiker und Psychologe Seymour Papert vom renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) beteiligt. Bereits Ende der 60er Jahre hatte sich der begeisterte Piaget-Schüler mit der von ihm speziell für Kinder entwickelten Programmiersprache Logo einen Namen gemacht. Und schon beim Mindstorms-Launch 1999 sprach sich der heute 81jährige dafür aus, doch auch einer deutlich jüngeren Zielgruppe ein ähnliches Angebot zu unterbreiten. Jetzt geht Paperts Wunsch in Erfüllung.

Auf der elektronischen Bildungsmesse BETT in London präsentierten die dänischen Bauklotz-Produzenten "WeDo", einen faszinierend einfachen und vielseitig programmierbaren Bausatz für Siebenjährige. Zielgruppe dabei sind jedoch nicht direkt Kinder, die nun zu Hause dem beliebten Konstruktionssteinchen auch eine elektronische Seite abgewinnen sollen, sondern in erster Linie Schulen und Lehrer.

Denn mit der education-Reihe, die auch gewöhnliche Bausteine, muntere Tierwelten und so genannte "simple machines" anbietet, rücken Kindergärten und Grundschulen stärker in das Visier des Spielwarenherstellers. Bildung zieht, das ist Trend.

Neue Lehrmittel für eine veränderte Schule

Auf der Nürnberger Spielwarenmesse wird WeDo nun in Deutschland vorgestellt, dann auf der Bildungsmesse in Hannover. Gerade von Lehrern und Pädagogen sei an Lego immer wieder der Gedanke herangetragen worden, doch eine Art Mindstorms für jüngere Kinder anzubieten. Schließlich haben sich seit 1999 die Schulen sehr verändert. Computer und Internet gehören zum Lernalltag.

Aber Robotik?

"In mehr und mehr Ländern gehört Robotik inzwischen zum Lehrplan", erklärt Lotte Nørregaard Andersen, Trade Marketing Manager von Lego education, "und gleichzeitig finden wir es sehr wichtig, dazu praktische und geistige Lernerlebnisse anzubieten, die Kreativität, Teamwork und die Fähigkeit zum Lösen von Problemen fördern."

Teurer Spaß

Doch das hat seinen stolzen Preis, auch wenn der für Deutschland, wo das Produkt im Sommer 2009 erscheinen soll, noch gar nicht offiziell feststeht. Die US-Preise aber deuten darauf hin, dass sich privat wohl nur wenige das Junior-Roboter-Pack leisten werden. Denn dort schlägt der Konstruktionskasten mit 129,95 Dollar zu Buche, die WeDo Software auf CD-ROM kommt auf 39,95 Dollar und das Activity Pack auf CD-ROM kostet noch einmal 129,95 Dollar, als Mehrplatz-Lizenz 239,95 Dollar. Die beiden Scheiben hätten übrigens mühelos auf einer Platz gehabt.

Bausatz-Set und Software sind darauf ausgerichtet, die Kinder in Zweier-Teams arbeiten zu lassen. Pro Paar bedeutet das ein Mindest-Investment von 299,85 Dollar, einen Klassensatz mit 12 Sets für 24 Kinder bietet Lego ab 1809,95 Dollar an. Dass WeDo wirklich primär auf den Schulmarkt zielt und nicht aufs heimische Kinderzimmer, zeigt sich aber deutlicher noch in den Preisen für kleine, aber notwendige Ersatzteile: Den USB-Verbindungs-Bauklotz mit Kabel bezahlt man mit stolzen 44,95 Dollar.

Um Missverständnissen vorzubeugen: WeDo ist klasse, nur teuer. Schon allein die Packung verbreitet einen ernsten Hauch von Science. Statt in einer schlichten Pappschachtel werden die knapp 160 Bauteile in einer wieder verschließbaren Laborwanne ausgeliefert. Mindstorms Roboterwelt kam immer ein wenig kühl und futuristisch herüber und schien eher auf einen maskulinen Geschmack ausgerichtet. WeDo education hingegen wirkt frisch, knallbunt, sehr verspielt und spricht auch Mädchen an.

Und so geht's

Zunächst wird die WeDo Software für PC und Mac als Grundlage installiert, die dann die Programmierung der Lego-Figuren ermöglicht. Handhabung und Nutzung bleiben dabei weitgehend intuitiv und selbsterklärend. Sie ähneln mit dem überschaubaren, leicht zu verrückenden Grafiksymbolen dem großen Bruder Mindstorms.

Mit der zusätzlichen Einbindung des "WeDo Robotic Activity Packs" kommen dann unter anderem zwölf fantasievolle, schräge und funktionelle Modelle inklusive detaillierten Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Jetzt bauen die Grundschüler diverse Vögel, Propellerflugzeuge, Krokodile und Affen zusammen, die sich hinterher in unterschiedlicher Weise steuern oder bewegen lassen.

Das geht natürlich nicht ohne das Herzstück des Baukastens, den Motor. Er sorgt für Aktion, ein Kippsensor legt die Richtung fest und der Bewegungssensor kann Licht und Gegenstände erfassen. Zwar liefert Lego bereits vorgefertigt Programmierabläufe. Doch macht es weitaus mehr Spaß, seine eigene Erfahrungen zu machen, eigene Schritte zu versuchen, die Symbole nach eigenem Belieben zu verschieben und diese Kommandos mit dem Hub per USB-Kabel vom Computer zur Lego-Kreatur zu übertragen. Soll der Propeller sich links oder rechts umdrehen? Soll der Frosch quaken oder doch lieber ein Knutschgeräusch von sich geben?

Positive Klassenraum-Tests

Um die Lehrer von der Qualität zu überzeugen, sollen Workshops angeboten werden. Erste Tests in Deutschland fanden bereits im November und Dezember 2008 in den zweiten bis vierten Klassen der Grundschule Neu-Ulm-Offenhausen mit einer Betaversion statt. Dabei stellte sich heraus, dass das Konstruieren den Teamgeist der Klasse stärkte und selbst eher auffällige Schüler höchst konzentriert zu Wege gingen. Nur das USB-Kabel, das auf Notebooks ausgerichtet zu sein scheint, kam den Beteiligten ein wenig zu kurz vor - die PC-Hardwareausstattung hiesiger Schulen hinkt der in besseren US-Schulen teils deutlich hinterher.

WeDo ist einer spannendsten und innovativsten Lernspielzeuge der letzten Zeit, doch natürlich wird künftig in den Grundschulen nicht zwangsläufig das Thema Robotik ganz groß auf den Lehrplan treten. Aber die Erfahrungen damit sind fachübergreifend, stark motivierend und darum den regelmäßigen Einsatz wert. Gefördert werden Kreativität, Logik, Experimentierfreude, Konzentration, mathematische Belange, Bezüge aus Sachkunde und Informatik, aber auch die sprachliche Kompetenz, das Erlebte in Worte auszudrücken. Gerade beim Thema Ganztagsschule und Nachmittagsbetreuung wird WeDo ein sinnvolles Angebot darstellen.

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WeDo: Robotik für Vollanfänger


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