Jugendamt beim E-Sport "Ein Rapkonzert wirkt aggressiver"

Gleich verbieten oder erst beobachten? Die Stadt Stuttgart hat kürzlich ein Computerspiel-Turnier untersagt. In Offenbach wollte sich der zuständige Magistrat erst selbst ein Bild vom Geschehen machen, schickte einen Beobachter - der die Szenerie als ausgesprochen friedlich empfand.

Von Mathias Hamann


Um bei diesem Turnier dabei sein zu können, hat Michael Koch seinen Urlaub unterbrochen. Der Mann vom Jugendamt Offenbach will das Freitagsspiel der Electronic Sports League (ESL), der nach eigenen Angaben größten und ältesten Online-Liga Europas, besuchen. Er will sich selbst ein Bild machen, sagt der Pädagoge. Ihn treibe die Sorge um Sucht und nicht die Frage nach dem Gewaltpotential dazu, die sogenannte Bundesliga für professionelles Computerspielen zu besuchen.

An diesem Tag werden ein Match des Strategiespiels Warcraft III und zwei Partien in Counter-Strike ausgefochten, einem jener Ego-Shooter, die immer wieder ins Gespräch kommen, wenn es um sogenannte Killerspiele geht.

Zwei Wochen zuvor wurde der ESL eine ähnliche Veranstaltung in Stuttgart untersagt, wegen des Amoklaufs in Winnenden. Auch in Offenbach stand ein solches Verbot im Raum. "Wir haben jedoch mit dem Magistrat der Stadt einen Dialog geführt", sagt der Pressesprecher der ESL, Ibrahim Mazari. Und man hat sich geeinigt: Das Verbot ist vom Tisch. Stattdessen werden die Spiele nun professionell begutachtet, durch Michael Koch.

Der wirkt wie ein Rock-Opa in seinem schwarzen Anzug und mit Miniatur-Gitarre am Revers. Klar, der Amoklauf von Winnenden hat seinen Magistrat aufgeschreckt, aber er ist nicht wegen der Gewaltfrage hier. Ihn treibt die Sorge um die Sucht, "denn Computerspiele können abhängig machen". Dazu erzählt er eine Geschichte: Letztes Jahr war er mit Offenbacher Jugendlichen in einem Indianer-Reservat in Arizona, 800 Euro mussten seine Schützlinge selber tragen, den Rest schoss der Staat dazu. "Da haben uns dann die Jugendlichen am Lagerfeuer abends erzählt, dass sie früher gar nicht von ihrer Maschine weggekommen wären." Auch in seiner Familie kennt er Fälle an der Suchtgrenze.

Geht das auch ohne Gewalt?

Das könnte ein Thema für die "Eltern-Lan" sein. Regelmäßig laden die ESL und die Bundeszentrale für politische Bildung Eltern, Lehrer und Pädagogen im Vorfeld von Turnieren zu dieser Informationsveranstaltung mit Selbsterfahrungscharakter ein. In Offenbach sitzen heute 14 Erwachsene hinter dem PC und " killen wie im Kinderzimmer". Auch Michael Koch klemmt sich hinter den gesponserten Laptop und erlebt Counter-Strike, "ein bisschen wie Räuber und Gendarm". Ein Moderator der ESL versucht derweil zu vermitteln, was die Faszination eines Ego-Shooters ausmacht.

Und dann reden die besorgten Besucher doch wieder über Gewalt: "Warum kann die Industrie nicht etwas herstellen, was Taktik und Spannung hat, ohne Ballerei?", fragt Michael Koch. ESL-Vertreter, aber auch Arne Busse von der Bundeszentrale für politische Bildung geben keine ihm einleuchtende Antwort. Könnte er sie nicht selbst geben? In seiner Jugend ergötzte er sich an Italo-Western, die damals für neue Maßstäbe der Gewaltästhetik sorgten.

Seine Kollegen machen sich mit den ESL-Verantwortlichen auf den Weg in die Halle, dort sitzen bereits viele Zuschauer und erwarten das erste Match. Michael Koch bleibt noch eine Weile sitzen. Er ringt mit sich: "Es kann doch nicht sein, dass die Bundeszentrale, also der Staat, so eine einseitige Sicht auf Computerspiele hat." Ihm fehlen kritische Stimmen wie die des Kriminologen Christian Pfeiffer, "der mag ja umstritten sein, aber er hat in einigem auch Recht." Die Suchtgefährdung zum Beispiel - aber darüber haben sie gar nicht geredet.

Die Stadthalle ist zum Bersten voll

Seine Kollegen treffen in der Halle auf Jugendliche aus Offenbach, die erklären, dass sie die Gewalt nicht als real empfinden, sie sei halt Teil des Spiels. 1300 Zuschauer verfolgen das Counter-Strike-Match. Die Stadthalle ist voll, selbst am Rand haben sich Dutzende auf den Boden gesetzt, weil kein Stuhl mehr frei ist.

Angestrengt blickt Michael Koch nun auf die Leinwand. Rote und blaue Counter-Strike-Figuren werden darauf gezeigt, die in einer Pixelstadt herumhuschen. Aus den Boxen dröhnen Schüsse und die Stimmen der Kommentatoren: "Eine fünf gegen drei Situation, mal sehen, ob er noch am Spot steht. Ja, da ist er. Oh, da Headshot, er nimmt ihn raus." Beifall brandet hoch. "Im Prinzip ist der Applaus ja für ein sportliches Ereignis. Aber auch," und dabei zieht er die Stirn in Falten, "auch weil da jemand getötet wird."

Möchte Michael Koch mit den Zuschauern reden? "Dazu bin ich heute nicht hier," sagt er. Er will zwischen donnernden Schüssen und donnerndem Applaus keine "zwei Minuten Gespräche" führen. "Die Diskussion führe ich dann an anderer Stelle," womöglich beim nächsten Jugendprojekt im Indianer-Reservat. Aber er stellt klar: "Ich hab hier auch keine Leute erwartet, die nach Gewalt lechzen - das wär' auch Quatsch." Es geht ihm fast zu friedlich zu. "Ein Rapkonzert wirkt aggressiver," schmunzelt er.

Süchtig sind die Anderen

Was würde Michael Koch sagen, wenn die ESL nächstes Jahr wieder nach Offenbach käme? "Das weiß ich noch nicht." ESL-Sprecher Ibrahim Mazari hat ihn schon mal eingeladen: "Lassen sie uns doch mal ein Jugendprojekt zusammen machen." Vielleicht dann auch mal zum Thema Sucht, denn deswegen war Michael Koch doch heute hier und dieses Thema, findet auch Ibrahim Mazari "ganz wichtig". Dann geht Michael Koch nach Hause, oder besser, wieder zurück in den Urlaub.

Vor der Halle rauchen einige der Zuschauer, so wie Luca Hochschmidt. Der 20-Jährige hat durch das Online-Zocken neue Freunde gewonnen, zum Beispiel Schweden. So war der Informatik-Student "letztes Jahr auf der Dreamhack, der größten Lan-Party der Welt". Er guckt sich die ESL aus Interesse an, so wie Hobby-Schachspieler ein Match von Garri Kasparow. Kennt er eigentlich süchtige Daddler? "Ja, aber das sind die bei World of Warcraft." Sagt er und zieht an seiner Zigarette. Auch sein Kumpel Felix stimmt da zu, World of Warcraft, da kennt er echte Junkies, oder besser "kannte, denn die sieht man ja nicht mehr".

Auch World of Warcraft hat die ESL im Programm, aber nicht heute, nicht hier.



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