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Konferenzbeschluss: Innenminister fordern Verbot von Gewaltspielen

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Die deutschen Innenminister wollen ein Verbot von gewalttätigen Computerspielen. Bei ihrer Konferenz in Berlin wurde dies als Ziel formuliert. Außerdem soll die Altersfreigabe von Spielen restriktiver werden. Dabei liegt der Jugendschutz gar nicht in der Hand der Innenminister.

Belin - Man sehe die "Notwendigkeit, erforderliche Verschärfungen des Jugendschutzes und ein ausdrückliches Herstellungs - und Verbreitungsverbot virtueller Killerspiele so schnell wie möglich umzusetzen". Was genau mit "virtuellen Killerspielen" gemeint ist, wurde dabei nicht definiert.

Berliner Innensenator Ehrhart Körting: "Künftig restriktivere Altersfreigabe"
DDP

Berliner Innensenator Ehrhart Körting: "Künftig restriktivere Altersfreigabe"

Der Gastgeber der Konferenz, Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD), sagte zudem, die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) der Spieleindustrie müsse überprüft werden. Laut Associated Press sagte Körting auch, die bisherige freiwillige Selbstkontrolle durch die Produzenten habe sich im Ergebnis als sinnlos herausgestellt. In der offiziellen Mitteilung zur Konferenz heißt es, man wolle darauf hinwirken, "dass künftig im stärkeren Maße eine sehr restriktive Altersfreigabe von Gewalt verherrlichenden Computerspielen vorgenommen wird".

Diese Einschätzung wirkt aus drei Gründen verwunderlich: Zum einen hatte die Bundesregierung selbst die Arbeit der USK noch im vergangenen August ausdrücklich gelobt - auch im europäischen Ausland gilt der deutsche Jugendschutz als vorbildlich. Zum anderen sind gewaltverherrlichende Medien jeder Art in der Bundesrepublik ohnehin per Gesetz verboten. Außderdem wird die Arbeit der USK im Augenblick vom Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung evaluiert - im Auftrag von Bund und Ländern. Die Ergebnisse der selbst angestoßenen Studie wollen die Innenminister nun offenbar nicht mehr abwarten.

Körting, der durch den Wirbel um die Berliner wiederaufnahme der Oper "Idomeneo" bundesweit bekannt wurde, werde "diesen Beschluss mit den Vorsitzenden der Jugendministerkonferenz erörtern" wurde weiter mitgeteilt. Das muss der Innensenator auch, denn die Verantwortung für den Jugendschutz liegt in Deutschland nicht bei den Innen- sondern bei den Familien- und Jugendministerien.

"Spiele sind nicht die Ursache für Amokläufe"

Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU), der sich in der Vergangenheit bereits mehrmals als Kritiker gewalttätiger Spiele hervorgetan hatte, ist mit dem Beschluss mehr als einverstanden. "Ich bin mit der Entscheidung sehr zufrieden", sagte Schünemann der dpa. "Bei allen Amokläufen haben auch immer Killerspiele eine Rolle gespielt." Diese Behauptung allerdings ist auch mit gutem Willen nicht zu halten. Der blutigste Amoklauf in der Geschichte der USA, den ein koreanischstämmiger Amerikaner im April an der Virginia Tech University in Blacksburg beging und dabei 30 Menschen tötete, hatte rein gar nichts mit Videospielen zu tun. Zudem sind Amokläufe als Phänomen deutlich älter als das Medium Computerspiel.

Selbst Spiele-Kritiker innerhalb der Forschergemeinde bezweifeln, dass Videospiele ursächlich für Amokläufe oder andere Gewalttaten verantwortlich gemacht werden könnten. Die Psychologin Ingrid Möller von der Universität Potsdam, die mit Kollegen gerade eine Längsschnittstudie zum Thema durchgeführt hat, sagte SPIEGEL ONLINE: "Spiele oder andere Medien sind nicht die Ursache für Amokläufe." Ein so komplexes Geschehen auf eine einzige Ursache zu reduzieren, führe zu nichts. Man müsse "Risikofaktoren ausfiltern, die die Wirkung solcher Medien in ungünstiger Weise verstärken". Es gebe allerdings Hinweise, dass dauerhaftes Spielen brutaler Spiele aggressive Gedankeninhalte fördern könne.

Aus der Politik hat am schnellsten Klaus-Uwe Benneter (SPD) reagiert, der für die SPD im Innen- und Rechtsausschusses des Deutschen Bundestags sitzt: Benneter spricht in einer Pressemitteilung von "oberflächlicher Symbolpolitik", die an der Sache vorbeigehe: "Es gibt bereits ein umfassendes Herstellungs- und Verbreitungsverbot für besonders grausame und menschenverachtende Computerspiele." Weiter heißt es in der Mitteilung: "Die Innenminister hätten sich vorher besser bei ihren Kollegen aus dem zuständigen Ministerium für Jugendschutz erkundigen sollen, bevor sie mit ihrem populistischen Vorstoß ungerechtfertigte Vorurteile gegen Computerspiele schüren, die mit Jugendmedienschutz nichts mehr zu tun haben."

Innenminister contra Bundesfamilienministerin

Bayern hat einen Gesetzentwurf in den Bundesrat eingebracht, der ebenfalls auf ein Herstellungs- und Verbreitungsverbot von gewalttätigen Spielen zielt. Die zuständige Bundesministerin Ursula von der Leyen dagegen hat gemeinsam mit dem nordrhein-westfälischen Familienminister Armin Laschet (CDU) ein Programm mit vier Säulen vorgestellt, mit dem am Ende erreicht werden soll, "dass die Einhaltung der Altersfreigaben in Deutschland selbstverständlich wird". Dazu soll dafür gesorgt werden, dass Spiele schneller und einfacher auf den Index - und damit außer Sichtweite von Kindern und Jugendlichen - kommen können.

Bislang kann ein Spiel erst dann indiziert werden, wenn die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle ihm eine Altersfreigabe verweigert hat - das soll sich nach von der Leyens Vorschlägen ändern. Zudem sollen Testkäufer die Einhaltung von Regelungen an den Ladenkassen überprüfen, die Arbeit der USK soll transparenter gemacht, die Kommunikation zwischen Anbietern und Nutzern von Videospielen verbessert werden. Alle Parteien außer der Union haben Verbotsforderungen wie denen aus Bayern bislang eine Absage erteilt. In Union und SPD dürfte der Beschluss der Innenminister daher für Gesprächsstoff sorgen.

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