Notebooks für die Dritte Welt: 75-Dollar-Laptop soll 2010 kommen

Von

Kleiner, schneller und noch billiger: Das Projekt, das jedem Kind auf der Welt einen Laptop verschaffen soll, wird immer ausgefeilter. Ein neues, erstaunlich innovatives Rechnermodell soll den Lowcost-Geräten endgültig zum Durchbruch verhelfen - und Nachahmer sind ausdrücklich erwünscht.

Auch der neuen Version des Dritte-Welt-Laptops sieht man nicht an, wofür sie eigentlich konstruiert wurde. Kinder in Schwellen- und Entwicklungsländern sollen das Gerät anstelle teurer Schulbücher verwenden, damit lernen, kommunizieren und natürlich auch Spaß haben. Doch mit dem Computer, den der Gründer des Projekts "One Laptop per Child" (OLPC) gestern in Cambridge in Massachusetts angekündigt hat, dürften auch Kinder und sogar Erwachsene in westlichen Industrienationen Spaß haben.

Denn das von OLPC als XO-2 bezeichnete Mini-Notebook soll etliche Funktionen und Nettigkeiten mitbringen, die jeden Technik-Fan begeistern würden. Das fängt schon bei dem respektive den Displays an. Wo bei gewöhnlichen Laptops Tastatur und Touchpad liegen, findet man beim XO-2 einen zweiten Bildschirm.

Das kann man für Luxus halten, doch hat das berührungsempfindliche Display einen ganz praktischen Nutzen. Je nachdem wie alt die Kinder sind, die mit dem Gerät umgehen, können auf dem Bedien-Bildschirm unterschiedliche Bedienelemente, vereinfachte oder vollständige Tastaturen eingeblendet werden. So kann das Gerät mit seinen jungen Anwendern mitwachsen, sich dem jeweiligen Bildungsstand anpassen.

Laptop, Buch und Spielgerät

Als alleinige Begründung für das Doppel-Display reicht das freilich nicht aus. Doch Nicholas Negroponte, Initiator des Projekts, liefert noch ein weiteres Argument: Die Erfahrungen mit dem ersten OLPC hätten gezeigt, dass die Nutzung als Buch ein Schlüssel für den Erfolg des Geräts ist. Beim XO-2 soll diese Erkenntnis konsequent umgesetzt werden. So wird der Inhalt der Bildschirme beim Lesen um 90 Grad gedreht. Oberes und unteres Display werden so zu linker und rechter Buchseite.

Damit nicht genug: Das Scharnier ist so so ausgelegt, dass sich die beiden Halbseiten des Geräts in einem 180-Grad-Winkel aufklappen lassen, sodass eine fast durchgängige berührungsempfindliche Oberfläche entsteht. Diese soll beispielsweise bei Spielen zur Anwendung kommen. Ein Beispielbild zeigt zwei Spieler, die auf dem aufgeklappten Gerät gegeneinander den Klassiker Pong daddeln.

Preisziel 75 Dollar

Neben diesen technischen Feinheiten hat sich das OLPC-Projekt aber vor allem zwei Ziele gesetzt: Das neue Modell soll noch weniger Strom verbrauchen und noch weniger kosten als das aktuelle Modell.

Beides dürfte nur schwer zu erreichen sein. Schon jetzt setzt der OLPC nur etwa zwei bis vier Watt um - Standard-Notebooks saugen rund zehnmal mehr Strom aus der Leitung.

Doch während sich solche Probleme noch mit technischer Finesse lösen lassen, dürfte es eine besondere Herausforderung sein, den Preis auf das jetzt angepeilte Niveau zu senken. Nur noch 75 Dollar soll der XO-2 im Jahr 2010 kosten und damit die Tür für eine wirklich flächendeckende Verteilung der Geräte aufstoßen.

Mit dem aktuellen Modell hat das noch nicht so geklappt, wie es sich die Initiatoren des Projekts ursprünglich ins Pflichtenheft geschrieben haben. Nicht mehr als 100 Dollar sollte das Gerät eigentlich kosten, mindestens fünf Millionen Stück sollten an die Regierungen der Dritten Welt verkauft werden.

Nachahmer erwünscht

Von diesem Ziel ist das OLPC-Projekt noch weit entfernt. Derzeit liegen die Stückkosten bei 188 Dollar, zu viel für viele Bildungsbehörden - zumal noch weitere Kosten für Server und Wartung hinzukommen.

Bisher wurden immerhin 600.000 Exemplare des weiß-grünen Schülerlaptops verteilt. Einige davon allerdings im Rahmen der Kampagne " Give One Get One", die es Nordamerikanern ermöglicht, sich ein OLPC für den doppelten Preis zu kaufen und auf diese Weise einen weiteren für bedürftige Kinder zu finanzieren. Sonderlich erfolgreich war diese Aktion allerdings auch nicht - weil die Organisation Probleme hatte, die bestellten Geräte überhaupt auszuliefern.

Dennoch hat der OLPC reichlich Bewegung in die Notebook-Branche gebracht, die bis vor einigen Jahren relativ gemütlich vor sich hin neue Notebooks entwickelte, die sich von Jahr zu Jahr lediglich durch Leistung und Stromverbrauch ihrer Komponenten unterschieden. Das große Interesse am Dritte-Welt-Laptop hat nun aber zu einem Umbruch geführt, hin zu kleinen pragmatischen Billig-Notebooks. Eines davon, EeePC, definierte eine vollkommen neue Geräteklasse und regte etliche Nachahmer an.

Eben diese Entwicklung scheint nun auch der Grund zu sein, weshalb Negroponte schon die Eckdaten des geplanten XO-2 veröffentlicht hat. In seiner Ankündigung führte er aus, er hoffe auf möglichst viele Kopien des neuen Designs.

Vermutlich spekuliert er darauf, auf diese Weise könnte schon vor Produktionsbeginn eine Nachfrage für die dann benötigten Komponenten geschaffen werden. Durch größere Stückzahlen wären sie entsprechend billiger herzustellen - und es würde leichter, den 75-Dollar-Preispunkt zu erreichen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Spielzeug
RSS
alles zum Thema Notebooks
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
OLPC: Der 75-Dollar-Laptop

Fotostrecke
100-Dollar-Laptop: So sieht der aktuelle OLPC aus

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.