Noxon-Internet-Radio: Wundertüte und Heimweh-Killer

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Es gibt Produkte, die braucht man, andere, die man brauchen kann - und solche, die man nicht braucht, aber gern hat. Ein Internetradio gehört in alle drei Kategorien, je nachdem, wie man die Sache sieht. Vor allem aber ist so ein WLAN-Dudler eines: Ein Vorgeschmack auf die unmittelbare Zukunft.

"Was ist das denn?" fragt Sarah, "Ist das aber hässlich!"

Frauen sind so. Sie stellen sich nicht irgendwas in die Wohnung. Passen muss das, weshalb oft auch technische Dinge nach visuellen Gesichtspunkten gekauft werden. Für Sarah ist es wichtig, dass ein Gerät gar nicht weiter auffällt, sich Chamäleonhaft ins Gesamtbild eines Raumes einfügt, zuverlässig und unkompliziert seinen Dienst tut und mit einem Handbuch ausgeliefert wird, das sich auf zwei Seiten beschränkt und keine Fragen offen lässt. Kurzum: In unserem Haus ist sie die Stimme der Vernunft.

Im Gegensatz zu mir. "Hast Du wieder ein neues Spielzeug?"

So kann man das sagen, wenn man will. Der kleine Kasten (21,5 x 11,5 x 11 Zentimeter) hat ein Gewicht von 1050 Gramm, wie unsere Küchenwaage behauptet. Dorthin - in die Küche - gehört es auch, denn früher einmal hätte man so etwas Kofferradio genannt. Hört sich altbacken an, ist aber trendy.

Ob es nun hässlich ist oder nicht, ist eine Geschmacksfrage. In unseren Haushalt passt es optisch gar nicht: Die kleine Kiste sei "retro" gestaltet, wie Hersteller Terratec wirbt, was natürlich völliger Unsinn ist. Eine Zeit, in der diese Art des Designs en vogue war, gab es nie: Optisch verwandtes fand man in den letzten vierzig Jahren allenfalls in der Medizin-Technik.

Dann kam irgendwann der iPod. Im Großen und Ganzen versucht auch Terratecs iRadio wie ein Gerät von Apple auszusehen. Im Gegensatz zu meiner Frau sind beide Kinder darum auch direkt begeistert: "Krieg ich das?"

Zumal die Kiste ja auch noch Musik macht. "Ein Radio? Und was kostet das?", fragt die mir Angetraute, die ihren Ohren nicht traut, als sie die Antwort vernimmt: "Rund 180 Euro."

Das muss man nun allerdings erklären. Das Noxon iRadio (so heißt die Kiste) ist eines von mehreren Terratec-Internet-Radios. Sie alle basieren auf einem Grundgedanken: Die irrwitzige Vielfalt der über das Web empfangbaren Radiostationen völlig am Rechner vorbei endlich in unsere Häuser zu tragen. Die Noxon-Geräte schaffen das entweder direkt per Kabel mit dem DSL- Modem verbunden, oder aber per WLAN.

Kinderleicht, aber gewöhnungsbedürftig

Ich erkläre Sarah also, dass sie die freie Wahl hat, was sie hören möchte. Die mitgelieferte Fernbedienung erleichtert die Navigation.

"Navigation?", fragt sie, die in einer Welt aufwuchs, in der man Radios noch anmachte und nicht steuern musste. Aus mir nicht bekannten Gründen fehlt es den meisten Frauen an der wertvollen Fähigkeit, mit Spaß eineinhalb Stunden vor einem Radio zu sitzen, um 15 Sender als "Favoriten" einzuprogrammieren. "Neenee", sagt sie, "ich habe Wichtigeres zu tun."

Wichtig war aber auch meine Vorbereitung: Per Knopfdruck auf die Fernbedienung aktiviere ich das iRadio, das nach wenigen Sekunden hochfährt. "Und, passiert da jetzt mal was?", fragt Sarah. Ja, sicher: Ich klicke mich schnell ins Menü "Favoriten" und wähle dort eine Station an, von der ich Schelm mir verspreche, dass es sie von den Socken hauen wird, sie in Deutschland klar und deutlich zu vernehmen.

"Verbinde" sagt das Display, und rechts steigt langsam ein kleiner Balken, der den Vorpuffer-Zustand anzeigt. "Kommt da jetzt was?" fragt Sarah.

Ich erkläre ihr, dass das Radio nun über das WLAN mit Daten vorgefüttert wird, so dass das Hören auch nicht unterbrochen wird, wenn der Datenstrom aus dem Internet mal für ein paar Sekunden abbricht. Das klappt übrigens ganz prächtig. Zumindest, wenn es nicht zu einem "Serverfehler" kommt. Dass man es mit einem Radio mit verzögerten Reaktionszeiten und Web-typischen Tücken zu tun hat, ist allerdings gewöhnungsbedürftig.

Eine ganze Radio-Welt

Und dann kommt es: Der Sprecher ist gerade mitten in der Wettervorhersage für Bauern, auf die stets die für die Fischer folgt. Sarah macht große Augen. "Ist das das doofe Highland-Radio?", fragt sie. Wie alle Iren im Exil leidet ja auch sie an einem latenten, bittersüßen Dauer-Heimweh. Nun die Namen der Orte ihrer Kindheit zu hören, den Dialekt, die kleinen Lokalnachrichten, das seit Jahrzehnten immer nur dudelige Musikprogramm, bewegt sie schon: "Bekommt man damit auch anständige Sender?"

Aber sicher. Am Freitagmorgen um 10.27 Uhr waren es exakt 9484. Über einen Log-in-pflichtigen, aber kostenlosen Internetservice kann man beliebig viele weitere Sender hinzufügen - und das sogar gezielt nur für das eigene Radio, das über das Internet die aufgebohrte Senderliste automatisch zugeliefert bekommt. Liebhaber der Charts von Antigua kommen dabei genauso auf ihre Kosten wie Fans eher ausgefallener Musik.

Denn genau hier punktet das iRadio: Es befreit uns endlich musikalisch. Wer partout ab sofort nur noch Independent-Musik hören will, kann das tun. Das Menü eröffnet dem Nutzer die Senderwelt nach Musikrichtungen, nach Ländern oder anderen Kriterien geordnet. Von Blues über christlichen Rock, Hip-Hop, Smooth Jazz, Klassik oder Techno fehlt da nichts. Süß, dass für das iRadio auch "Öffentlich-rechtlich" ein Musikstil ist.

Tschüss, Dudelfunk!

Wie wahr das allerdings ist, wird schmerzhaft klar, wenn man sich entsprechende Favoriten anlegt. Deutschlands große Sender - privat oder ARD - scheinen weitgehend gleichgeschaltet. Wer Noxon hört, landet automatisch da, wo es ihm besser gefällt.

Das ist mit einem Internetradio einfach, qualitativ meist gut (die Streams reichen von 32 bis zu 196 kbit) und über das Radio sehr bequem. Ein einfacher Druck auf einen der Knöpfe programmiert den Sender dort fest ein. Die Fernbedienung erschließt Favoriten und ermöglicht fröhliches Zappen.

Ist so etwas nun aber 180 Euro wert? Geschmacksfrage: Der Sound ist okay für ein Gerät dieser Größe. Wer lieber über die klassische Stereoanlage hört, nutzt dafür ein Noxon 2 audio, das man dort ohne Tricksereien integrieren kann. Die Produktfamilie umfasst daneben ein ultrakleines Nebenbei-Radiochen sowie ein Gerät mit integrierter iPod-Koppelstation.

Apropos: Eine mitgelieferte Serversoftware ermöglicht es, das WLAN zur Sendestation fürs hausgemachte MP3-Radio von der Festplatte zu machen. So lässt sich auch die eigene Sammlung bequem verfunken.

Sarah hört iRadio

Sie zappt nicht, sie sucht nicht, sie stöbert nicht in den Tiefen des Menüs. Gut findet sie es nun trotzdem, aber "kein Muss". Alltagstauglich finden wir die Kiste alle. Sarah, weil sie dort Sender hören kann, die sie sonst nicht hört; Sohnemann (13), weil es schlicht cooler ist, über das Internet Radio zu hören als über Antenne; die Tochter (15), weil sie nun nonstop Emo hören könnte und ich, weil mich das Internetradio von den Fesseln des Mainstream-Radios befreit. Ich empfinde das Ding als Wundertüte, in der man wühlen kann.

Würden wir es kaufen? Die Kinder ja, wir Erwachsenen nicht in dieser Form. Meine Wahl fiele eher auf das Schwestergerät, das man mit Stereoanlagen verbinden kann. Für Sarah müsste es verschiedene Designs zur Auswahl geben. Klar ist uns aber allen, dass das grundlegende Konzept klasse ist. Im direkten Vergleich zwischen Internet- und herkömmlichen Radio hat das alte Antennengerät keine Chance - zumindest im Hauseinsatz. Solche Geräte sind ein Vorgeschmack auf eine Zeit, in der das Internet überall universeller Medien-Vertriebskanal ist.

Muss man so etwas haben? Nein, natürlich nicht - aber es macht Spaß, Early Adopter zu sein. Wer mit dem herkömmlichen Mainstream-Radio zufrieden ist, wird solche Geräte nur als überteuerte Gadgets empfinden. Ob deren Preise so schnell sinken werden, wie die Zahl der vom Mainstream-Gedudel frustrierten Musikfreunde wächst?

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