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Per Anwalt gegen Kritiken: Spieleindustrie setzt Fachpresse unter Druck

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Beschwerdeanrufe, Anzeigenstornos, Interview-Sperren - die Spieleindustrie versucht mit teils ruppigen Methoden, lobende Testberichte zu erzwingen. Neuer Höhepunkt: Atari ging gegen eine Spieleseite vor, der "Alone in the Dark" nicht gefiel und forderte per Anwaltsbrief eine Rücknahme der Kritik.

Die Fachpresse hat es nicht leicht. Wer in erster Linie über einen Gegenstand schreibt, seien es Autos, Uhren oder Haustiere, hat mit einem täglichen Dilemma zu tun: Er muss über Produkte berichten, deren Hersteller gleichzeitig die besten Anzeigenkunden sind. Das kann schon mal zu Verstimmungen führen - welches Unternehmen möchte neben einer selbstgeschalteten Anzeige einen Verriss des eigenen Produktes lesen?

In der Computer- und Videospielpresse ist dieses Problem besonders ausgeprägt. Unterhält man sich mit Redakteuren oder freien Spielejournalisten, hört man immer wieder die gleichen Geschichten: Redaktionen, die von Marketingabteilungen unter Druck gesetzt werden, PR-Leute, die erbost anrufen und fragen, warum ein Spiel denn nur 7 von 10 Punkten bekommen habe, stornierte Werbekampagnen.

"Hersteller haben ein ungesundes Interesse an Produkttests", sagt Gunnar Lott, ehemaliger Chefredakteur der Spielezeitschrift "GameStar". Als "testendes Medium mit Einfluss" gewöhne man sich "an einen gewissen Druck". Lott, der in seinem Verlag heute fürs Online-Geschäft zuständig ist, erinnert sich: "Wir sind schon mit Testmusterentzug, Anzeigenstornos und, in einem Fall, auch mit rechtlichen Schritten bedroht worden. Das hört man sich an, nickt höflich, sagt fest und bestimmt 'Nein' und fertig. Irgendwann geben die auf." Lott und andere Brancheninsider sagen aber auch: Es gibt große Unterschiede zwischen den Spiele-Publishern, was diesen Bereich angeht, man könne nicht die ganze Branche über einen Kamm scheren.

Für reine Online-Medien ist das Neinsagen jedenfalls noch etwas schwieriger als für Publikationen mit Print-Mutterschiff: Sie sind noch stärker von Werbeerlösen abhängig, weil sie keine Kioskverkäufe als Umsatzbringer vorweisen können.

Post vom Anwalt wegen 68 Prozent

Nun regt sich einmal tatsächlich so etwas wie Widerstand in der Branche, wenn auch zaghaft. Grund: Der Spiele-Publisher Atari hat eine Anwaltskanzlei beauftragt, gegen einen Testbericht vorzugehen. Das finden sogar Fachjournalisten ein bisschen stark, die eigentlich Druck gewohnt sind.

Die Online-Spielepublikation "4Players" hatte einen Testbericht zu dem Atari-Titel "Alone in the Dark" veröffentlicht, in dem das Spiel eine Wertung von 68 Prozent bekam. Wenige Stunden nach Veröffentlichung des Artikels bekam 4Players Post von einer Frankfurter Anwaltskanzlei. "Mit diesem 'Test' verstoßen sie gegen geltendes Recht und verletzen die Rechte unserer Mandantin", stand darin. "Der sogenannte 'Test' ist kein solcher." Die Besprechung könne höchstens auf einer Vorab-Version basieren - oder aber auf einer "illegal downgeloadeten Version" - dies wolle man aber "nicht unterstellen". Der Text müsse von der Webseite verschwinden, innerhalb einer knappen Frist müsse zudem eine Unterlassungserklärung unterzeichnet werden. Kostenpunkt: 1500 Euro.

Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE erklärte Atari: "Der Bericht von 4Players zu 'Alone in the Dark' erschien auffällig lang, bevor das Spiel offiziell in den Handel kam. Daher bestanden starke Zweifel, ob die getestete Version der finalen Verkaufversion entsprach." Man habe davon ausgehen müssen, "dass die Version zur Vorberichterstattung verwendet worden war, die nicht der Verkaufsversion entsprach". Tatsächlich erschienen am gleichen Tag wie der 4Players-Artikel aber auch noch zahlreiche andere Besprechungen des Spiels.

Um den Inhalt der 4Players-Besprechung sei es aber nicht gegangen, erklärt der Hersteller: "Es ging Atari darum, seine Rechte zu wahren, nicht um Einflussnahme auf unbequeme Berichterstattung."

Werbekampagne kommentarlos storniert

4Players-Chefredakteur Jörg Luibl ist ein streitbarer Mann, einer, der auch innerhalb der Branche öfter mal aneckt. Er stellte Teile des Anwaltsschreibens online, versehen mit ätzenden Kommentaren. Luibl sagt, er habe durchaus die im Handel erhältliche Version des Spiels getestet. Die habe man von "einem Händler unseres Vertrauens" bekommen - und für diesen Kauf gebe es auch eine Quittung.

Gängelungen aus der Branche sei man ja gewöhnt, sagt Luibl SPIEGEL ONLINE. Eine bereits gebuchte "Alone in The Dark"-Kampagne "über mehrere Tausend Euro" sei beispielsweise nach Veröffentlichung einer Vorschau auf das Spiel mit dem Ausblick "befriedigend" kommentarlos storniert worden.

Atari bestätigt dies. Man werde aber "in Kürze eine neue Kampagne zu 'Alone in the Dark' buchen, die auch auf 4Players laufen wird." Die Stornierung sei erfolgt, um "das Timing und die Kundenansprache bei der Werbekampagne ändern" zu können. Das Stornieren von Kampagnen als Reaktion auf kritische Berichterstattung verwende man aber "grundsätzlich nicht und schon gar nicht im direkten Zusammenhang, vor allem nicht als Druckmittel".

Gemischte Gefühle bei der internationalen Fachpresse

Die Stornierung habe ihn nicht gewundert und sei Ataris gutes Recht, sagt Luibl. Nun aber liege die Sache anders: Mit einer "unverschämten Unterlassungserklärung" habe Atari "unsere Pressefreiheit attackiert: Die Kunden sollen möglichst gar nicht oder spät von den offensichtlichen Schwächen des Spiels erfahren."

In dem Spiel geht es um dunkle Mächte, die das New York der Gegenwart heimsuchen und harmlose Bürger in mörderische Zombies verwandeln. Der Großteil der Handlung spielt sich im Central Park ab, der mit viel Liebe zum Detail nachgebildet wurde - auf diesem Spielfeld muss sich ein einsamer Held mit improvisierten Waffen gegen die angreifenden Untoten zur Wehr setzen.

Von der internationalen Fachpresse ist "Alone in the Dark" mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden - von einem "fehlerbehafteten Meisterwerk" ist die Rede, andernorts von "schlecht umgesetzter Steuerung und immergleichen Rätseln". Die 4Players-Bewertung liegt nah am Mittelwert der meisten Besprechungen.

Auch andere allzu kritische Kritiker sollen Post von Atari bekommen haben: Dem US-Spieleblog "Kotaku" zufolge zwei Spieleseiten aus Norwegen, und "Shacknews" zufolge ein weiteres Web-Angebot aus den Niederlanden. Zu den Aktivitäten anderer europäischer Atari-Niederlassungen könne man nichts sagen, erklärt Atari Deutschland hierzu.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Unternehmen wegen seines Umgangs mit der Fachpresse in die Kritik gerät: Auch im Zusammenhang mit dem Rennspiel "Driv3r" gab es vor einigen Jahren Wirbel wegen schwer zu erklärenden Punktwertungen und allzu enthusiastischen Beiträgen in Spieleforen.

Im Fall "Alone in the Dark" jedenfalls strebt Atari nun eine "konstruktive Deeskalation an". Weitere juristische Maßnahmen gegen 4Players seien derzeit nicht geplant.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
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1. Kindergarten
plik 24.06.2008
Unglaublich, dass die schamlose Selbstinszenierung als "Opfer böser Unterdrückung" und "Bewahrer der Pressefreiheit" seitens 4Players nun auch noch Sendeplatz auf Spiegel Online bekommt. Beide Seiten, Atari und 4Players, haben sich in diesem Fall wie kleine Kinder benommen, die um einen Lolli streiten. Ataris Gemecker bezüglich des verfrühten Previews war sicherlich unangebracht. Die Anti-Atari-Kampange, angeführt von Herrn Luibl, wurde so peinlich inszeniert, dass ich mich als gelegentlicher 4Players-Leser schämen musste. Atari hat sich garnicht fein benommen, 4Players hat dabei sehr gerne mitgespielt.
2. Als ob das was Neues wäre ...
Torve der Trog, 24.06.2008
http://www.heise.de/tp/r4/html/result.xhtml?url=/tp/r4/artikel/22/22979/1.html&words=Abmahnung%20Forum&T=Abmahnung%20Forum Schon vor zwei Jahren wurde darauf hingewiesen, daß Firmen Internetforen, auf denen ihre Produkte oder Dienstleistungen kritisch beleuchtet werden, gerne mal mit Abmahnungen überziehen oder versuchen, sie gleich ganz dicht machen zu lassen. Wenn man vor Gericht tatsächlich argumentieren darf, dadurch würden Käufer davon abgehalten, ihr Geld für ein unausgereiftes Produkt auszugeben, wodurch dem Produzenten Gewinn verlorengeht und Mehrkosten entstehen, weil er sein Produkt bis zur Spielbarkeit entwickeln muß anstatt seine Kunden ein halbes Jahr als unbezahlte Betatester einzuspannen ... ja, wenn das hier bei uns rechtens ist: wieso soll sich Atari denn dann zurückhalten?
3. Presse
dbalzert, 24.06.2008
Zitat von plikUnglaublich, dass die schamlose Selbstinszenierung als "Opfer böser Unterdrückung" und "Bewahrer der Pressefreiheit" seitens 4Players nun auch noch Sendeplatz auf Spiegel Online bekommt. Beide Seiten, Atari und 4Players, haben sich in diesem Fall wie kleine Kinder benommen, die um einen Lolli streiten. Ataris Gemecker bezüglich des verfrühten Previews war sicherlich unangebracht. Die Anti-Atari-Kampange, angeführt von Herrn Luibl, wurde so peinlich inszeniert, dass ich mich als gelegentlicher 4Players-Leser schämen musste. Atari hat sich garnicht fein benommen, 4Players hat dabei sehr gerne mitgespielt.
Nur keine Presse, ist schlechte Presse....
4. Höchste Zeit...
homann5 24.06.2008
Zitat von plikUnglaublich, dass die schamlose Selbstinszenierung als "Opfer böser Unterdrückung" und "Bewahrer der Pressefreiheit" seitens 4Players nun auch noch Sendeplatz auf Spiegel Online bekommt. Beide Seiten, Atari und 4Players, haben sich in diesem Fall wie kleine Kinder benommen, die um einen Lolli streiten. Ataris Gemecker bezüglich des verfrühten Previews war sicherlich unangebracht. Die Anti-Atari-Kampange, angeführt von Herrn Luibl, wurde so peinlich inszeniert, dass ich mich als gelegentlicher 4Players-Leser schämen musste. Atari hat sich garnicht fein benommen, 4Players hat dabei sehr gerne mitgespielt.
Das sehe ich ein wenig anders. Der Bericht zeigt recht gut, wie kompliziert das Verhältnis zwischen Tester und Hersteller in der Spielebranche ist. Einerseits gibt es Fälle wie diesen, bei denen nicht vor dem Werbekunden gekuscht wird. Aber leider gibt es dann auch solche "seriösen" Magazine/Portale wie zum Beispel PC Games, bei denen der Werbekunde ganz klar Vorrang vor einem kritischen Test oder Bericht hat. Wertungen wie bei Gothic 3 oder zahlreichen EA-Titeln oder Vorberichte wie zu Hellgate: London untermauern das. Leider hat es aber zu lange gedauert, bis der zahlende Leser dahinter gekommen ist, die stetig sinkende Auflage und zunehmd kritische Kommentare zeigen aber, daß man sich das nicht länger bieten lassen will.
5. Spielekultur
Parias 24.06.2008
Das Thema ist uralt. Einerseits schreit die Spieleindustrie danach, ihre Produkte als "Kultur" verstanden zu wissen, um größere "künstlerische" Freiheiten bspw. in der Gewaltdebatte zu beanspruchen. Andererseits mag sie sich der "Kulturkritik" nicht stellen, weil schlechte Kritiken u.U. den Verkauf beeinträchtigen. Is halt doch ne Baller-Balla-Branche...
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