Politiker in "Second Life" Der US-Kongress wird virtuell

Im Onlinespiel "Second Life" gibt es seit gestern eine virtuelle Version des US-Kongresses. Die Amtseinführung der neuen Mehrheitsführerin wurde übertragen, ein Abgeordneter schwor das Netzvolk auf die politische Zukunft im Virtuellen ein. Dort aber macht man sich eigentlich viel lieber lustig über Politiker.

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Er sei der "Kanarienvogel im Kohlenschacht", sagte der Kongressabgeordnete George Miller zu den Anwesenden. Eine Vorhut also gewissermaßen, die erstmal testet ob es hier drin auch sicher ist, ob die Luft genug Sauerstoff enthält. So wie Bergleute das früher eben mit Vögeln machten. Miller aber ging es um einen ohnehin luftleeren Raum: Die virtuelle Welt "Second Life". Er ist die Vorhut der großen Politik.

Draußen wehten die US-Flaggen auf Halbmast – zur Erinnerung an den kürzlich verstorbenen Ex-Präsidenten Gerald Ford - drinnen saßen ein paar Avatare in hölzernen Sitzreihen und lauschten dem ersten virtuellen Auftritt eines echten Abgeordneten - im Onlinespiel. Auf Bildschirmen im Hintergrund des Miniatur-Kapitols aus Bits und Bytes lief die Amtseinführung der neuen Mehrheitsführerin im Repräsentantenhaus, der Demokratin Nancy Pelosi. Draußen stehen ein paar Pavillons mit Positionspapieren der Demokraten zu Themen wie "Nationale Sicherheit" und "Sozialstaat".

Miller, ebenfalls Demokrat, hat sich nachbauen lassen. Eine Marketingagentur hat ihm einen Avatar gebastelt, komplett mit grauem Abgeordneten-Anzug, weißem Schnurrbart und Brille. Der Avatar sieht dem echten Miller ziemlich ähnlich – das ebenfalls eigens konstruierte Kapitol dagegen ist relativ rudimentär: ein paar Säulengänge, ein paar Sitzreihen, Rednerpulte – und über allem eine Kuppel, die der des echten Kapitols in Washington nachempfunden ist: "Halbtransparent, so wie auch unsere Regierung sein sollte", kommentierte der Blogger Rik Santos Panganiban, der in "Second Life" unter dem Namen Rik Riel auftritt.

"Wichtiges Forum" für beide Seiten?

Es sei "ein historischer Tag", sagte Millers Spielfigur zu den im Auditorium verstreuten anderen Spielfiguren. Erstmals werde eine Frau als "Speaker of the House" eingeschworen, und erstmals "wird die Amtseinführung von Kongressmitgliedern und einer neuen Sprecherin in 'Second Life' stattfinden." Die virtuelle Welt "gibt uns Gelegenheit, mit Menschen zusammenzutreffen, die wir vertreten, die sich für die USA und den Kongress interessieren", so Miller weiter. "Second Life" könne sich zu einem "wichtigen Forum für beide Seiten" entwickeln, zum Austausch von Ideen und Vorschlägen, sagte der Avatar des Politikers hoffnungsvoll. Er ist nicht der erste: Ein paar Kongresskollegen haben auch schon Avatare, einer gab schon mal ein Interview in der Spielwelt.

Eigentlich ist dieses Spiel, das kein Spiel sein will, eher eine Art gigantischer Spielplatz für Erwachsene. In "Second Life" gibt es, anders als in der Politik, keine Regeln. Einzige Vorgabe ist, auch das anders als in der Politik, möglichst interessant zu sein. Kreativ bis irrsinnig sind deshalb die Bewohner, kreativ bis irrsinnig sieht die virtuelle Welt aus: Es gibt fliegende Inseln, psychedelisch flirrende Luftschlösser, Nacktbadestrände, an denen sich virtuelle Sonnenanbeter mit überdimensionierten Geschlechtsteilen tummeln (die sie vorher von einem guten Geschlechtsteilhersteller gekauft haben, denn ein Standard-Avatar in Second Life hat zwar ein Geschlecht aber keine primären Geschlechtsmerkmale).

Chinesische Niedriglohnarbeiter als Immobilienverwalter

Alles lässt sich dort modifizieren, vom virtuellen Eigenheim bis hin zur eigenen Körperform – immer vorausgesetzt, man ist bereit zu zahlen. "Second Life" ist kreativer Kapitalismus. Verkauft wird, was gefällt, sei's ein "Schwangerschafts-Bausatz" für den eigenen Avatar, Pixelsex oder ein virtueller Fallschirmsprung. Designer, Architekten und Immobilienmakler verdienen dort sogenannte Linden Dollars – und die können problemlos in echte US-Währung umgetauscht werden. Ein paar hundert Leute sollen schon leben können von "Second Life" – darunter eine Deutschchinesin aus Frankfurt, die Niedriglohnarbeiter im Reich der Mitte als virtuelle Projektentwickler für Standard-Immobilien beschäftigt. Ein gutes Geschäft machen dem Vernehmen nach auch virtuelle Prostituierte, die gut animierten Avatar-Sex anbieten.

Als "Kohlenschacht", wie Miller das formulierte, würden die derzeit mehreren Hunderttausend aktiven Bewohner "Second Life" aber wohl kaum bezeichnen. Andererseits ist die Analogie aus Sicht der Politik nicht ganz verkehrt: Wer sich ins Internet begibt, kommt darin nicht gleich um, aber vielleicht doch in Schwierigkeiten, wenn er sich nicht auskennt. Und "Second Life" ist Turbo-Internet, bevölkert von digitalen Turbo-Technojüngern aus dem Silicon Valley und anderswo.

Nancy Pelosi ist sowieso schon da

Als Zielgruppe für Vermarkter sind diese Leute ein Traum – wohlhabende early adopters mit einem Faible für Technologie und garantierten Multiplikator-Qualitäten. IBM und Dell, die Nachrichtenagentur Reuters und zahlreiche andere Firmen haben inzwischen "Second Life"-Niederlassungen, immer auf der Suche nach der Hipness, die eigene Produkte sexy machen soll. Ob aber schnurrbärtige Kongressabgeordnete, die über Handelsabkommen und Bildungspolitik reden möchten, dort ankommen?

Nancy Pelosi, der neue Star der Demokraten, kam übrigens nicht ins Virtuelle, obwohl das angekündigt worden war. Sie war dann mit dem Feiern der eigenen Amtseinführung wohl doch zu sehr beschäftigt.

Nancy Pelosi gibt es aber ohnehin schon in "Second Life" – und zwar gleich mehrfach. Ein paar Netz-Künstler haben sie nachgebaut, für einen virtuellen Lichtschwertkampf mit dem US-Komiker Stephen Colbert. In dem kurzen Clip wehrt Colbert ein paar Energie-Angriffe der Pelosi-Klone ab und verwandelt sich dann in einen Adler. Das sei sein Traum, hatte er am Ende einer Sendung einmal gesagt, in "Second Life" wurde er wahr. Colbert als Adler, das dürfte – jenseits aller politischen Überzeugungen - den Bewohnern besser gefallen haben als der Kanarienvogel aus Washington.



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