Posse: Schließbefehl für "Counterstrike"

Von Mathias Hamann

Die Computerspiel-Liga ESL sagt ein Turnier in Karlsruhe ab, die CDU triumphiert. Ein Sieg der Werte über den Ballerkram? Oder doch eher schnödes Wahlkampf-Provinztheater? Wir blicken hinter die Kulissen eines politischen Entscheidungsprozesses - und in die Untiefen eines Generationenkonfliktes.

Erster Akt
Karlsruhe, 5. Mai, Hauptausschuss des Gemeinderats
Eigentlich keine besonderen Vorkommnisse. Oberbürgermeister Heinz Fenrich verkündet unter dem Punkt "Sonstiges", dass die städtische Schwarzwaldhalle am 5. Juni für ein Computerspielturnier genutzt wird.

Geschafft: Pünktlich zur Kommunalwahl hat es die CDU Karlsruhe vollbracht, Teile der Jungwählerschaft zu mobilisieren - allerdings gegen sie
aktion-jugendkultur.de

Geschafft: Pünktlich zur Kommunalwahl hat es die CDU Karlsruhe vollbracht, Teile der Jungwählerschaft zu mobilisieren - allerdings gegen sie

Fein ist das, denn die Kommunen brauchen Geld. Doch seit dem 11. März, seit dem Amoklauf von Winnenden, ist ein Mietvertrag für eine E-Sport-Veranstaltung keine Routineentscheidung mehr, sondern politischer Zündstoff. Spitzenvertreter von Fenrichs Partei, der CDU, böllern gerade bundesweit nach Verboten aller möglichen Dinge außer Waffen. Die sind okay, weil sicher in Schützen- und Jägerhand - und die jagen bekanntlich Holzvögel oder alles, was sich im Wald bewegt, aber normalerweise keine Menschen. Anders als Computerspieler?

Auch der 64-jährige Heinz Fenrich sieht Spiele wie "Counterstrike" durchaus kritisch, setzt aber auf Diskussionsveranstaltungen statt Verbote. Fenrich: "Vertreter aller Fraktionen haben mich darin bestärkt."

Auch seine CDU-Fraktion. SPIEGEL ONLINE liegt das Protokoll der öffentlichen Sitzung vor, auf der die Entscheidung fiel. Dort heißt es: "Die CDU-Fraktion hält den vorgeschlagenen Weg für den richtigen."

Zweiter Akt
Berlin, 675 Kilometer von Karlsruhe, Bundestag
Ingo Wellenreuther, Karlsruher Gemeinderatsmitglied, aber als Bundestagsabgeordneter in dieser Woche nicht in seiner Heimat, erfährt vom geplanten Turnier. "Ich hab mich sofort aufgeregt," erinnert sich der ehemalige Staatsanwalt und Richter. Denn Spiele wie "Counterstrike" "sind Killerspiele und denen möchten wir in Karlsruhe kein Forum bieten." Schon gar nicht in einer städtischen Halle.

Was ein Killerspiel ist, wollen wir wissen. Wellenreuther kann das erklären: "Das erzeugt ein geiles Gefühl von Macht, dort geht es darum, so viele Menschen wie möglich umzubringen, der Spieler übt Selbstjustiz."

An dieser Definition stört sich der Oberbürgermeister Fenrich. Er sieht: Spiele nach Wellenreuthers Definition sind schon verboten. "Counterstrike" hingegen ist erlaubt, für Spieler ab 16 Jahre. Fenrich erscheint der Shooter als Actionspiel. Es erinnert ihn an einen Schwarzenegger-Film.

Das ficht Ingo Wellenreuther nicht an. Er will den Schließbefehl für die Veranstaltung. Das Problem: Seine eigene Fraktion hat gerade den Oberbürgermeister unterstützt. Für Wellenreuther offenbar eine der leider auftretenden Nebenwirkungen der Demokratie, wenn keiner auf sie aufpasst: "Das kann mal passieren, außerdem wurden sie mit der Tagesordnung überrollt und ich war an dem Tag nicht da."

Ein irgendwie verständlicher Lapsus also - aber bleiben die Werte der Partei denn nicht gleich, egal, wo Herr Wellenreuther gerade ist?

Dazu sagt er nichts. Aber seine Fraktion hat sich derweil zwecks Klärung an den Innenminister des Landes gewandt, Heribert Rech, CDU. Auch der will den Schließbefehl für die Veranstaltung.

Kurzes Zwischenspiel zur Überbrückung der Umbaupause
Doris Baitinger, Fraktionschefin der Karlsruher SPD: "Herr Wellenreuther soll doch im Bundestag die Gesetze verändern, wenn er ein Verbot der Spiele will."
Dort sitzt er im Innen- und Rechtausschuss.
Seine Antwort: "Daran arbeite ich."

Dritter Akt
Immer noch Karlsruhe, aber jetzt nur noch gefühlte 67,5 Kilometer von Berlin
Am 14. Mai hat sich die Stimmung gedreht, die CDU Karlsruhe fordert in einer Pressemitteilung das Verbot der Veranstaltung und möchte den Oberbürgermeister dabei unterstützen, auch diese "Killerspiele zu verbieten".

Eine deutlich schrägere Formulierung, als noch in der Vorwoche, als es hieß: "Man kann nicht die Kommunen schelten, wenn man seitens des Landes und des Bundes nicht die rechtlichen Vorgaben gibt."

Denn der OB kann die Spiele ja gar nicht verbieten, und er will das auch nicht. Besonders das Konzept der Eltern-Lan im Vorfeld des Turniers überzeugt den 64-Jährigen, da könnten Lehrer, Eltern, Skeptiker sich über die Spiele der Jugend informieren. Der Schirmherr der Eltern-Lan-Veranstaltungen heißt Armin Laschet, er ist Bildungsminister in Nordrhein-Westfalen, und natürlich auch von der CDU.

Auch andere halten nichts von Verboten: Younes Ouaquasse, der Vorsitzende der Schüler-Union, ist dagegen, so wie Philipp Missfelder, der Chef der Jungen Union, Präsidiumsmitglied der CDU und Bundestagsabgeordneter. Der Kölner OB Fritz Schramma (CDU) eröffnete im letzten November gar die World Cyber Games. Die selbsternannte Olympiade der Dukaten-Daddler lud auch die besten "Counterstriker" der Welt zum Duell.

"Da bin ich froh, dass ich in der CDU Karlsruhe bin," entgegnet Ingo Wellenreuther, als wir ihn am Telefon darauf hinweisen, wie uneinheitlich sich seine Partei präsentiert. Starke Worte. Ein Mann mit Mission?

Doris Baitinger von der Karlsruher SPD scheint das zu glauben: "Herr Wellenreuther möchte der nächste Oberbürgermeister werden und nutzt diese Angelegenheit, um sich von seiner Konkurrentin Margret Mergen abzusetzen."

Denn die beaufsichtigt die Gesellschaft, welche die Stadthalle verwaltet. Sie hätte also als Erste aufschreien müssen, als der Mietvertrag unterschrieben wurde. "Er schlägt hier mehrere Fliegen mit einer Klappe", erklärt Doris Baitinger, "er grenzt sich vom OB ab, gibt der CDU-Fraktion ein eigenes Profil mit konservativen Werten und drängt seine Konkurrentin ins Abseits."

"Unsinn," entgegnet Ingo Wellenreuther, "ich möchte im September wieder in den Bundestag."

Außerdem gehe es ihm um die Sache. 2007 trat der Bundestagsabgeordnete Ingo Wellenreuther übrigens in Mannheim als Kandidat für den Chefsessel im Rathaus an. Er landete bei rund 32 Prozent.

Vierter Akt
Karlsruhe, hinter den Kulissen

Vertreter des Turnierveranstalters ESL reisen nach Karlsruhe und suchen den Dialog. Christian Brand, in Lohn und Brot beim ESL-Ausrichter Turtle Entertainment und Sprecher der Liga, erinnert sich: "Da waren alle Fraktionen, viele haben kritische Fragen gestellt."

Nur von der CDU-Fraktion waren nicht so viele da: "Aber die haben uns knallhart gesagt: Mit ihnen gibt es das Turnier nicht."

Nur Oberbürgermeister Fenrich opponiert zu diesem Zeitpunkt noch gegen seine eigene Fraktion: "Die ESL macht das seit sieben Jahren, in zahlreichen anderen Städten."

So wie kürzlich in Offenbach, dort konstatierte das Jugendamt: " Ein Rapkonzert wirkt aggressiver."

Trotzdem liegt Karlsruhe im Trend. Wie immer, wenn irgendwo ein Waffennarr auf Mordtour geht, wächst der Druck, mediale Inhalte zu verbieten. Früher ging es dabei um Filme und Videos, heute um Videospiele. Das für Karlsruhe geplante Turnier sollte ursprünglich in Stuttgart stattfinden. Auch dort wurde es verboten.

Fünfter Akt
Sondersitzung der CDU Karlsruhe
Die Luft wird dünn für OB Heinz Fenrich, düstere Wolken ziehen über der Schwarzwaldhalle auf: Die CDU Karlsruhe beruft eine Sondersitzung des Gemeinderats ein. Der soll beschließen, den Mietvertrag für die Veranstaltung zu kündigen. Der Veranstalter Turtle Entertainment aber hat keine Lust auf diesen Schließbefehl und darauf, zum Futter für eine "Stadt wehrt sich erfolgreich gegen Killerspiel-Veranstaltung"-Meldung zu werden. Sie sagt ihr Turnier ab.

"Treffen für Ballerspiele abgesagt" berichtet der "Kölner Stadtanzeiger" am Folgetag. Aufgrund der "Stimmungslage in der Bevölkerung", erklärt OB Heinz Fenrich dort, habe man sich mit dem Veranstalter geeinigt, von der Veranstaltung abzusehen. "Wir sind zum Spielball der Politiker geworden", zitiert das Blatt dagegen Christian Brand, Sprecher des verhinderten Veranstalters. In einer Pressemitteilung seiner Firma heißt es: "Es wird deutlich, dass die große Distanz zu unserer Jugend und den neuen Medien einen schweren Generationskonflikt offenlegt."

Nachspiel
Hinter den Kulissen ist sich Fenrich mit SPD-Frau Doris Baitinger ziemlich einig. Beide fragen sich: Wenn wir mit Verbieten anfangen, wo hören wir da auf?

Gute Frage. Wir machen dem Gemeinderats- und Bundestagsabgeordneten Ingo Wellenreuther ein paar Vorschläge: Wie wäre das zum Beispiel mit den Schießbuden bei der Kirmes am Wochenende? Was ist mit den Schützenvereinen der Stadt, die Zuschüsse aus der Stadtkasse bekommen?

"Das", sagt Ingo Wellenreuther, "ist ein ganz anderes Thema."

Vielleicht auch ganz andere Wähler? Am 7. Juni wählt Karlsruhe den neuen Gemeinderat und das Europaparlament.

Vor den Kommunalwahlen kommt aber noch einmal Stimmung auf, eine "Aktion Jugendkultur" hat eine Demonstration bei der Stadt Karlsruhe angemeldet. Die Organisatoren um den selbsterklärten "E-Sport-Liebhaber" Norman Schlorke (19) rechnen mit 500 bis 1000 Teilnehmern. So viel politisches Engagement von Jungwählern hat Karlsruhe lange nicht mehr erlebt.

Am Freitag, dem ursprünglichen Termin des Zocker-Turniers, marschieren sie durch Karlsruhe. Auf ihrer Web-Seite schreiben die Initiatoren: "Wir wollen nicht als Sündenböcke herhalten müssen, damit die Politik ein hübsches Thema für ihren Wahlkampf hat!"

Los geht's um 18 Uhr.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 100 Beiträge
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1. Sport ist nun mal Mord
tetaro 03.06.2009
Sport ist immer irgendwie formalisierte Gewalt, zur Ableitung entsprechender Impulse ist er ja irgendwie auch da. Menschen praktizieren oder schauen sich auch ungestraft Boxen, Rugby, Fechten, Sportschießen an - letztendlich ritulaisierte Kampf- und Tötungshandlungen. Die Fixierung auf Computerspiele ist äußerst bequem für Wenigdenker und kommt der deutschen Eigenart zugute, immer irgendetwas oder - jemanden zu brauchen, das/der Schuld ist. Ein Land, in dem alles verboten ist, und in dem wir in geschlossenen Tanks geschützt von der Welt leben, sollte das wirklich das Ziel sein?
2. toll :)
freqnasty, 03.06.2009
ich finde das klasse. die cdu glaubt, ihre rentner-klientel auf diese art und weise begeistern zu können, und hofft wohl darauf, daß die heute jüngeren bei späteren wahlen vergessen haben, was früher ablief. ich denke, da liegt die cdu falsch. von mir aus kann die cdu noch viel härter gegen uns junge polemisieren, und gern computerspieler mit päderasten in einen topf werfen, je doller sie es tut, desto heftiger wird die quittung sein, die ihr dafür bevorsteht.
3. Schließbefehl für Counter-Strike
AlbertGeorg 03.06.2009
Da sieht man mal wieder was Richter von Gesetzen halten!!
4. Eine Schande für die IT Stadt Karlsruhe
Iceflyer, 03.06.2009
Ich denke die CDU tut sich mit so einer Haltung keinen Gefallen. Karlsruhe ist die IT Stadt in Deutschland mit der höchsten Dichte an Internetanschlüssen. Karlsruhe hat den weltweit größten Stadtwiki etc.pp Viele IT-Firmen haben ihren Sitz dort, inklusive einer großen Informatikfakultät. Das sind jede Menge Leute, die in Ihrer Jugend das ein oder andere Killerspiel konsumiert haben und die nun zum Wohlstand der Stadt beitragen. Die CDU vergrault damit ein großes Stimmenpotential.
5. Bequemlichkeit...
ColdDayInTheSun 03.06.2009
Ich schrieb dem genannten Herren Wellenreuther mal die Frage ob er in seiner Funktion als ehrenamtliches Mitglied des KSC mal sich angeschaut hat was während eines Spiels alles in einem Fanblock passiert... Bengalos, Beleidigungen gegnerischer Spieler und Schiedsrichter die weit unter die Gürtellinie gehen, Gewalt... Es gibt keinen Jugendschutz im Stadion, dort tritt eine Verrohung an den Tag... aber nein, dieser Sache wird millionenschwer ein neues Stadion mitfinanziert, und die ach so gewalttätigen schlimmen bösen Computerspieler werden ausgesperrt. Man muss sich fast schon dafür schämen was hier in der Stadt für ein populistischer Kommunalwahlkampf ausgefochten wurde, und die meisten Schaumschläger hoffen wohl deutschlandweit immer noch darauf, das eben die "Computerspieler" und "Internetjunkies" eine Zielgruppe ist auf die man problemlos einschlagen kann, da sie ja nicht durch eine starke Lobby vertreten ist... *kopfschüttelt*
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