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"Second Life"-Tagebuch: Sponto hat ein Identitätsproblem

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Der SPIEGEL-ONLINE-Avatar hat in der virtuellen Welt "Second Life" erste Bekanntschaften gemacht: einen Avatar mit einer seltsamen Behinderung und einen Hyänenwolf. Außerdem kann Sponto inzwischen lachen - hat aber ein schwerwiegendes Identitätsproblem.

Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die bisher erschienenen Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier

Ich habe jetzt eine Freundin. Sie heißt Mony und hat eine etwas bizarre Behinderung, die sie einem unbedachten Impulskauf verdankt. Trotzdem ist sie eine heitere junge Dame. Aber dazu später mehr. Erstmal sind ein paar grundsätzliche Virtualitäts-Fragen zu klären im Zusammenhang mit dem Satz "Ich habe jetzt eine Freundin".

Erstens: "Ich"? Ich habe beschlossen, zu Sponto "ich" zu sagen, das geht ja sonst alles durcheinander, Sponto hier, ich dort. Es wird aber Ausnahmen geben müssen, zum Beispiel in Situationen wie "ein einäugiges Alien bietet X Cybersex an", da werde ich dann doch lieber "Sponto" für X schreiben statt "mir". So viel Avatar-Distanz muss sein. Ich habe einen Avatar – was hat eigentlich mein Avatar? Ein Herrchen? Einen Betreiber?

Zweitens: "Eine FreundIN". Ich habe auch beschlossen, weibliche Avatare als Frauen, männliche als Männer und, nun ja, Hyänenwölfe als Hyänenwölfe zu betrachten (auch dazu später mehr). Das wiederum kollidiert eigentlich mit dem ersten Beschluss, weil Sponto ja ein weiblicher Avatar ist, ich dagegen … – aber egal. Virtuelle Welten, das ist jetzt schon klar, sind ein bisschen wie Zeitreise-Geschichten: Ein bisschen Paradoxon bleibt immer übrig, da kann man machen, was man will.

Zurück zu Mony. Ich traf sie in einem stillen Amphitheater an einem einsamen Strand. Eigentlich sollte dort eine Diskussionsveranstaltung zum Thema Mondlandung stattfinden, organisiert vom Magazin "Wired". Im "Second Life"-internen Terminplan stand als Startzeit "7 pm", aber weder Mony noch ich wussten, welche Zeitzone da gemeint war, offenbar im Gegensatz zu allen anderen Interessenten. Deshalb waren wir allein dort. Ich fasste mir ein Herz und sprach, genauer: chattete Mony an. Weil ich wissen wollte, warum sie eine mächtige Fatboy-Harley auf dem Schoß hatte.

Und weil ich mich ein bisschen einsam fühlte – ich war zuvor nur durch sehr verlassene Gegenden gestreift, hatte in einem leeren Club allein getanzt, in leeren Kinos und an einsamen Whirlpools gesessen. Die einzigen Avatare, die ich traf – ein paar spärlich bis gar nicht bekleidete Frauen, die auf schwebenden Kissen zu meditieren schienen – hatten auf meine Kontaktversuche nicht reagiert. Zicken.

"Das Motorrad klebt an meinem Bein"

"Hi", sagte ich und Sponto machte dabei Klavierspiel-Gesten mit den Händen (das machen die Avatare immer, wenn man tippt). "Was gibt's?", antwortete Mony (der Name der Figur steht im "Second Life" praktischerweise über dem Kopf jedes Avatars). So kamen wir ins Gespräch, fast wie im richtigen Leben, nur dass sie eine entfernt weibliche Figur mit weißem Kittel, rotem Kopf und einem weíßen Ring statt eines Gesichtes war, und ich eine magere Cyberpunk-Lady mit blauschillernden Augäpfeln. Ich fragte nach dem Motorrad auf ihrem Schoß und Mony sagte "das habe ich für 15 Linden-Dollar gekauft – ich dachte, ich könnte damit fahren. Aber jetzt klebt es an meinem Bein und ich kriege es nicht mehr ab".

Um das zu demonstrieren, stand Mony auf und ging ein paar Mal auf und ab. Bei jedem Schritt marschierte die Harley mit, als fester Bestandteil von Monys linkem Oberschenkel. Ich musste lachen (in Wirklichkeit) und suchte dann hektisch im entsprechenden Aufklapp-Menü nach dem "Lachen"-Befehl, um auch Sponto lachen zu lassen. Ein paar Basis-Animationen bekommt man bei der Geburt mit (auch das fast wie im richtigen Leben). Man muss nur schnell mit der Maus sein oder Tastatur-Shortcuts kennen, um sie abzurufen.

Vom Lacherfolg offenbar ermutigt, sagte Mony: "Ich habe auch noch ein Reuters-Werbeplakat, das ich auf dem Kopf tragen kann" und auf ihrem Kopf erschien in der Tat ein seltsames Objekt, das wohl irgendwo in "Second Life" (SL) aufgestellt worden war, um für die virtuelle Niederlassung der Nachrichtenagentur Reuters zu werben. Alles, was man bei sich trägt (die unsichtbaren Taschen eines Avatars sind geräumiger als der Schnabel von Pelle dem Pelikan in den "Petzi"-Büchern), kann man auch anziehen, tragen, anlegen - kurz mit dem Avatar verknüpfen.

"Damit Sie mal was anderes sehen als Sex"

Der Gesamteffekt war umwerfend, besonders, als Mony auch noch begann, mit Harley und Kopfputz Tanzschritte zu machen und Pirouetten zu drehen. "Ich bin schon aus einigen Clubs geflogen deswegen", sagte sie, und ich weiß leider nicht, ob das ein Witz war.

Jedenfalls ist Mony, die in Wirklichkeit angeblich in London lebt und nach unserem Plausch zurück an die Arbeit musste, nun meine Freundin. Offiziell und im Gedärm des SL-Netzes vermerkt und abgelegt. Ich kann sehen, wenn sie online ist, und ihr ganz einfach Nachrichten schicken. Sponto könnte inzwischen noch einige Freunde mehr haben, denn mehrere Leser von SPIEGEL ONLINE haben sie (oder mich?) in SL aufgespürt und freundliche Einladungen geschickt, zur Freundschaft oder bloß zu einer Führung, "damit Sie mal was anderes sehen als bloß Sex". All diesen Lesern sei hiermit gedankt, ich werde mich bei Gelegenheit melden und auf die freundlichen Angebote zurückkommen.

Nicht gedankt sei denen, die laut "buuh" riefen, als Sponto durch eine unachtsame Kollision mit einem privaten Sicherheitszaun unversehens wieder in den zu dieser Zeit ziemlich vollen Startbereich teleportiert wurde. So wird man hier unliebsame Besucher los, wenn man zu den Privilegierten gehört, den Grundbesitzern – schwupps, ist der Eindringling wegteleportiert: dahin, wo die ganzen Idioten mit den hässlichen Standard-Avataren ankommen. Aber vielleicht haben die Buh-Rufer ja auch gar nicht mich gemeint. Vielleicht war das bloß wieder soziale Paranoia.

Sicherheitszaun durchbrochen: Zurück auf Los

Ein Gutes hatte der unfreiwillige Ausflug zurück auf Los: In dieser Gegend halten sich auch viele auf, die einfach nur nett sein und Neulinge an die Hand nehmen wollen. Wolfe zum Beispiel. Der sieht sehr beeindruckend aus: Er ist ein großes, schwarzes, pelziges Wesen mit einer Art Atemmaske im Gesicht, aus der bei jedem virtuellen Schnaufer bläulicher Dunst hervorquillt. Auf seinem Rücken dreht sich unablässig eine Aufzieh-Schraube wie bei einem Kinderspielzeug. "Ich entwickle meinen Avatar ständig weiter", verriet mir Wolfe und gab mir ein Päckchen, in dem "Nützliches für Newbies" steckt. Ein paar sogenannte Notecards mit Tipps zur optimalen Welt-Erkundung stecken darin, aber auch geheimnisvolle Objekte wie die "Kugel des Niemals-untätig-Seins".

Zu Wolfe sagte ich, das sei aber sehr human von ihm, hier so freundlich den SL-Stümpern zu helfen. Er räusperte sich, peinlich berührt von meinem Faux-pas, und erwiderte, human gebe es bei ihm nicht. Höchstens wölfisch. Genauer gesagt: hyänenwölfisch. Oder wolfhyänisch, das wisse er auch nicht so genau. Immerhin: Sponto ist hier nicht die einzige mit Identitätsproblemen.

Auf einer der Tipp-Karten stand auch, dass man hier jederzeit die Sonne aufgehen lassen kann, wenn's einem mal zu dunkel sein sollte. Das muss ich nächstens unbedingt ausprobieren. Was wohl passiert, wenn da in der gleichen Gegend einer Sterngucken will und ein anderer braun werden? Gut, dass es in "Second Life" keine Landwirtschaft gibt.

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1.
Spiritogre, 24.01.2007
Habe bisher nur davon gelesen und ein paar Screenshots gesehen. Die Grafik ist noch so gerade okay und als virtueller Chatraum macht die Sache sicher Spaß, weniger Spaß ist, dass man richtiges Geld loswird wenn man im Spiel Sachen kauft. Ich denke aber das Konzept ist Ausbaufähig, schon in richtigen Onlinespielen verbringen die Spieler viel Zeit mit gemeinsamer Kommunikation anstelle des Spielens und ein Second Life ist am Ende auch nichts anderes als eine virtuelle Puppenstube oder Playmobil, nur dass man mit ganz vielen Leuten zusammen spielen kann.
2.
DJ Doena 24.01.2007
Ich hab ein zweites Leben im Netz, ja. http://www.google.de/search?hl=de&q=%22DJ+Doena%22+OR+%22DJDoena%22&btnG=Google-Suche&meta= Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 10.600 für "DJ Doena" OR "DJDoena". (0,40 Sekunden) Dafür brauch ich aber kein komisches Spiele-Programm. Mir reichen die Webforen, die es im Netz zuhauf gibt.
3.
Artax, 25.01.2007
So interessant das ganze Konzept auch klingt - ich sehe hier wie auch in vielen anderen Teilen des Internets (World of Warcraft, Chats etc...) eine große Suchtgefahr für den Menschen. Leider wird das noch viel zu wenig diskutiert. Von einer reinen Verlagerung der Interessen von der realen in die virtuelle Freizeitgestaltung will Ich in dieser Form nicht sprechen. Da kommt auf unsere Gesellschaft noch ein dickes Problem zu (wenn Sie es nicht sogar schon hat). Interessanter Link : www.onlinesucht.de Artax
4. Artikel ist peinlich...
Alexander Wiggin, 25.01.2007
---Zitat von sysop--- Auch schon Erfahrungen gesammelt in "Second Life"? Wie gefällt es Ihnen in der virtuellen Welt? ---Zitatende--- Nach lesen des Artikels ""SECOND LIFE"-TAGEBUCH" über Sponto im Sexshop dachte ich mir: Typisch Medien. Der Artikel ist in etwa so, wie ein Artikel wäre, der eine Spaziergang durch das Rotlichtviertel von Hamburg beschreibt und zum Ausdruck bringt, dass wohl ganz Hamburg so aussieht. Aus Neugier hatte ich das 2nd Life auch mal ausprobiert - vor ein paar Tagen. Meine Erfahrungen: Der Besuch im "International Space Flight Museum" war sehr interessant. Ich habe mir einen Überblick über die Raumfahrt der letzten 50 Jahre gemacht. Die Mondlandekapsel und das Space Shuttel habe ich mir in Ruhe von innen angesehen. Dann noch eine halbe Stunde NASA-TV angeschaut. Über die Mailingliste (freiwillig) habe ich eine Einladung für Samstag zu einem Interviewtermin zu einem neuen Radioteleskop bekommen. Beim zweiten Besuch war ich im Planetarium und habe mir die Legende/Geschichte der Casiopaia angeschaut. Dann war noch der Besuch in der Ausstellung über Wahrnehmung. Dort habe ich etwas über Farbenblindheit gelernt und konnte sogar sehen, wie sich Farbenblindheit auswirkt. Weil ich auch einmal ein Auto probieren wollte war ich dann noch im grpßen Freebie Warenhaus und habe mir dort kostenlos ein Auto, ein Motorrad, ein Hubschrauber, eine Yacht, Flügel und neue Klamotten besorgt. Also ehrlich... mein Bericht ist weniger reißerisch, kommt dafür der Wahrheit wohl näher. Oder?
5. Werbung für Second Life
Axelino, 25.01.2007
Der x.-te Artikel in SPON zum Thema Second Life. Warum wird hier so massiv Werbung dafür betrieben? Die Grafik von SL scheint mir eher dürftig zu sein, und 3D-Communities gibts auch schon länger, wie z.B. von moove. Ich denke, wer ein zweites Leben braucht kommt irgendwie mit dem ersten nicht so recht klar.
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