Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Second Life"-Tagebuch: Sponto kauft sich Haut und Haar

Von

Der "Second Life"-Avatar von SPIEGEL ONLINE sah verdammt uncool aus. Offenbar. Deshalb war Sponto jetzt einkaufen. Und zwar richtig, unter professioneller Anleitung. Jetzt ist Sponto so sexy, dass es ihr selbst ein bisschen unheimlich ist.

Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier.

Eigentlich wollte ich ja nicht mitmachen. Hässlich bleiben wollte ich, mit blass-konturloser Haut, krakeliger Plasmafrisur und einem blauen Eigenbau-Gewand. Ein rudimentärer Avatar sollte Sponto sein und bleiben, sich heraushalten aus dem ganzen "Second Life"-Konsumterror. Jetzt hab ich mich doch überreden lassen. Jetzt ist Sponto schön. Viel zu schön eigentlich.

Schuld daran ist Juliet. Sie ist eine von den vielen äußerst attraktiven Frauen hier, mit einer verwirrenden Vielfalt ständig wechselnder Garderoben, Haarschnitte und Accessoire-Kombinationen. Eine wandelnde Modezeitschrift gewissermaßen, oszillierend zwischen Fetisch, Jeansmode und Popstar-Outfit. Manchmal hat sie Flügel, und manchmal weiße Stacheln auf dem Kopf. Jetzt ist mir endgültig klar, warum die Avatar-Namen immer über den Köpfen eingeblendet sind – bei der ständigen Umzieherei verlöre man seine Gesprächspartner sonst innerhalb von Minuten aus den Augen.

"Furchtbare Newbie-Orte"

Juliet betreibt einen kleinen Schmuckladen, in dem es rotierende Halsbänder, Gyroskop-Ohrringe und andere nur im Virtuellen tragbare Accessoires gibt, die sie selbst herstellt. Er heißt, um mal ein bisschen Schleichwerbung zu machen, "Bitter Thorns". Juliet beherrscht nicht nur die Klaviatur des Erschaffens und Animierens, sie kennt sich auch aus mit hip und uncool in SL.

Deshalb war sie ein bisschen peinlich berührt von den "furchtbaren Newbie-Orten", an denen sich Sponto bislang so herumgetrieben hatte (Newbie ist ein schönes Schimpfwort aus dem Internet 1.0, damals, als man auch noch ständig von der Wichtigkeit von "Netiquette" redete).

Jetzt hat Juliet mich zum Einkaufen mitgenommen (und mich, das sei hier ganz offen zugegeben, mit 2500 Linden Dollar ausgestattet, weil mein Geld gar nicht für all das gereicht hätte, was ich offenbar so brauchte, um nicht mehr wie ein Vollidiot auszusehen - allein die Haut kostete 1500$). Ich fühlte mich ein bisschen wie ein Mädchen vom Dorf, das von einer Discoqueen an die Hand genommen wird zum Shoppen. Wie Julia Roberts in "Pretty Woman".

Zuerst, erklärte mir Juliet, brauchte ich eine neue Haut. Meine alte war blass und konturlos und ohne Schatteneffekte – "peinliche Newbie-Haut", wie Juliet sagte. Die neue verwandelte Spontos Comic-Gesicht zunächst in eine grauenhafte Fratze mit Monsterlippen und Lidschatten-Schluchten über den Augen. Dann gab mir Juliet ein neues Gesicht – und zack, sah ich aus wie die vielen Modepüppchen hier, bloß blasser (aber besser schattiert als vorher). Shoppen ist gefährlich einfach: Ein Klick auf das Bild eines Produktes an der Wand, noch einer auf "Kaufen" – und wenn das Geld reicht, wandert das Ausgewählte schwupps ins eigene Inventar, sei es eine neue Haut oder nur ein Gürtel.

Das alte Gesicht ist weg!

Dummerweise hatte ich es versäumt, mein altes, hässliches, aber ja dann doch mühevoll erschaffenes Gesicht zu speichern. Jetzt ist es weg! Nur in den alten Screenshots wird die hässlich-knochige Sponto weiterleben. In der virtuellen Gegenwart ist sie zum Schönsein verdammt.

Juliet kannte keine Gnade: Wie im Rausch teleportierten wir uns von einem glamourösen Shop zum nächsten, kauften eine neue Frisur mit haariger aussehendem Haar (den blauen Irokesenschnitt ließ ich mir aber nicht ausreden), neue Augen, die ähnlich gruselig aussehen wie Spontos alte, aber eben schicker, einen Cyberpunk-tauglichen schwarzen Mantel mit Pelzkrägelchen und dazu passende Biker-Boots mit Schnallen an der Seite (die Männer-Variante, die Damenstiefel fand ich dann doch zu zierlich).

Zur Abrundung schenkte mir Juliet einen ihrer im Dunkeln leuchtenden, animierten Gyroskop-Ohrringe, ein rotierendes Halsband und passende Armbänder. Und weil Spontos Vorbild, die Cyberpunk-Killerin Molly aus William Gibsons "Neuromancer" ausfahrbare Stahlklauen an den Händen hat, gab mir Juliet auch noch solche. Jetzt sehe ich sexy aus, aber gefährlich.

Von der Landpomeranze zum coolen Mädchen

Ich gebe zu: Das hat wirklich Spaß gemacht. Viele Frauen wären überhaupt nur wegen der Mode hier, sagt Juliet – ein virtueller Kleiderschrank wird ja nie voll, und man kann ihn jederzeit bei sich tragen! Und dass ich jetzt sicher besser behandelt würde. Obwohl ich mich bisher eigentlich nicht über schlechte Behandlung beklagen konnte.

Außerdem ist und bleibt all das natürlich geborgte Coolness. Eben sah ich noch genauso dämlich und schlecht informiert aus, wie ich wirklich bin. Wie die Landpomeranze mit Tennisschuhen und Karottenjeans in der In-Disco. Jetzt habe ich Angst, trotz veränderter Optik einen peinlichen Faux-pas zu begehen, wie Eliza Doolittle in "My fair Lady" - schickes Kleid aber auf der Rennbahn den Pferden "Ick streu dir Pfeffer in'n Arsch!" hinterherschreien.

Äußerlich bin ich eins von den coolen Mädchen – aber ich könnte selbst immer noch kein cooles Mädchen von einer Landpomeranze unterscheiden. Mein modisches Bezugssystem bleibt unterentwickelt.

So unterentwickelt, dass ich mir fast mein altes, hässliches Spontogesicht zurückwünsche. Vielleicht beule ich das hübsche neue bei Gelegenheit ein bisschen aus.

Diesen Artikel...
Forum - Haben Sie auch ein "Zweites Leben"?
insgesamt 615 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Spiritogre, 24.01.2007
Habe bisher nur davon gelesen und ein paar Screenshots gesehen. Die Grafik ist noch so gerade okay und als virtueller Chatraum macht die Sache sicher Spaß, weniger Spaß ist, dass man richtiges Geld loswird wenn man im Spiel Sachen kauft. Ich denke aber das Konzept ist Ausbaufähig, schon in richtigen Onlinespielen verbringen die Spieler viel Zeit mit gemeinsamer Kommunikation anstelle des Spielens und ein Second Life ist am Ende auch nichts anderes als eine virtuelle Puppenstube oder Playmobil, nur dass man mit ganz vielen Leuten zusammen spielen kann.
2.
DJ Doena 24.01.2007
Ich hab ein zweites Leben im Netz, ja. http://www.google.de/search?hl=de&q=%22DJ+Doena%22+OR+%22DJDoena%22&btnG=Google-Suche&meta= Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 10.600 für "DJ Doena" OR "DJDoena". (0,40 Sekunden) Dafür brauch ich aber kein komisches Spiele-Programm. Mir reichen die Webforen, die es im Netz zuhauf gibt.
3.
Artax, 25.01.2007
So interessant das ganze Konzept auch klingt - ich sehe hier wie auch in vielen anderen Teilen des Internets (World of Warcraft, Chats etc...) eine große Suchtgefahr für den Menschen. Leider wird das noch viel zu wenig diskutiert. Von einer reinen Verlagerung der Interessen von der realen in die virtuelle Freizeitgestaltung will Ich in dieser Form nicht sprechen. Da kommt auf unsere Gesellschaft noch ein dickes Problem zu (wenn Sie es nicht sogar schon hat). Interessanter Link : www.onlinesucht.de Artax
4. Artikel ist peinlich...
Alexander Wiggin, 25.01.2007
---Zitat von sysop--- Auch schon Erfahrungen gesammelt in "Second Life"? Wie gefällt es Ihnen in der virtuellen Welt? ---Zitatende--- Nach lesen des Artikels ""SECOND LIFE"-TAGEBUCH" über Sponto im Sexshop dachte ich mir: Typisch Medien. Der Artikel ist in etwa so, wie ein Artikel wäre, der eine Spaziergang durch das Rotlichtviertel von Hamburg beschreibt und zum Ausdruck bringt, dass wohl ganz Hamburg so aussieht. Aus Neugier hatte ich das 2nd Life auch mal ausprobiert - vor ein paar Tagen. Meine Erfahrungen: Der Besuch im "International Space Flight Museum" war sehr interessant. Ich habe mir einen Überblick über die Raumfahrt der letzten 50 Jahre gemacht. Die Mondlandekapsel und das Space Shuttel habe ich mir in Ruhe von innen angesehen. Dann noch eine halbe Stunde NASA-TV angeschaut. Über die Mailingliste (freiwillig) habe ich eine Einladung für Samstag zu einem Interviewtermin zu einem neuen Radioteleskop bekommen. Beim zweiten Besuch war ich im Planetarium und habe mir die Legende/Geschichte der Casiopaia angeschaut. Dann war noch der Besuch in der Ausstellung über Wahrnehmung. Dort habe ich etwas über Farbenblindheit gelernt und konnte sogar sehen, wie sich Farbenblindheit auswirkt. Weil ich auch einmal ein Auto probieren wollte war ich dann noch im grpßen Freebie Warenhaus und habe mir dort kostenlos ein Auto, ein Motorrad, ein Hubschrauber, eine Yacht, Flügel und neue Klamotten besorgt. Also ehrlich... mein Bericht ist weniger reißerisch, kommt dafür der Wahrheit wohl näher. Oder?
5. Werbung für Second Life
Axelino, 25.01.2007
Der x.-te Artikel in SPON zum Thema Second Life. Warum wird hier so massiv Werbung dafür betrieben? Die Grafik von SL scheint mir eher dürftig zu sein, und 3D-Communities gibts auch schon länger, wie z.B. von moove. Ich denke, wer ein zweites Leben braucht kommt irgendwie mit dem ersten nicht so recht klar.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Shopping: Sponto kauft sich Klamotten


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: