"Second Life"-Tagebuch Sponto stürzt ins Leere

Sponto, der SPIEGEL-ONLINE-Avatar in "Second Life" lässt sich jetzt von Lesern an die Hand nehmen. Diesmal zeigte ihm eine Pixelschönheit namens Sophie eine verwunschene Insel. Anschließend stürzte Sponto sich von einer Planke in luftiger Höhe in die Tiefe - und schlug sehr hart auf.

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Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier.

Beim ersten Mal war der Aufschlag wirklich hart. Mit dem Gesicht auf einen gefliesten Boden, aus ein paar Hundert Metern Höhe – das hätte übel ausgehen können. Zum Glück sind Avatare hart im Nehmen, aber demütigend war es trotzdem. "Splat!", hat der "E-Fallschirm" das kommentiert, was ich dann doch ziemlich dreist fand.

Schließlich war ER ja derjenige, der nicht aufgegangen war. Überhaupt wird man in "Second Life" ständig von irgendwelchen unbelebten Gegenständen angequatscht, meistens "flüstern" sie, was immer besonders aufdringlich wirkt. "Nimm an dieser Tour teil", raunen sie, oder sie schreien "Tolles Gewinnspiel hier!!". Zum Glück immer nur in Textform, aber trotzdem lästig, wenn man sich gerade tippenderweise unterhalten will.

"Tibetanisch-buddhistisches Base Jumping"

Zurück zum Absturz: Eigentlich hatte ich mit Sponto mal ein bisschen Extremsport ausprobieren wollen, nämlich "Tibetanisch-buddhistisches Base Jumping". Gefunden habe ich diese Attraktion dank der freundlichen Hilfe der SL-Bewohnerin namens Sophie: Eine ausgiebig proportionierte junge Dame mit einem rosa Kleidchen und sexy Schnürsandalen hatte sich meiner ein bisschen angenommen, mir zum Beispiel eine Insel gezeigt, auf der es Pflanzen gibt, die angeblich wirklich wachsen (mit der üblichen semantischen Unschärfe, die das Wort "wirklich" hier umgibt).

Nach einem geführten Rundflug über diese wirklich schöne Insel Varga (dort gibt es auch ein Trommelstudio und eine SL-Comicsammlung) hatte sie mir zum Abschied ein Päckchen mit den Adressen interessanter Orte geschenkt, was ich wieder mal enorm freundlich fand. SL ist nicht nur, was immer wieder mal geschrieben wird, ein Hort des galoppierenden Pixelkapitalismus.

"Es gibt hier eine Menge Open-Source-Zeug", hatte mir der nette Hyänenwolf Wolfe neulich erkärt, und er hat recht: Es gibt Unmengen von Sachen umsonst hier, meinen flauschigen weißen Schweif zum Beispiel, diverse Publikationen, Klamotten in Hülle und Fülle, und sogar ganze Häuser. Und eben diese Päckchen mit nützlichen Sachen, von Adresslisten bis hin zu virtuellen Fallschirmen – auch wenn letztere eben ein bisschen vorlaut sind. Viele Menschen basteln Dinge, entwerfen Attraktionen und stellen Hilfeleistungen zur Verfügung – ganz umsonst.

Ohne Geschlechtsteile an den FKK-Strand?

Umsonst sollte auch das "Tibetanisch-buddhistische Base Jumping" sein, und weil der Nacktbadestrand mal wieder überfüllt war und man sich deshalb nicht dorthin teleportieren konnte, entschied ich mich eben für den Sprung in die Tiefe. Außerdem habe ich mich vorerst gegen den Kauf von Geschlechtsteilen entschieden und ich bin mir nicht sicher, ob man da nicht einen Faux-pas begeht, so als Barbiepuppe im Nudistencamp.

Auf einer überdachten Holzplattform irgendwo im virtuellen Himmel kam ich heraus, gemeinsam mit einem (echten) Freund beziehungsweise seinem Avatar. Gemeinsam mit anderen macht SL viel mehr Spaß, soviel ist klar. Wir legten die kostenlosen Fallschirme an, die dort herumlagen, balancierten auf eine virtuelle Planke ins Nichts und stürzten uns hinunter. "Tibetanisch" sollte wohl die Architektur der Plattform sein, "buddhistisch" vielleicht die Zen-hafte Ruhe des freien Falls, keine Ahnung. Egal, der Werbespruch hatte funktioniert.

Von einem kleinen Barbesuch vorher hatte ich beim Sprung noch einen Drink samt Limonenscheibe in der Hand. Trinken ist im ersten Leben deutlich befriedigender als in SL (dafür kosten die Cocktails hier nichts und man kann auch nach acht Gläsern noch nach Hause fahren), aber mich mit einem Gin Tonic in der Hand von einer tibetanisch-buddhistischen Schwebeplattform zu stürzen fand ich dann doch auf dandyhafte Weise lässig. Sponto nippte sogar noch im freien Fall am Glas (virtuelle Drinks kann man nicht verschütten). Vielleicht braucht sie demnächst mal einen Gehstock mit Silberknauf oder so. Einen einer Cyberpunk-Lady-angemessenen, der im Dunkeln bläulich schimmert vielleicht … Da haben wir's: So schnell entstehen hier Bedürfnisse.

Jedenfalls fielen und fielen wir, ich verlor meinen Freund irgendwann aus den Augen, schwebende Inseln mit Hubschrauberlandeplätzen und Barbapapa-Gebäuden sausten vorbei - und dann: "SPLAT!". Der Fallschirm war nicht aufgegangen und machte sich auch noch lustig über mich.

Glücklicherweise hatte ich ja die Teleport-Adresse der tibetanischen Plattform im Nichts, sprang wieder dorthin und beamte meinen Freund Jay gleich hinterher. Auch das ist sehr praktisch: Weil man sich nämlich sobald man nicht langsam spaziert sondern fliegt – oder eben fällt – in kürzester Zeit aus den Augen verlieren kann in SL kann man sich mit zwei Klicks jederzeit wieder zusammenfinden, per "Teleport-Einladung". Das ist eine Funktion, die ich zum Beispiel für Familienausflüge in Fußgängerzonen oder fürs Skifahren auch im realen Leben gern hätte.

Wie ein Sommernachmittag im Freibad mit 13

Ein bisschen wie Ski- oder Schlittenfahren fühlte sich dann auch das tibetanische Klippenspringen irgendwann an, wir schrien "über die Planke mit ihm" und solche Sachen, sprangen ins Nichts, freuten uns, dass die Fallschirme dann doch aufgingen, wenn man lang genug gefallen war, ohne auf ein schwebendes Hindernis zu stoßen und beamten uns anschließend wieder zurück an den Start. Natürlich ist das albern, und eine erwachsenen Menschen absolut nicht angemessene Tätigkeit, aber, mal ehrlich, das gilt für Base Jumping im echten Leben auch (dort ist es außerdem lebensgefährlich).

Später lungerten wir noch ein bisschen an einem fremden Swimming-Pool herum und machten Salti vom Dreimeterbrett (wobei "machten" hier wieder in dem eher losen Sinne zu verstehen ist, der den oft fremdgesteuerten Avatar-Bewegungen hier leider eigen ist). Das alles wäre allein langweilig, lächerlich und irgendwie traurig gewesen. Zu zweit hatte es die Qualität eines Sommerferien-Nachmittages mit 13.

All jenen, die sich jetzt wieder denken "wären sie mal lieber zusammen in ein richtiges Schwimmbad gegangen" sei gesagt: Sie leben vermutlich noch in einer virtuellen Welt, in der man seinen Arbeitsplatz und seine Stammkneipe 50 Jahre lang behalten konnte. Hier drüben bei uns teleportiert ein Fluch namens "Mobilität" Menschen, die sich mögen, gern auch mal an entgegengesetzte Enden des Landes, manchmal auch des Planeten. Da kommt einem so ein bisschen gemeinschaftliches Klippenspringen – und sei die Landschaft noch so rudimentär und der Fall noch so ruckelig - unter Umständen durchaus gelegen. Trotz renitenter Fallschirme.



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Seite 1
Spiritogre, 24.01.2007
1.
Habe bisher nur davon gelesen und ein paar Screenshots gesehen. Die Grafik ist noch so gerade okay und als virtueller Chatraum macht die Sache sicher Spaß, weniger Spaß ist, dass man richtiges Geld loswird wenn man im Spiel Sachen kauft. Ich denke aber das Konzept ist Ausbaufähig, schon in richtigen Onlinespielen verbringen die Spieler viel Zeit mit gemeinsamer Kommunikation anstelle des Spielens und ein Second Life ist am Ende auch nichts anderes als eine virtuelle Puppenstube oder Playmobil, nur dass man mit ganz vielen Leuten zusammen spielen kann.
DJ Doena 24.01.2007
2.
Ich hab ein zweites Leben im Netz, ja. http://www.google.de/search?hl=de&q=%22DJ+Doena%22+OR+%22DJDoena%22&btnG=Google-Suche&meta= Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 10.600 für "DJ Doena" OR "DJDoena". (0,40 Sekunden) Dafür brauch ich aber kein komisches Spiele-Programm. Mir reichen die Webforen, die es im Netz zuhauf gibt.
Artax, 25.01.2007
3.
So interessant das ganze Konzept auch klingt - ich sehe hier wie auch in vielen anderen Teilen des Internets (World of Warcraft, Chats etc...) eine große Suchtgefahr für den Menschen. Leider wird das noch viel zu wenig diskutiert. Von einer reinen Verlagerung der Interessen von der realen in die virtuelle Freizeitgestaltung will Ich in dieser Form nicht sprechen. Da kommt auf unsere Gesellschaft noch ein dickes Problem zu (wenn Sie es nicht sogar schon hat). Interessanter Link : www.onlinesucht.de Artax
Alexander Wiggin, 25.01.2007
4. Artikel ist peinlich...
---Zitat von sysop--- Auch schon Erfahrungen gesammelt in "Second Life"? Wie gefällt es Ihnen in der virtuellen Welt? ---Zitatende--- Nach lesen des Artikels ""SECOND LIFE"-TAGEBUCH" über Sponto im Sexshop dachte ich mir: Typisch Medien. Der Artikel ist in etwa so, wie ein Artikel wäre, der eine Spaziergang durch das Rotlichtviertel von Hamburg beschreibt und zum Ausdruck bringt, dass wohl ganz Hamburg so aussieht. Aus Neugier hatte ich das 2nd Life auch mal ausprobiert - vor ein paar Tagen. Meine Erfahrungen: Der Besuch im "International Space Flight Museum" war sehr interessant. Ich habe mir einen Überblick über die Raumfahrt der letzten 50 Jahre gemacht. Die Mondlandekapsel und das Space Shuttel habe ich mir in Ruhe von innen angesehen. Dann noch eine halbe Stunde NASA-TV angeschaut. Über die Mailingliste (freiwillig) habe ich eine Einladung für Samstag zu einem Interviewtermin zu einem neuen Radioteleskop bekommen. Beim zweiten Besuch war ich im Planetarium und habe mir die Legende/Geschichte der Casiopaia angeschaut. Dann war noch der Besuch in der Ausstellung über Wahrnehmung. Dort habe ich etwas über Farbenblindheit gelernt und konnte sogar sehen, wie sich Farbenblindheit auswirkt. Weil ich auch einmal ein Auto probieren wollte war ich dann noch im grpßen Freebie Warenhaus und habe mir dort kostenlos ein Auto, ein Motorrad, ein Hubschrauber, eine Yacht, Flügel und neue Klamotten besorgt. Also ehrlich... mein Bericht ist weniger reißerisch, kommt dafür der Wahrheit wohl näher. Oder?
Axelino, 25.01.2007
5. Werbung für Second Life
Der x.-te Artikel in SPON zum Thema Second Life. Warum wird hier so massiv Werbung dafür betrieben? Die Grafik von SL scheint mir eher dürftig zu sein, und 3D-Communities gibts auch schon länger, wie z.B. von moove. Ich denke, wer ein zweites Leben braucht kommt irgendwie mit dem ersten nicht so recht klar.
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