Serious Games Ballerspiel hilft im Kampf gegen Krebs

Computerspiele unterstützen Kinder bei der Krebstherapie, Ergotherapeuten motivieren Patienten mit Spielstunden an Nintendos Wii. Solche Anwendungen beigeistern bei der Serious-Games-Konferenz auf der Cebit sogar erklärte Game-Gegner.

Von Mathias Hamann


Susanne Wolters möchte Roxxi haben. Die Kinderärztin und selbst erklärte "militante Game-Gegnerin" sitzt im Publikum der Konferenz über ernsthafte Computerspieler auf der Cebit, sie lauscht den Erzählungen über die Shooter-Heldin Roxxi. Die schwebt in ihrem silbernen Roboterkampfanzug durch eine blutige Welt voller Gedärme. Monster haben diese Welt angegriffen und wollen sie vernichten - Roxxi soll das verhindern. Also pustet die silbrige Fliegerin die Monster zu Pixelbrei.

Ihre Waffen dabei: Nicht AK-47, nicht Raketenwerfer sondern Laxativa, besser bekannt als "Abführmittel". Roxxi ist der Nanoroboter im Spiel "Re-Mission". Mit 4,5 Millionen Dollar Sponsorengeldern entwickelte die kalifornische Firma HopeLab - gegründet von Pam Omidyar, Frau des eBay-Gründers Pierre Omidyar - ein Killerspiel für krebskranke Kinder. Die Idee: Die kleinen Patienten steuern einen Krebskillerkrieger durch einen virtuellen Körper, dabei bekämpfen sie verschiedene Tumorarten von Leukämie bis zum Gehirnkarzinom.

Killerspiele gegen Krebs

Die virtuellen Erfolge wirken sich anschließend auf die reale Therapie aus: Die Kinder nehmen ihre Medikamente regelmäßiger, denn sie verstehen die Wirkung und den Grund für Medikamente wie Abführmittel. Töten für die Therapie? "Unsere Studien sprechen eindeutig für den Erfolg", erklärte Ellen LaPointe von HopeLab in ihrem Vortrag, "die Kinder haben sich intensiv mit ihrer Krankheit beschäftigt, machen besser mit und haben sogar eine erhöhte Konzentration der Medikamente im Blut als eine Vergleichsgruppe."

Kinderärztin Susanne Wolters will den Krebskiller-Shooter auch haben und ihn einsetzen: "Das muss es doch auf Deutsch geben," da will sie gleich mal mit ihrem Bruder reden. Der heißt Olaf Wolters und arbeitet beim Bund für Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU), dem Konferenzveranstalter: "Früher waren ernsthafte Spiele meist langweilig, aber langsam gibt es immer mehr, die Spaß machen." Und nicht nur das, sie können sogar therapeutische Erfolge unterstützen.

Wolters hat seiner Schwester bereits eine Wii-Konsole für ihre Klinik organisiert. "Die Wii motiviert Kinder zur Bewegung," berichtet er. Susanne Wolters erzählt: "Die Wii holt die Kinder aus den Betten, auch total demotivierte." Auch die US-Army setzt Nintendos Umsatzrakete zur Rehabilitation ein (zum Einsatz der Wii in der Reha siehe Kasten unten).

Wird es Konsolen irgendwann auf Rezept geben? Bruno Kollhorst lächelt bei der Frage. Der Vertreter der Techniker Krankenkasse sagt entschieden nein, um dann aber einzuschränken: "Als Teil anerkannter Behandlungen wie einer Spieltherapie vielleicht schon." Eine Wirksamkeit müsste dann aber erst wissenschaftlich bewiesen werden. Anschließend könne eine solche Behandlung Teil des Leistungskataloges werden.

Reha-Therapien sollen Spaß machen

Schon heute verfolgt er interessiert die Versuche von Ralf Heindorf. Der therapiert im Reha-Zentrum Friedehorst Patienten mit Lesestörungen. Seine Spiele erinnern jedoch an Bewerbungstests. Statt bunter 3D-Grafik gibt es Zeichenwolken, in denen ein bestimmter Buchstabe zu erkennen ist: "Die Entwickler der Software haben immer wieder gesagt, da muss mehr Spaß rein, aber ich habe sie gebremst", erklärt der Psychologe. Darf Therapie keinen Spaß machen? "Sie sollte", widersprich Ulrich Götz aus Zürich, "dann ist sie erfolgreicher, denn alles, was wir mit Freude machen, machen wir lieber."

Die Studenten des Professors für Gamedesign basteln gemeinsam an Spielen, mit denen Sozialverhalten eingeübt werden kann. Die Entwürfe, die "Miips", erinnern an Tamagotchis in 3D, und sie funktionieren auch so: Die Figuren brauchen Zuspruch und Pflege, dann sind sie freundlich. "Bisher sind wir aber nicht über den Anfang hinausgekommen", sagt Götz. Langfristig kann er sich vorstellen, Games zu entwerfen, die Menschen mit Verhaltensstörungen beeinflussen können. Was das bedeutet, darüber sinniert Peter Vorderer dann in einer Konferenzpause: "Wenn wir herausfinden, dass und wie Spiele Menschen verändern, dann hat das nicht nur positive Folgen."

Der Deutsche forschte als Psychologie-Professor an der University of Southern California und arbeitet heute an der Freien Universität Amsterdam über den Einfluss und die Wirkung von Games. Er prophezeit: "Wenn man Gutes durch Spiele lernen kann, kann man auch Schlechtes lernen, wie zum Beispiel Gewalt – das wird Vielen nicht gefallen."

Daran glaubt auch Kinderärztin Susanne Wolters - aber Killerspiele, die Krebs heilen helfen, mag sie.

Korrektur: Der Psychologe, der am Reha-Zentrum Friedehorst Patienten mit Lesestörungen therapiert, heißt Ralf Heindorf und nicht, wie im obigen Artikel ursprünglich zu lesen war, Oliver Wächter. Letzterer hat die Software entwickelt. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.