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Shooter "Killzone 2": Alien-Schlächter romantisieren die Weltkriege

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Die neuesten Science-Fiction-Shooter wie "Killzone 2" sehen aus, als spielten sie im Ersten Weltkrieg. Und ihre Plots sind in etwa so clever wie die von "Landser"-Heftchen aus den Fünfzigern. Das Problem ist, dass die Erwachsenenspiele von heute oft nicht nur brutal, sondern auch platt und dämlich sind.

Der Krieg im Kinderzimmer hat zu Recht längst keine Lobby mehr. Seit Beginn der Siebziger schwand zunehmend die Bereitschaft, den eigenen Kindern Plastikpanzer oder Spielzeugsoldaten unter den Weihnachtsbaum zu legen.

Heute aber wird wieder mit Begeisterung Krieg gespielt. Und zwar mit den gleichen Freund-Feind-Schemata wie anno dazumal. Der Shooter "Killzone 2", auf den die ganze Spielewelt mittlerweile seit fast vier Jahren sehnsüchtig wartet, zeigt das erneut: Er ist technisch brillant - und in etwa so smart wie ein "Landser"-Heftchen aus den Fünfzigern.

Zinnsoldaten wurden im 18. Jahrhundert populär, aber so richtig in Gang kam das Geschäft mit dem gespielten Krieg erst im 19. Jahrhundert, mit dem Triumph der Nationalstaaten. Dass Jungs mit Soldätchen, Holzgewehren, Miniaturuniformen und anderem Kriegsgerät spielten, wurde damals mit Stolz und Freude begrüßt. Krieg fürs Vaterland war ein guter, pädagogisch wertvoller nationaler Zeitvertreib. Den Kaiser und seine Generäle freute es, und 1914 ließen sich die jungen Männer in Scharen begeistert in die Schützengräben schicken.

Planetarer Patriotismus als Rechtfertigung fürs Töten

Zwei Weltkriege und eine sexuelle Revolution später wurde der Kampf einer Nation gegen die andere als Rechtfertigung fürs Töten dann irgendwann unpopulär. Sterben fürs Vaterland hat an Beliebtheit verloren. Sieht man sich aber aktuelle High-End-Produktionen der Spielebranche an, beschleicht einen das Gefühl, der nächste Weltkrieg stünde wieder unmittelbar bevor. Nur dass die Gegner diesmal aus dem All kommen und nicht von jenseits des Rheins.

In Videospielen gibt es die klaren Freund-Feind-Schemata von damals noch. Dabei werden Spiele heute für globale Zielgruppen gemacht, alles andere lohnt sich nicht. Man hat sich deshalb auf zwei Arten von Konsens-Feinden geeinigt: Es wird entweder gegen böse Nazis gekämpft (gute Shooter-Tradition seit "Castle Wolfenstein") oder gegen böse Aliens oder Monster (gute Shooter-Tradition seit "Doom"). Um Kopfschüsse mit so etwas wie Stolz vergüten zu können, wird ein planetarer Patriotismus beschworen. Ein tumber Plot braucht eine Welt, die so schwarz-weiß ist wie "Der längste Tag".

"Doom" meets Verdun

In "Killzone 2" (Playstation 3), das am 25. Februar auf den Markt kommt, vorwärtsverteidigt der Spieler mit seinen Kameraden die Erde mit einer Invasion gegen die Helghast, eine Alien-Rasse, die sogar auf ihrem Heimatplaneten stets mit Atemschutzmasken anzutreffen ist. In "Resistance 2" (Playstation 3) wird eine Fünfziger-Jahre-Erde gegen anrückende Aliens mit zu vielen Augen und langen Zähnen verteidigt. Und in "Gears of War 2" (Xbox 360) zersägen voluminöse Weltraum-Marines muskelbepackte Kämpfer aus dem All. Technisch sind alle drei brillant: Wer Spaß am Stresslevel eines Landsers in einem virtuellen Kriegsgebiet hat, wird sie mögen.

Die viele Millionen Euro teuren Science-Fiction-Kriege der Game-Gegenwart weisen eine frappierende Ähnlichkeit zueinander auf - und zu den Kriegen der irdischen Vergangenheit. Stets wird mit Standard-Arsenalen gekämpft: Sturmgewehr, Pistole, Granate, Panzerabwehrrakete. Stets sind die weltraumreisenden Angreifer mit oft höchst konventionellen Waffen ausgerüstet, gehen auf zwei Beinen und bedienen Schusswaffen mit zwei Armen.

Aliens sind auch nur Nazis, bloß größer

Sicher, immer gibt es auch: Strahlenwaffen, Riesenmonster, gehende, rollende, fliegende Riesenroboter, Über-Gegner, größer als der normale Alien-Landser, manchmal mit noch mehr Augen, manchmal mit nur einem. Insgesamt aber sind die Angreifer aus dem All aufgepumpte Versionen der Bösen aus den Kriegsfilmen der guten alten Zeit. Ohne jede Ironie bedient sich die Branche zudem der Ikonografie der Weltkriege (siehe Bilderstrecke oben). Aliens sind auch nur Nazis, bloß größer. Blöd am echten Zweiten Weltkrieg ist aus Spieleentwickler-Sicht ja vor allem, dass man da schlecht Riesenroboter auftauchen lassen kann. Vielleicht haben die Entwickler des neuesten "Call of Duty" deshalb am Ende als Gag wenigstens Nazi-Zombies eingebaut.

Für "Gears of War" wurde sogar das Bajonett wiederbelebt. Zeitgemäß, versteht sich, als ins Sturmgewehr integrierte Kettensäge nämlich, mit der sich Gegner im Nahkampf entzweischneiden lassen. "Doom" meets Verdun. Was, das nebenbei, der Grund dafür sein dürfte, dass das Spiel in Deutschland gar nicht erst auf den Markt kam, weder Teil eins noch der vor kurzem erschienene Teil zwei.

Den Kaiser hätte's wohl gefreut

Der Erfolg aber gibt der Branche recht: All die mit gewaltigem Produktionsaufwand hergestellten Weltkrieg-mit-Aliens-Simulationen sind Verkaufsschlager. Das dürfte auch für "Killzone 2" wieder eintreten, das Spiel kommt bei der Fachpresse bislang gut weg. Von beeindruckender Grafik und fesselnder Atmosphäre ist die Rede.

Narrativ und ideologisch aber sind diese Titel auf dem Niveau eines Weltkriegsfilms aus den Fünfzigern: Böse Aliens als Gegner erlauben rassistische Ausbrüche im Off-Text, wie sie John Wayne sich damals auch gegenüber japanischen Komparsen noch leisten durfte. Das simple Gut-Böse-Schema macht das Töten zu etwas zweifelsfrei Richtigem. Die Handlung beschränkt sich auf eine vollständig willkürliche, einzig nach Schwierigkeit und Spektakelgröße geordnete Abfolge von "Einsätzen" - an deren Ende stets die Rettung der Welt steht.

Den Ausbruch aus diesem tumben Schema haben schon einige versucht, am erfolgreichsten Rockstar Games mit ihrer "Grand Theft Auto"-Reihe ("GTA"). Darin wird der Spieler stets zum gebrochenen Helden, zu einer ambivalenten Figur, deren Mordtaten nicht durch Globalpatriotismus zu rechtfertigen sind. Im eben erschienen Erweiterungspack "The Lost and the Damned" für "GTA IV" (Xbox 360) wird der Spieler zu einem Rocker, der sich mit einem drogenabhängigen Psychopathen als Chef herumschlagen muss - keine Rolle für John Wayne, eher eine für Sean Penn.

Gerade solche Titel werden von Zensur-Forderern und Spielefeinden stets als Paradebeispiel für die Verderbtheit des ganzen Mediums herangezogen - auch, weil die Mordopfer darin aussehen wie echte Menschen. Dabei gehören Rockstar-Titel in ihrer satirischen Ambivalenz zu den wenigen, die einen Schritt über das tumbe "Töten ist gut, solange es die richtigen trifft" der meisten Shooter hinausgehen.

Kaiser Wilhelm II. hätte "GTA" nicht verstanden. Dagegen hätte er an "Resistance 2", "Gears of War 2" und "Killzone 2" vermutlich seine helle Freude gehabt.

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Kriegsspiele: Zinnsoldaten und böse Aliens

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"The Lost and the Damned": GTA für Rocker

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