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Sony-E-Book-Reader: Lies lieber langsam

Tausende Bücher in der Jackentasche, Lesen wo und was man will: Als erster großer Konzern will Sony mit seinem E-Book-Reader PRS-505 die Lesegewohnheiten der Deutschen umkrempeln. Matthias Kremp hat sich in ein US-Exemplar des elektrischen Buchs eingelesen.

Von wegen Weiß. Da haben mir die Hersteller seit Jahren nicht weniger versprochen, als dass elektronische Tinte es künftig locker mit echtem Papier wird aufnehmen können und dann das: Was mir Sonys E-Book, das Anfang 2009 in die Läden kommen soll, da nach dem Einschalten präsentiert, ist alles andere als der Look von Büttenpapier. Wenn überhaupt, dann nur der von kräftig angegrautem Recycling-Zellstoffgewebe.

Lesen lässt es sich auf dem Display trotzdem vortrefflich. Die Buchstaben stehen tatsächlich wie gedruckt auf dem virtuellen Bogen. Eine Eigenschaft, die sie der Technik, die Sony bei seinem E-Book verwendet, verdanken. Als E-Ink, also elektronische Tinte, wird das bezeichnet und es verhält sich tatsächlich ein wenig wie echte Tinte.

Der Kontrast ist klasse, der Text aus jedem schiefen Blickwinkel lesbar, nicht einmal ansatzweise ist ein Flimmern sichtbar. Die Pixel nämlich, aus denen die Buchstaben zusammengesetzt werden, müssen nur kurz durch elektrischen Strom angeregt werden, um entweder einen weißen (oder was man eben weiß nennt) oder einen schwarzen Bildpunkt zu erzeugen. Danach behalten sie ihre Ausrichtung bei, bleiben wie gedruckt auf dem Bildschirm stehen, ohne Strom zu verbrauchen.

Diese Technik dürfte auch für die ausgesprochen üppige Akkulaufzeit verantwortlich sein. Mehrere tausend Seiten soll man digital umblättern können, bevor der Reader wieder an die Steckdose muss. Das kann dauern. Denn, was jedem der Kollegen, die den Reader ausprobieren durften, sofort auffiel, und was für reichlich Missfallen sorgte, war das Umblättern. Sekundenlang muss man warten, bis der PRS-505 endlich auf die Folgeseite umschaltet. Schnell mal eben ein paar Seiten durchblättern ist damit nicht drin. Digitales Lesen ist langsam.

Geduld ist gefragt

Während das bei Texten, die für die Verwendung als E-Book vorbereitet sind, noch erträglich ist, wird derselbe Vorgang bei bildbeladenen PDF-Dateien vollends unerträglich. Versucht man, ein DIN-A4-PDF, das zunächst als Vollbild angezeigt wird, auf ein lesbares Maß zu vergrößern, ist Geduld gefragt. Sekundenlang rechnet der digitale Lesehelfer vor sich hin, bevor er endlich seine Anzeige auffrischt.

Aber man muss mit dem Reader ja nicht immer nur lesen. Schließlich lassen sich die vielen vollkommen unbunten Pixel auch nutzen, um Fotos anzuzeigen. Aufrecht gestellt taugt der Sony sogar als digitaler Bilderrahmen. Allzu hohe Ansprüche an die Bildqualität sollte man freilich nicht stellen, dazu ist das Display zu grobpixelig, kann zu wenige unterschiedliche Graustufen abbilden. Auf einem ordentlichen Handy-Display sieht jeder Schnappschuss brillanter aus.

Kein Netzteil im Karton

Ebenso sollte man nicht auf die Idee kommen, den Reader mit einem MP3-Player zu verwechseln, nur, weil er MP3-Dateien abspielen kann. Denn die Musikwiedergabe beansprucht das Gerät dann doch so sehr, dass der Akku weit schneller als beim Lesen geleert wird. Ohnehin stehen nur MP3 sowie AAC als abspielbare Musikdatei-Formate zur Verfügung. Dumm ist das freilich nicht. Immerhin kann man sich sein Lesevergnügen auf diese Weise klanglich ein wenig untermalen.

Damit das anhält, braucht man allerdings ein wenig Zubehör. Ein Netzteil liefert Sony nämlich nicht mit, geht davon aus, dass man den Reader über die USB-Buchse seines Computers auflädt. Wer seinen Rechner nicht mit auf Reisen nimmt, muss das nur optional erhältliche Netzteil kaufen. Positiver Nebeneffekt: Per Netzteil ist der Akku doppelt so schnell wieder voll als via PC-USB-Buchse.

Eine Bibliothek zum Mitnehmen

Von Zeit zu Zeit wird man den PC dann aber doch brauchen. Sonys E-Book-Library-Software, die man braucht, um neue Bücher zu kaufen und auf das Gerät zu übertragen, gibt es nur für Windows XP und Vista. Mac- und Linux bleiben da außen vor. Mit der Software allerdings lässt sich so einiges an Textformaten auf den Sony-Apparat übertragen. Neben dem E-Book-Format BBeB (BroadBand E-Book) lässt er sich mit RTF, TXT und sogar Word-Texten füttern. Letztere muss die mitgelieferte Software allerdings erst passend umformatieren. Macht nix, geht schnell.

Den Speicher auf diese Weise voll zu kriegen, ist dagegen schwierig. Die rund 200 Megabyte interner Speicher reichen laut Sony, um 160 durchschnittliche Bücher mitzunehmen. Sollte das nicht genügen, lässt sich der Reader per SD-Karte oder Memorystick schnell, leicht und billig um ein paar Gigabyte aufstocken.

Eine neues Format für elektrische Bücher

Ob man die wirklich brauchen wird, soll kommende Woche auf der Buchmesse in Frankfurt geklärt werden. Dort will Sony bekanntgeben, auf welche Weise man sich hierzulande mit elektronischen Büchern für den Sony Reader wird versorgen können. Eine wichtige Rolle dürfte hierbei das ePub-Format spielen, zu dem der PRS-505 kompatibel sein soll. Dieses offene Format, das vom Open E-Book Forum entwickelt wurde steht allen Anbietern zur Verfügung, wurde auf den Buchhändlertagen im Mai 2008 als Standard-Format für E-Books empfohlen. Bleibt abzuwarten, wie viele Anbieter sich an diese Empfehlung halten und digitalen Lesestoff in diesem Format anbieten werden.

Davon wird auch abhängen, ob Sonys PRS-505 für die angepeilte Kundschaft, Vielleser und Reisende, überhaupt zu einer ernstzunehmenden Alternative zum Papier-Buch wird. Schließlich verhindert die Buchpreisbindung, dass digitale Schriften günstiger abgegeben werden als gedruckte. Wenn dann auch noch das Angebot mager ist, man nicht bekommt, was man sucht, sieht es schlecht aus für das elektrische Lesen.

Der Nachfolger steht schon am Start

In den USA hat es Sony da leichter gehabt. Beispielsweise mit einer Aktion, die derzeit Leser zum Sony Reader locken soll: Beim Kauf des Geräts gibt es einen Gutschein über 100 Literaturklassiker dazu. So kann man sich nicht nur den Speicher des Geräts vollstopfen, sondern bekommt Standards wie "Moby Dick" und "Krieg der Welten" quasi kostenlos ins Haus geliefert.

In den USA allerdings hat Sony auch schon die nächste Version seines E-Books vorgestellt, von der unklar ist, wann sie in deutsche Läden kommen wird. Dass ist schade, denn das PRS-700 genannte Gerät räumt zwei der größten Schwachstellen des 505 aus dem Weg: Es verfügt über LED-Lampen, die das Display auch ohne Nachttischlampe lesbar machen und wird per Touchscreen und Fingerstrich leichter als per Tastendruck bedient.

Schneller umblättern als sein Vorgänger kann das neue Modell aber nicht.

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Sony PRS-505: Der E-Book-Reader für Langsamleser


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