Spielkonsole Zeebo Daddeln für den Rest der Welt

Kleiner Preis, kleine Firma, große Ziele: Die Billig-Spielkonsole Zeebo soll digitale Unterhaltung in Schwellenländer bringen. Ein Team von nur fünf Mann entwickelte ein Gerät, das bald einen Milliardenmarkt erschließen soll - mit Handy-Chips statt Highend-Hardware.

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Im April soll es losgehen. Dann soll die Zeebo-Konsole zunächst in Brasilien eingeführt werden. 199 Dollar, also knapp 150 Euro, soll sie dort kosten. Im Preis enthalten sind vier vorinstallierte Spiele sowie ein fünftes, das sich die Kunden selbst aussuchen und herunterladen können. Wenn die Konsole später im Jahr auch in anderen Ländern auf den Markt kommt, soll der Preis auf 179 Dollar, in spätestens einem Jahr sogar auf 149 Dollar fallen.

Hört sich an wie ein Schnäppchenangebot aus dem Elektronik-Supermarkt, ist es aber nicht. Denn hierzulande wird man das neue Technikspielzeug nicht in den Regalen finden. Stattdessen soll mit den niedrigen Preisen die neue Mittelklasse in Schwellenländern zum digitalen Daddeln motiviert werden.

Diese Zielgruppe schätzt Zeebo-Chef John Rizzio ausgesprochen optimistisch ein. Es gebe "potentiell eine Milliarde neuer Konsumenten auf der Welt, von denen viele noch nie eine Spielkonsole zu Hause hatten", glaubt der Jungunternehmer. Die in den Industrienationen üblichen Modelle, Sonys Playstation 2 respektive 3, Microsofts XBox 360 und Nintendos Wii, wären für diese Kundschaft schlicht zu teuer. Nicht nur, weil ihre teils hochgezüchtete Hardware viel Geld kostet, sondern vor allem, weil die dazugehörenden Spiele viel zu teuer sind.

Genau dieses Problem soll die Zeebo nun lösen - aber das geht nun mal nicht, ohne dabei Abstriche zu machen. Die zeigen sich vor allem in der technischen Ausstattung der Konsole. Den aktuellen Konkurrenzmodellen hat die Zeebo nichts entgegensetzen. Ihre Fähigkeiten bewegen sich irgendwo zwischen denen der ersten beiden Playstation-Modelle von Sony, sagt Rizzio. Das entspräche in etwa dem Niveau von 1998. Schuld daran ist aber keineswegs veraltete Technik. Im Gegenteil: In der Zeebo werkeln topaktuelle Chips. Nur eben nicht die üblichen.

Das Kindle-Konzept dient als Vorbild

Statt auf etablierte PC- oder Konsolentechnik zu setzen, haben die Zeebo-Entwickler sich mit dem US-Chiphersteller Qualcomm zusammengetan. Dessen Technik wird sonst vornehmlich in Mobiltelefonen verwendet. Und aus genau diesem Bereich stammt auch die Technik der Zeebo. Das wichtigste Merkmal dabei sind Qualcomms MSM-Chips. Das Kürzel steht hier für Mobile Station Modem, grob übersetzt, Mobilfunkmodem. Und genau das zeigt auch, worin sich die Billigkonsole, neben ihrer geringen Leistung, von etablierten Modellen unterscheidet.

Denn durch den MSM ist der Internet-Zugang bei der Zeebo quasi schon eingebaut. Statt wie bei XBox 360, Wii und PS3 üblich, soll sie sich via Mobilfunknetz mit dem Internet verbinden. So sollen Kunden, denen entweder gar keine oder nur zu teure oder zu langsame Netzzugänge zur Verfügung stehen, einfach und schnell online gebracht werden.

Dass dieser Mobilfunk-Web-Zugang funktioniert, ist für die Konsole ausgesprochen wichtig. Aus Kostengründen wurde bei der Zeebo auf einen echten Massenspeicher verzichtet. Weder Festplatte noch CD- oder gar DVD-Laufwerk schmücken das schmucke Gerät. Statt über physische Medien sollen Spiele via Online-Verbindung auf das Gerät kommen. Damit folgt die Dritte-Welt-Konsole dem Vorbild des eBook-Lesegeräts Kindle, das via Mobilfunknetz mit Lesestoff versorgt wird (diesen dann allerdings speichert).

Billige Spiele statt Raubkopien

Der Vorteil für die Konsolenspieler: Ihr Zugang zum sogenannten Zeebonet ist vollkommen kostenlos. Weder Monats- noch Volumengebühren werden fällig. Umgekehrt erfordert das System aber eine gut ausgebaute und funktionierende Mobilfunk-Infrastruktur. Dem Hersteller zufolge sei die in den angepeilten Zielmärkten, also beispielsweise Indien, China und Brasilien, allerdings bereits erreichbar und günstiger nutzbar als kabelgebundene Breitbandverbindungen.

In Zukunft soll diese Netzanbindung von den Anwendern auch als normaler Internet-Zzugang genutzt werden können. Die Zeebo würde dann wie ein Modem zwischen PC und Datennetz agieren. Bis dahin können über das Netz ausschließlich Spiele heruntergeladen werden. Etwa zehn Dollar sollen dabei pro Titel fällig werden, erheblich weniger als die rund hundert Dollar, die man laut Rizzio für Spiele auf Datenträgern bezahlen muss.

Mit den günstigen Preisen soll Raubkopierern das Wasser abgegraben werden. Die Entwickler hoffen, dass der Komfort, sich Spiele zu kleinen Kosten direkt auf die Konsole zu laden, Zeebo-Kunden davon abhält, sich aus illegalen Quellen mit Nachschub zu versorgen. Offenbar ist es Rizzio gelungen, etliche Spieleentwickler von diesem System zu überzeugen. Unter anderem haben Electronic Arts, THQ, Namco und id Software Zeebo-Games angekündigt.

Ablösung für Uralt-Klassiker

Deren grafische Aufmachung wird freilich kaum mit dem mithalten können, was man etwa von PS3-Titeln gewöhnt ist. Schließlich rackert sich in dem Billigmodell ein lediglich 528 MHz schneller ARM-Mobilprozessor ab. Ihm stehen magere 128 MB Arbeitsspeicher und ein Gigabyte Flashspeicher zur Seite. Einen HD-Fernseher wird man für das Spielvergnügen auch nicht brauchen, sind die Grafikfähigkeiten des integrierten 3D-Chips doch bereits bei 640 mal 480 Pixel Auflösung ausgereizt.

Das mag sich für hiesige Verhältnisse dürftig anhören, soll laut Zeebo-Chef Rizzio in Schwellenländern aber dicke ausreichen. Als Argument gibt er an, in Brasilien sei bis heute Segas Mega Drive das beliebteste Videospielsystem - ungeachtet dessen, dass Sega diese Konsole in Japan bereits vor 21 Jahren eingeführt hat.

Aber genau das ist es vielleicht, was der Zeebo den Erfolg bringen könnte. Statt zu machen, was möglich ist, hat die Firma ein Gerät entwickelt, das nur das leistet, was seine potentiellen Anwender auch ausnutzen können. Und die werden wohl kaum nagelneue Flachbildfernseher und Surroundanlagen in ihren Wohnzimmern stehen haben. Stattdessen dürfte entlang der Ufer des Amazonas oder nahe der Strände von Goa wohl eher alte, aber bewährte Röhrentechnik vorherrschen.

Bleibt nur die Frage, ob man seine Tage dort tatsächlich mit dem Gamecontroller in der Hand vor dem Bildschirm verbringen will - oder kann.



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