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Spielleiter in Online-Games: Von Beruf Halbgott

Gamemaster sind die Aufpasser in Online-Rollenspielen. Sie können sich teleportieren, unsichtbar sein und manchmal sogar ein Leben retten. Doch eigentlich dürfen Gamemaster nicht über ihren Job sprechen. Dieser hier packt trotzdem aus.

"Gamemaster" - das klingt sogar heute noch irgendwie mystisch für mich. Dabei ist das ein Job, auf den man sich ganz normal bewirbt. Ich bin 29 Jahre alt und spiele "World Of Warcraft", seit es im Februar 2005 erschienen ist. Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich das erste Mal einen Gamemaster getroffen habe - das Spiel war noch in der Betaphase, und ich war ziemlich beeindruckt.

Es war ein Avatar in einem blauem Gewand, der plötzlich aus dem Nichts vor mir auftauchte. Er konnte Sachen, die niemand sonst in "WOW" kann. Zum Beispiel unsichtbar sein und sich an jeden beliebigen Ort in der Welt teleportieren, anstatt mühsam hinzulaufen wie normale Spieler. Außerdem war er unverwundbar und in der Lage, einfach alles über jeden Spieler herauszufinden - wie Neo am Ende von "Matrix".

Die Gamemaster überwachen, dass kein Spieler schummelt, helfen den Usern aber auch, wenn diese Fragen oder Probleme haben. Ich verbrachte gerade viel Zeit online und fand das natürlich unglaublich spannend. Also fragte ich ihn, wie man an diesen Job kommt, und er verwies mich auf die Webseite des Herstellers Blizzard. Dort war tatsächlich eine Stelle ausgeschrieben, die "Gamemaster" hieß und für die deutsche Muttersprachler gesucht wurden, die auch Englisch konnten. Bewerbung bitte zweisprachig und per E-Mail. Ich habe mich dann einfach mal beworben, nicht zuletzt aus Neugierde. Kurze Zeit später bekam ich eine Mail, in der stand, dass man gerne mal mit mir telefonieren würde. Mann, war ich aufgeregt. Im Endeffekt sprach ich dann mit einer Französin Englisch. Sie mit ihrem starken Akzent und ich mit meinem Schulenglisch. Ganz schön seltsam. Und dann hieß es, ich sei zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Die Flugkosten musste ich selbst tragen, aber das war mir egal. Ich wollte einfach wissen, was mich dort erwartet.

Blizzard sitzt in einem Vorort von Paris mitten in einem Gewerbegebiet. Dort gibt es sonst eigentlich nichts, weshalb die Gamemaster, die Nachtschicht haben, auch immer mit einem Shuttle gebracht und abgeholt werden, denn irgendwann fahren nicht mal mehr die Linienbusse. Mein Vorstellungsgespräch war auf Englisch, aber es waren einige Deutsche dabei, die mir halfen, wenn ich Schwierigkeiten hatte, die richtigen Wörter zu finden. Die Atmosphäre war locker, es gab einen Raum, in dem der Chef der Abteilung gegen einige Gamemaster Konsolenspiele spielte. In einem Großraumbüro saßen eine Menge Leute vor Bildschirmen und arbeiteten. Ich wollte diesen Job unbedingt. Als es zwei Wochen später dann hieß: "Du hast den Job", fühlte ich mich ziemlich komisch. Ich musste schließlich alle Zelte abbrechen und nach Frankreich ziehen, Freunde und Familie zurücklassen. Aber gleichzeitig war ich auch euphorisch und aufgeregt.

Blizzard stellt einem zuerst ein Hotel und bezahlt auch eine Agentur, die einem bei der Wohnungssuche hilft. Ich habe mir lieber selbst ein WG-Zimmer gesucht, damit ich nicht ganz alleine war. Meine Mitbewohner waren zwei Franzosen, die mit meinem Job überhaupt nichts zu tun hatten: Pierre, ein Maschinenbaustudent, und Marie, die im Marketing bei Renault arbeitete. Als ich eingestellt wurde, war das Spiel gerade neu auf dem Markt, und die Anfragen der "WOW"-User wuchsen der Firma bereits über den Kopf. Denn jeder Spieler hat einen Button, mit dem er bei Fragen oder Problemen die Hilfe eines Gamemasters erbitten kann. Deshalb waren massenhaft Stellen zu besetzen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es heute schwieriger ist, den Job zu bekommen. Aber damals waren sogar Leute dabei, die sich im Spiel noch gar nicht richtig auskannten. Ich selbst war nicht einmal auf Level 60, und andere mussten tatsächlich erst mal hauptberuflich daddeln, um sich in der Welt überhaupt zurechtzufinden.

Wir waren damals 50 Gamemaster, heute sind es 500. Lustig ist, dass die verschiedensten Menschen Gamemaster werden, weil alle Quereinsteiger sind. Ich erinnere mich beispielsweise an einen etwa 45-jährigen Kapitän aus Holland, der seinen Job verloren hatte. Der mochte das Spiel und hat einfach umgesattelt. Wenn man so hört, wie andere Leute sich Gamemaster vorstellen, beispielsweise als komplette "WOW"-Freaks, die gar keinen Bezug mehr zur Außenwelt haben, ist das ganz schön witzig. Denn jeder könnte Gamemaster sein, eine 25-jährige Studienabbrecherin ebenso wie ein 54-jähriger, der sein halbes Leben lang als Bäcker gearbeitet hat. Die meisten sind aber Ende zwanzig oder Anfang dreißig. Und von denen sind dann doch viele ganz typische Nerds.

Gruppenzoff und Selbstmorddrohungen

Man arbeitet in Teams mit etwa zehn Leuten. Zum Spielen bleibt natürlich keine Zeit, da man die ganze Zeit "Tickets", also Anfragen der User, bearbeitet - im Idealfall schnellstmöglich. Zu meiner Zeit war das teilweise ein bisschen schwierig, weil wir so wenige waren, aber mittlerweile ist das Team gut aufgestellt. Die Gründe, Tickets an Gamemaster zu schicken, sind ganz unterschiedlich. Mal steckt ein Spieler fest, weil er eine Klippe runtergefallen, aber nicht gestorben ist, und man muss ihn befreien. Mal gibt es Zoff in Gruppen, die gemeinsam einen Gegner erledigt haben und sich um die Beute streiten. Und manchmal passieren auch richtig ernste Dinge. Schlimm ist es, wenn ein User im Spiel seinen Selbstmord im echten Leben ankündigt. Gamemaster können alle Chats der User einsehen. Und wenn man über einen solchen Fall informiert wird, überprüft man den Spieler und seine Konversationen. Dann unterhält sich gegebenenfalls ein Teamleader mit ihm, während die Daten herausgesucht werden und die Polizei zu ihm nach Hause geschickt wird. Anfangs konnten die Polizisten, die wir verständigt haben, nicht so richtig damit umgehen: "Wie, Videospiel? Und da sollen wir jetzt hin?" Doch mittlerweile klappt die Zusammenarbeit gut, das Phänomen ist ja bekannt. Man schickt lieber einmal zu oft als einmal zu wenig jemanden vorbei.

Manchmal passieren auch Dinge, die man keinesfalls tolerieren kann. Rassistische Äußerungen oder sexuelle Belästigung führen zu einer sofortigen Sperrung. Da gibt es dann auch keine Verwarnung oder Zeitstrafe. Da wird der Account gleich dicht gemacht. Kleinere Vergehen wie harmlosere Zankereien werden mit Spielpausen bestraft. Manchmal sind es nur drei Stunden, aber wenn der betreffende Spieler just in diesem Moment seinen Charakter in vorderster Front in einem Kampf stehen hat, den er mit seinem Clan bestreitet, schadet das natürlich nicht nur ihm, sondern der ganzen Gruppe.

Drachen und Lichtschwerter

Ab und zu gibt es auch ganz unvorhergesehene Ereignisse. Wenn beispielsweise Spieler ein großes Monster bis in feindliche Städte locken. Das ist natürlich nicht vorgesehen, kommt aber ab und zu vor. In meinem Fall war es ein Drache, der dann in der Stadt herumgewütet hat, woraufhin sich Hunderte Spieler beschwerten, weil sie eigentlich in der Stadt sicher sein sollten. Wir haben überlegt, ob wir den Drachen einfach löschen sollten, uns dann aber zum Abwarten entschieden. Irgendwann waren genug Spieler mit hohem Level zur Stelle und haben ihn erledigt. Das war spannend und auch amüsant. Als Gamemaster kann man ja unsichtbar mitten im Getümmel stehen und zugucken.

Ein großes Problem momentan sind die Goldfarmer, die den ganzen Tag an einer Stelle stehen und immer wieder dieselben Gegner platt machen, nur um Gegenstände oder Gold abzugreifen, das sie hinterher bei Ebay verkaufen können. Das stört den Spielfluss für diejenigen, die tatsächlich gerne Quests erfüllen und richtig spielen wollen. Es gibt Gamemaster, die nur damit beschäftigt sind, solche Accounts dicht zu machen. Aber dem Problem ist nicht beizukommen. Solche Leute haben zehn oder mehr Spiele neben dem Rechner liegen und machen sofort den nächsten Account auf. Früher war ich strikt dagegen, dass Leute sich Gold kaufen, anstatt es sich wie alle anderen hart zu erspielen. Jetzt, wo ich einen anderen Job habe und wesentlich weniger spiele als früher, habe ich neulich selbst für 20 Euro 1000 Gold gekauft. Ich habe nicht mehr die Zeit, so viel zu spielen. Und um weiterzukommen, muss man bestimmte Dinge kaufen können, sonst tritt man wochenlang auf der Stelle. Als Gelegenheitsspieler kann ich alle, die ich früher für diese eher unsportliche Art des Spielens so verachtet habe, viel besser verstehen.

Überhaupt verändert sich die Wahrnehmung mit einem Wechsel der Perspektive ziemlich stark. Anfangs habe ich in meiner Freizeit neben der Arbeit noch sehr viel gespielt. Hinterher hatte ich da gar keine Lust mehr drauf. Wer "WOW"-süchtig ist, wird am einfachsten geheilt, indem er als Gamemaster arbeitet. Da ist man froh, wenn man mal was anderes sieht. Übrigens haben Gamemaster, wenn sie privat spielen, keinerlei Vorteile. Den unverwundbaren Gamemaster-Avatar hat man nur am Arbeitsplatz, privat spielt man seinen ganz normalen Charakter und muss sich jedes Gold oder jede Beute genauso schwer erarbeiten wie alle anderen auch. Es gibt aber im Büro ein lustiges Programm, mit dem man sich allerlei Zubehör basteln kann, um zu sehen, was möglich ist. Allerdings sollte man sich damit nicht unbedingt öffentlich zeigen, dann gibt es einen auf den Deckel. Ein Kollege von mir hat sich damals ein Lichtschwert gebaut und damit online angegeben. Kurze Zeit später kursierten Screenshots, und es hagelte Anfragen von Leuten, die das Schwert kaufen wollten. Und mittlerweile gibt es das sogar für alle. Der Kollege ist mit einem kleinen Rüffel davongekommen.

Auch ansonsten ist die Firma sehr verspielt. Wer fünf Jahre für Blizzard arbeitet, bekommt ein Schwert. Ich bin sicher: Einige sind nur noch dabei, weil sie scharf auf das Schwert sind. Nach zehn Jahren gibt es noch einen Schild dazu. Ich habe es nicht bis zum Schwert geschafft. Nach einem knappen Jahr habe ich das Handtuch geworfen, obwohl mir der Job wirklich Spaß gemacht hat. Aber mir fehlte einfach mein Zuhause, ich vermisste Freunde und Familie und Berlin. Gäbe es den Job auch hier, würde ich ihn sicher noch immer machen. Aber acht Stunden am Tag in einer virtuellen Welt rumzulaufen und dann nach Feierabend in einem fremden Land zu sein ist ein bisschen viel. Jetzt habe ich wieder einen Job, der etwas mit Videospielen zu tun hat. Aber einen so coolen Beruf wie Gamemaster findet man so leicht nicht wieder.

Aufgeschrieben von Sonja Müller

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