Tennis-Rebellen Wii are the Champions

Im ersten Verein für virtuelles Tennis fliegen keine Filzbälle: Die "Tennisfreunde Berliin" spielen mit der Wii-Konsole statt mit Schlägern. Ihr mobiler Tennisplatz stand schon in Berliner Clubs und unter litauischen Brücken. Hauptsache nicht im Wohnzimmer.

Von Christian Fuchs


Magdalena Pohlus schwingt ihre Hüfte. Sie steht auf dem Center Court, ihr Cord-Röckchen flattert im Takt der Bewegungen. Plötzlich schmettert sie einen unsichtbaren Ball zurück auf die andere Seite. "30:15" dröhnt es aus den Lautsprechern. Ihre Gegnerin mit Hochsteckfrisur wankt. Die Vorhand saß. Dabei hat Magdalena bis vor wenigen Minuten noch nie in ihrem Leben Tennis gespielt.

Die 24-jährige Schauspielschülerin ist eher zufällig auf den Mini-Tennisplatz im Berliner Hinterhofclub "c-base" gestolpert. Kein Problem, denn hier wird keine sportliche Rasenplatzperfektion verlangt. Der "c-base Cup 2009" ist eine Art Grand Slam-Turnier für virtuelles Tennis. Gespielt wird ausschließlich mit der Wii-Konsole. Junge Männer mit Fellwesten treten gegen Mädels mit Ponyfrisur und spitzen Lederstiefeln an. Als Gewinn winken eine Flasche Schampus und ein Jute-Beutel.

Hinter dem ungewöhnlichen Tennisturnier zu nächtlicher Stunde stecken die "Tennisfreunde Berliin e.V." Die zwei "i" im Namen sind kein Tippfehler, sondern Hinweis auf das Spielgerät der Sportfreunde - und dienen auch dazu, sich von traditionellen Tennisvereinen abzusetzen.

Raus aus dem Wohnzimmer, rein ins Leben

Die Designer Jakob Lehr, Dennis Paul und Patrick Kochlik haben die sportliche Drückerkolonne gegründet: Seit zwei Jahren messen sie sich in öffentlichen Matches – nur eben nicht mit gelben Filzbällen, sondern durch drücken und schwingen der Controller, so heißt die Fernbedienung der Wii. Zwei gekreuzte Controller, umrundet von einem Lorbeerkranz, schmücken auch das Logo des 2007 gegründeten Clubs - dem ersten Tennisverein für digitale Leibesertüchtigung auf der Welt.

"40:15" scheppert es aus den Boxen. Magdalena streckt die Faust in die Höhe und ruft laut "Wer führt denn überhaupt?" in die qualmige Luft des Nachtclubs. Um das 6 mal 4 Meter große Feld stehen ungefähr hundert Menschen, quatschen, rauchen, nippen an Bierflaschen und lauschen dem elektronischen Gekrächze aus den Lautsprechern. Die Spieler stehen einander, dank einer Konstruktion aus Leinwand, Videosplitter und zwei Beamern, tatsächlich gegenüber - das elektronische Spielfeld steht senkrecht zwischen ihnen, beidseitig mit Projektionen bedeckt.

Auch wenn der Sport Tennis heißt, erinnert das Turnier eher an eine Lan-Party als an ein Spiel mit Ivan Lendl. Dreißig Meter weißes Klebeband, eine Spielkonsole, zwei Fernbedienungen, ein Verstärker, ein Videosplitter, zwei Beamer und eine Leinwand haben das "c-base" in eine temporäre Tennisarena verwandelt. Die gesamte Technik passt in ein kleines Metallköfferchen, damit sind die Tennisfreunde mobil.

Vergangenes Jahr gaben sie ein Gastspiel in Vilnius. Auf Einladung der litauischen Kulturhauptstadt organisierten sie ein Turnier unter freiem Himmel, das sie kurzerhand unter eine Brücke verlegten, als es anfing zu regnen. Dieses Jahr fliegen sie nach London, wo sie im "Royal College of Art" aufschlagen sollen. "Das sind immer schöne Erfahrungen, nie wäre ich sonst mit litauischen Jugendlichen ins Gespräch gekommen, die sich auch für elektronische Lebensaspekte interessieren", sagt Jakob Lehr.

Der 33-jährige Designer trägt ein weißes Polo-Hemd und überwacht die Spiele von einem Monitor aus. "Wir wollten die Konsole in die öffentliche Arena bringen", sagt er, "weil Videospielen bisher eine Wohnzimmer-Kulturtechnik war." Ihr Verein sei der spielerische Versuch, zu zeigen, dass Videospiele die Nutzer nicht zu gewalttätigen Losern machten.

Kommerz kein Teil des Konzepts

"Tennis kannten wir davor nur aus der Schwarzwaldklinik", sagt Jakob. Weil das Spiel aber leicht erlernbar ist und Menschen zusammenbringt, war es ideal für die Vereinsidee. Solch ein theoretischer Überbau klingt nicht nach Boris Becker. Die Tennisfreunde sehen sich auch eher als Kulturschaffende denn als Sportler.

Mittlerweile haben sie mit ihrer neuen Sportart eine kleine Welle ausgelöst. Eine Partei hat bereits bei ihnen angefragt, ob sie die Wii-Idee im Wahlkampf kopieren darf, und im November 2008 eröffnete am Berliner Alexanderplatz die angeblich weltweit erste Wii-Lounge "Play", in der man mit Freunden statt zu Karaoke zum Konsolenzocken einkehren soll.

Diese kommerzielle Nutzung lehnen die Tennisfreunde ab. "Für uns ist das nur Spaß, für die Preise werden wir auch heute wieder drauflegen", sagt Jakob und zieht an einer Kippe. Auf ihrer Website distanzieren sie sich auch vom Hersteller der Wii, sie seien "in keiner Weise mit der Nintendo of Europe GmbH verbunden".

Trotzdem beobachtet der japanische Konzern, der die Wii als Wellness-Werkzeug für sportive Senioren und Fitnessgerät vermarktet, das Treiben der Tennis-Rebellen: "Die Idee, Wii-Sportvereine zu gründen, ist sehr originell. Es freut uns, wenn unsere Spiele Menschen zu neuen Formen der Unterhaltung animieren", sagt Marketingleiter Pascal Schmidt. Dass seine saubere Konsole in einem Umfeld zwischen Zigaretten und Bier genutzt wird, stört ihn nicht. "Ich denke, sich zu bewegen kann nie schaden. Was einzelne Veranstalter tun, geschieht jedoch auf eigene Initiative."

Matchball. Magdalena drischt ein Ass über das virtuelle Netz, das Spiel ist beendet. Jubelnd rennt sie zur Leinwand in der Spielfeldmitte. Sie gibt ihrer Gegnerin die Hand, diese bedankt sich mit einen Knicks. Zumindest die Siegeszeremonie ist bereits Weltranglisten-reif.

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