Trends Vom Gameboy zum Teachboy

Mobile wie stationäre Spielekonsolen galten Eltern einst als Geräte, mit denen Kinder nur ihre Zeit verplempern. Heute zocken auch die Eltern - und entdecken die Apparate als handliche Trainings- und Lernhilfen. Nintendo hat Ambitionen, jetzt auch den Bildungsbereich zu erobern.

Von Thomas Feibel


Früher war der Gameboy unter Eltern nicht sonderlich beliebt. Mütter und Väter konnten einfach nicht begreifen, wieso ihr Nachwuchs stundenlang fasziniert Knöpfe und Steuerkreuz knetete, um seine Pokémons zu trainieren. Doch spätestens seitdem der Nintendo DS erschien, gehören neben Kindern nun auch Erwachsene zur Zielgruppe. Fleißig trainieren sie ihr Hirn, üben Kopfrechnen und pauken Englischvokabeln.

Weltweit sollen sich über 80 Millionen Geräte verkauft haben und inzwischen erscheinen auch mehr und mehr Lern- und Trainingsprogramme für Kinder. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Übungseinheiten eignen sich auch mal für das schnelle Zwischendurch, die Kinder ziehen sich damit zurück und absolvieren damit freiwillig die eine oder andere Lektion, es gibt keine tablettgroße Tastatur als Hemmschwelle, eine umständliche Installation wie am PC fällt sowieso weg - und die Akkus halten ewig.

Keine Utopie: mobile Lernspiele

"Kinder haben ihren DS immer dabei", erklärt Axel Ruske von der Firma Braingame, die mit dem "Englisch Buddy" (50.000 verkaufte Exemplare allein im deutschsprachigen Raum, 100.000 in Europa) einen veritablen Hit gelandet haben. Ruske: "Spielerisches Lernen auf dem Rücksitz im Auto, im Schulbus, unter der Bettdecke oder zusammen mit Freunden auf der Wiese oder zu Hause – all das geht mit einem PC nicht. Der DS hat bereits die spielerische Komponente allein durch seine Handhabung eingebaut."

Das ist kein Marketing-Sprech, sondern beschreibt die Situation: Lernsoftware, die auf dem PC stets bei Eltern populärer war als bei der anvisierten Zielgruppe, scheint auf mobilen Konsolen tatsächlich zu funktionieren. Aktuell steht das bereits seit zwei Jahren verkaufte Englisch-Lernprogramm noch immer auf Rang 12 der beliebtesten DS-Spiele bei Amazon - für eine Lernsoftware ist das bemerkenswert.

Einmal mehr zeigt sich die vielseitige Weitsicht bei der Entwicklung der Spielkonsole: Dazu gehört das eingebaute Mikrofon und der mit dem Stylus beschreibbare Touchscreen. Ein Argument, dass auch den Klett Verlag überzeugt. "Aus didaktischer Sicht halte ich die Schrifterkennung bei Nintendo DS gewinnbringend für das Sprachen lernen", erklärt Elizabeth Webster, Geschäftsführerin von Klett Sprachen, die Titel plant. "Durch die Verbindung von Handbewegung und Gehirn wird der Lernweg recht natürlich und der Lerneffekt verstärkt."

Jetzt kommen die Schulbuch-Verlage

Berührungsängste mit einer Spielkonsole als Lernvermittler kennt Webster nicht. "Indem wir Freizeitgeräte wie Nintendo DS zu Lernzwecken einsetzen, holen wir die Kinder dort ab, wo sie sind: Spaß und Motivation werden mit notwendigen Lerninhalten verbunden."

Im ganzen Hause Klett sind Produkte zu Sprachen, Deutsch und Mathematik geplant. Auch der Berliner Cornelsen Verlag ist in der Konzeptionsphase für Deutsch- und Mathetitel. Carsten Kindermann , dort Abteilungsleiter Geschäftsentwicklung Digitale Medien, ist begeistert: "Nintendo hat mit dem DS eine Plattform kreiert, die erstmals auf einer mobilen Konsole die für qualitativ hochwertige Lernsoftware notwendigen Interaktionsformen ermöglicht. Und hat mit seinen eigenen Titeln gleich noch den Nachweis erbracht, dass mit dem NDS auch praktisch trainiert und gelernt wird. Bei der hohen Verbreitung des NDS bei Kindern und Jugendlichen ergibt sich für uns damit eine neue und vielversprechende Plattform für unsere digitalen Lernprodukte."

Wenn sich Schulbuchverlage nun auf einer Spielkonsole engagieren, ist doch der Gedanke nahe liegend, dass der NDS mit seinen hohen Verbreitungszahlen demnächst seinen Siegeszug in den Schulen antreten könnte.

DS im Unterricht?

"Auf den Nachmittagsmarkt zielen wir natürlich ohnehin", erklärt Sebastian Weber, Verlagsleiter Selbstlernen bei PONS, der auch am "English Buddy" beteiligt war, "aber der Einzug des DS in Schulen ist alles andere als utopisch. Wir arbeiten mit daran, diese Türen zu öffnen."

Erste Annäherungen an Schulen weltweit gibt es schon. In Tokio wird der Einsatz des DS im Mathematikunterricht mit großem Erfolg getestet, im westjapanischen Yawata üben damit die Kinder jeden Morgen zehn Minuten lang Vokabeln. Eine Studie aus Schottland bescheinigt 600 Grundschülern, sehr gute Lernerfahrungen mit der Taschenkonsole gemacht zu haben.

Auch in Wien gibt es bereits Modellversuche, und sogar in Deutschland finden erste Gespräche mit Schulen und Lehrern statt. Zwar würde Nintendo nie offiziell verlautbaren, mit ihren Konsolen den ohnehin schwierigen Schulmarkt erobern zu wollen, aber etwas dagegen hätten die Japaner bestimmt auch nicht.

Nintendo gibt sich bescheiden

"Der Nintendo DS ist nicht in erster Linie für den Einsatz in Schulen konzipiert", erklärt Lea Treese von Nintendo. "Durch seine technische Ausstattung – den Touchscreen, das eingebaute Mikrofon – eignet er sich aber sehr gut für die Anpassung schulischer Inhalte, etwa im Bereich Mathematik und Sprachenlernen. Unsere Erfahrung im Umgang mit Schulen ist, dass Lehrer viel besser als wir abschätzen können, inwiefern sich der Nintendo DS oder auch Wii in den Unterricht integrieren lassen. Hier sind eindeutig sie die Experten, nicht wir."

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Nintendo seine Konsole auch als pädagogischen Wissensvermittler etablieren möchte. Nur so lässt sich die Präsenz des japanischen Konzerns auf der Frankfurter Buchmesse erklären. Auch ein Auftritt auf der nächsten Bildungsmesse ist geplant. Zum einen steigt so natürlich die Akzeptanz des Gerätes, zum anderen kommen immer mehr Lern- und Nachschlageanbieter auf die Idee, ihre Inhalte für den DS aufzubreiten. Nintendo hat auf jeden Fall etwas davon, schließlich ist diese Plattform vor allem ein profitables Lizenzgeschäft.

Übrigens: Mit dem Nintendo DS in der Schule würde auch das Mogeln und Spicken eine neue Dimension erfahren. Denn die Schüler können sich mühelos per Wi-Fi austauschen.



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