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US-Armee: Reha-Spiele an der Wii-Konsole

Von , Landstuhl

Im US-Militärhospital Landstuhl lassen Ergotherapeuten Soldaten an Konsolen daddeln: Die Spiele motivieren die Verletzten mehr als Knetkugeln, kaputte Gelenke zu bewegen. Doch trotz erster Erfolge ruht das Projekt - die Chefs eines Patienten mochten es nicht, dass ein Soldat auf Rezept spielt.

Sergeant Bryan Vallerie trägt beige, wadenhohe Militärstiefel, Tarnanzug, auf der rechten Schulter die US-Flagge und das Airborne-Abzeichen. Seine Oberarme sind dicker als Baseball-Schläger. Man würde den 30-Jährigen einen Stiernacken nennen - wäre er nicht gerade dabei, einen kleinen Metallring einen kompliziert gebogenen Draht entlang zu navigieren. "Immer nur aus dem Handgelenk bewegen!", sagt Vallerie und dreht das Drahtgeflecht nach rechts, dann nach vorn und lässt den Metallring wieder dem Ziel entgegen gleiten.

Vallerie ist der Herr der wundersamen Spielzeuge im Landstuhl Regional Medical Center (LRMC), dem größten US-Militärkrankenhaus außerhalb der Vereinigten Staaten. Der Ergotherapeut hat in seiner Abteilung Murmeleimer, Nagelbretter, Knetkugeln, Hämmer und ploppende Kegel. Das alles steht oder liegt zwischen gewöhnlichen Trainingsmaschinen in einem Wintergarten.

Hämmer und Ringspiele als Therapie-Werzeuge

Mit den Werkzeugen muss Vallerie Soldaten motivieren, das zu tun, was ihnen den größten Schmerz bereitet: Das Handgelenk, das zwei Schrauben zusammenhalten, zu drehen. Den Arm zu heben, den ein Geländewagen zerquetscht hat. Immer wieder, in den Therapie-Stunden, in der Freizeit.

Doch die klassischen Reha-Spiele sind nicht besonders reizvoll für Soldaten, die mit der Playstation aufgewachsen sind: "Unsere bisherigen Therapie-Werkzeuge motivieren nicht jeden Patienten, damit auch in seiner Freizeit zu spielen", sagt Vallerie. Mit seinem Kollegen Sergant Jason Lord brütete er über dem Problem, vor zwei Monaten hatten sie die Lösung: Videospiele mit der Wii-Konsole. Vallerie und Lord liehen sich die Wii-Konsole eines Kollegen im Krankenhaus und begannen das Training mit einem Freiwilligen: Shawn Roberts.

Laser-Hockey als Bewegungstherapie

Roberts war im April in Kuwait mit einem Geländewagen verunglückt. Die Folgen: Handgelenk und Ellbogen gebrochen, ein Schultermuskel teilweise abgerissen. Nach einem Monat in Landstuhl konnte er mit dem Bewegungstraining beginnen. Er drehte sein mit Schrauben geflicktes Handgelenk beim Minispiel "Laser Hockey" aus dem Wii-Play-Paket, beugte den Ellbogen beim "Tennis"-Spiel aus dem Wii-Sportpaket.

Valleries Fazit des Therapie-Experiments: "Die Spiele fesseln die Patienten und lenken so sehr gut vom Schmerz ab." Das sei wichtig - der Betroffene soll die Übungen möglichst oft machen.

Spiele auf Rezept gefallen Vorgesetzten nicht

All das hat Patient Roberts auch der US-Militärzeitung "Stars & Stripes" bestätigt. Der Artikel begann dann so: "Shawn Roberts muss Videospiele spielen. Auf ärztliche Anweisung." Spiele? Als Therapie? "Das hat Roberts Vorgesetzten nicht gefallen", sagt Lord. Er blickt nach oben, scheint unangenehm berührt. "Nun ja, das hätte auch besser ankommen können."

Inzwischen ist Roberts wieder in Kuweit. Die Wii-Konsole braucht Valleries Kollege gerade selbst – die Kinder sind zu Besuch. Und Lord und Vallerie wollen nicht mehr allzu offensiv für ihre Games-Therapie werben. Sie suchen einen Weg, "eine Konsole für die Patienten zu bekommen, ohne Ärger zu kriegen", sagt Lord. Das scheint in der US-Armee gar nicht so einfach zu sein.

Vallerie und Lord sitzen sich gegenüber, an ihrem großen Holztisch und umkreisen das Problem. Sie reden schnell, kommen aber nur langsam zum Kern der Sache. Warum nicht einfach eine Konsole beantragen? Das ist nicht so einfach, auf den Inventarlisten steht die Wii nicht, im Armee-Kaufhaus, dem "Army Airforce Exchange Service" gibt es sie nicht. Eine deutsche Konsole? Geht nicht, da laufen US-Spiele ja nicht.

Und überhaupt: Der offizielle Weg könnte Ärger bringen. "Wir bräuchten Gutachten, wir müssten klären, wer die Konsole repariert", denkt Vallerie laut. Lord wirft ein: "Unsere Techniker können viel – aber eine Wii reparieren, hmm, vielleicht nicht." Beide lachen. Eine Spende könnten sie annehmen – aber bitten dürfen sich nicht darum. Das sind die Regeln.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
DeineMudda 19.07.2007
Das Spiel heißt "Laser-Hockey" und nicht "Laser-Tennis". Es gehört auch nicht zu "Wii-Sports" sondern zu "Wii-Play".
2.
newsknight 19.07.2007
Beruhigend, zu lesen, dass es auch anderswo Bürokraten gibt, die offiziell die Beschaffung einer "Reha-Wii" verhindern, was insoweit aber durchaus verwundert, weil die US-Armee mit "Americas Army" ja sogar ein PC-Game als Rekrutierungs-Tool anbietet.
3. Minderwertige Kulturgüter
descartes101, 19.07.2007
Zitat von newsknightBeruhigend, zu lesen, dass es auch anderswo Bürokraten gibt, die offiziell die Beschaffung einer "Reha-Wii" verhindern, was insoweit aber durchaus verwundert, weil die US-Armee mit "Americas Army" ja sogar ein PC-Game als Rekrutierungs-Tool anbietet.
Ist ja auch die generelle Einstellung der deutschen Obrigkeit, dass Videospiele, wenn überhaupt, ein bestenfalls minderwertiges Kulturgut sind, dem positive Effekte kategorisch abgesprochen werden. Was wirkliche Fachleute Fachleute dazu zu sagen haben, interessiert keinen Entscheidungsträger. Da ist, ganz wie bei uns, der Schein das Wichtigste. Dass die Videospielindustrie mittlerweile ein bedeutender Wirtschaftszweig ist, der bisher ungebremst wächst wird ebenso verdrängt wie die Tatsache, dass viele auch jenseits der 30 solche Spiele konsumieren, auch und gerade Menschen mit starkem Bildungshintergrund. Sind natürlich alles Idioten, wenn man den entsprechenden Politikern zuhört. Solch eine Fehleinschätzung passiert, wenn man wirklichen Idioten die Deutungshoheit überlässt, dann sind natürlich alle normalen plötzlich dumm. Und wenn man ein wirksames Rekrutierungswerkzeug braucht, geht natürlich alles, besonders in den USA (s.o., America's Army).
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