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Verbots-Debatte: Breitseite gegen Killerspiel-Jäger Pfeiffer

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Will Deutschlands lautester Killerspiel-Kritiker Pfeiffer die Unterhaltungs-Softwareselbstkontrolle killen, um an deren Gelder zu kommen? Die USK und Deutschlands Spieleentwickler sind wütend auf den Professor aus Hannover und werfen ihm Eigennutz vor.

Die Deutschen machen keine Killerspiele. Gut, es gibt da eine Firma in Frankfurt, die weltweit erfolgreiche Egoshooter herstellt. Ansonsten aber machen deutsche Entwickler ziemlich deutsche Spiele. Oft sind sie gar zu komplex für den internationalen Markt, klagen manche: Adventures, Strategie- und Rollenspiele. Den Deutschen Entwicklerpreis für das beste Spiel des Jahres 2006 bekam am Mittwoch in der Essener Lichtburg "Anno 1701": ein Spiel, bei dem man mit Handel, Handwerk und Seefahrt ein karibisches Inselreich besiedelt. (Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der Autor dieser Zeilen Mitglied der 28-köpfigen Jury war - alle Preisträger finden Sie hier.) Ein Spiel, in dem man auf Menschen schießt, war nicht nominiert.

Trotzdem ging es den ganzen Abend immer wieder ums Branchen-Reizthema dieser Tage: die Gewaltspiele-Debatte. Es gab Seitenhiebe auf Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU), böse Worte gegen den omnipräsenten Kriminologen Christian Pfeiffer – und einen Spezialpreis für die Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK): den deutschen Videospiel-Jugendschutz. Die USK ist derzeit unter Beschuss. Den deutschen Entwicklern, die doch gar nicht unter Gewaltverdacht stehen, kam es auf einen demonstrativen Schulterschluss mit der Prüfstelle an.

Mehrere Millionen Euro können Begehrlichkeiten wecken

Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), möchte die USK abschaffen. Oder, sagen manche, ihren Job übernehmen – und die dafür vorgesehenen Gelder gleich mit. Die Hersteller bezahlen dafür, wenn ein Spiel durch die USK geprüft wird. Jährlich werden dort so mehrere Millionen Euro umgesetzt.

Pfeiffers KFN ist eine ungewöhnliche Einrichtung: Üppig ausgestattet mit Fördergeldern des Landes Niedersachsen, vieler Landes- und Bundesministerien, der Volkswagen-Stiftung und anderer Geldgeber produziert es Forschung – die Institutsdirektor Pfeiffer dann meist im Fernsehen präsentiert. Er spricht mit warmer Stimme, formuliert geschliffen und unterstreicht was er sagt, mit knappen, klaren Gesten. Seine thematische Bandbreite macht Eindruck: Mal spricht er auf Phoenix über rechte Gewalt, mal in einem ARD-Politmagazin über Produktfälschungen aus Osteuropa, mal im ZDF über illegale Einwanderer und ganz besonders oft über Videospiele.

Schon lange vor dem Amoklauf in Emsdetten machte er eine kleine Tournee durch Fernsehsendungen und Zeitungen. Am 20. Oktober war er in "Aspekte" im ZDF, am 2. November in der "Zeit", nach dem Amoklauf in Emsdetten dann auf nahezu allen Kanälen. Immer mit der gleichen These: Die Alterseinstufungen der USK taugen nichts. Flankiert werden Pfeiffers Bemühungen von Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU), dem mancher bundespolitische Ambitionen nachsagt. Pfeiffer versorgt Schünemann und zum Beispiel auch Wolfgang Bosbach, den CDU-Fraktionsvizechef im Bundestag, außerdem mit Argumentationshilfen zum Thema.

Punkte für das Zersägen von Menschen?

In der öffentlichen Debatte entsteht dabei zuweilen der Eindruck, dass hierzulande Spiele erhältlich sind, die es in Wahrheit – dank USK – in Deutschland nicht zu kaufen gibt. Oder dass Gewaltszenen darin vorkommen, die eben – dank USK – in den deutschen Versionen nicht enthalten sind. Beispielsweise behauptete Schünemann in einem Interview unwidersprochen, die USK gebe Spiele frei, in denen es Punkte für das stückchenweise Zersägen von Menschen gibt. Fakt ist: Das stimmt nicht. In Essen ist bei der Preisverleihung unter den gut 700 Spieleentwicklern Wut darüber zu spüren, dass ihre Branche, ihr Markt verzerrt dargestellt werde.

Pfeiffer hat ein Forschungsprojekt eingeleitet, das die Bewertungskriterien der USK überprüfen soll. Obwohl dieses Projekt noch gar nicht abgeschlossen ist, steht ein erstes Ergebnis für ihn offenbar schon fest: "Bereits das Spielen der ersten 20 Spiele, die wir überprüft haben, weckt bei uns massive Zweifel, ob das System funktioniert", sagte Pfeiffer in "Aspekte". Er sprach von "Verletzungen der Menschenwürde".

USK-Geschäftsführer Klaus Spieler ist ein besonnener Mann. Mit seinem grauen Vollbart und einer bedächtigen Sprechweise erinnert er eher an einen Schulpsychologen als an einen kaltherzigen Gewalt-Apologeten. Aber als er den Spezialpreis der Jury für sein Haus entgegennahm, war er sauer. Spieler ging ans Mikrofon – und begann unmittelbar einen heftigen Angriff auf Christian Pfeiffer und seinen medizinischen Sekundanten, den Spiele-kritischen Neurologen Manfred Spitzer.

"Vorsicht Bildschirm!" und "Medienverwahrlosung"

Pfeiffer wolle die USK übernehmen, so Spieler sinngemäß. Ihm und Spitzer gehe es in Wahrheit aber nicht nur um Spiele: Sie verabscheuten die USK für ihre Schulungsprogramme für Pädagogen. Hunderttausende Kindergärtnerinnen würden von der Einrichtung im Umgang mit Computern und der Vermittlung von Medienkompetenz unterrichtet. Pfeiffer und Spitzer sei das zuwider, sagte Spieler. Sie wollten alle Bildschirme aus Kindergärten und Schulen verbannen. Er schloss mit den Worten: "Das ist reaktionär."

In der Tat ist Manfred Spitzer Autor eines Buches mit dem Titel "Vorsicht Bildschirm!", Christian Pfeiffer darf als Erfinder des Begriffs "Medienverwahrlosung" gelten – auch wenn das entsprechende Forschungsprojekt inzwischen nicht mehr so heißt.

Bei der USK ist man inzwischen überzeugt zu wissen, was Pfeiffer motiviert: Er wolle ihren Finanztopf haben. Auch der Unions-Politiker Thomas Jarzombek, Beauftragter für neue Medien der CDU-Fraktion im Landtag Nordrhein-Westfalens, legte in seiner Rede in Essen nahe, Pfeiffer könne es auf die Mittel der USK abgesehen haben. Aber, fügte der Landtagsabgeordnete mit einem Lächeln hinzu, das sei "natürlich nur ein Gedankenspiel". Christian Pfeiffer weilt derzeit im Urlaub und war für eine Reaktion auf die bei der Preisverleihung formulierten Vermutungen und Vorwürfe, es gehe ihm um die Aufgaben und die Mittel der USK, nicht zu erreichen.

Klar ist: Sollte der Kriminologe es wirklich auf die Mittel der USK abgesehen haben, käme ihm das aktuell in der Union diskutierte "Killerspiel"-Verbot kaum entgegen. Pfeiffer jedenfalls mahnt inzwischen zur Besonnenheit: Er halte ein zusätzliches strafrechtliches Verbot der Spiele "für wenig sinnvoll", ließ er die Nachrichtenagentur dpa am Dienstag wissen. Er habe den Innenministern der Länder "eigene Thesen und Vorschläge zugeleitet".

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Deutscher Entwicklerpreis: Streit um die USK

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